Der
achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
Karl Marx

I
<115> Hegel bemerkte
irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich
sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal
als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidière für Danton, Louis
Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848-1851 für die Montagne von
1793-1795, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karikatur in den
Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten Brumaire
herausgegeben wird!
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber
sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten,
sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten
Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf
dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen,
sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade
in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die
Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen,
Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit
dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen. So
maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die
Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik
und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts
besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von
1793-1795 zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache
erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der
neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren
vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die
ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.
Bei Betrachtung jener weltgeschichtlichen
Totenbeschwörungen zeigt sich sofort ein springender Unterschied. Camille
Desmoulins, Danton, Robespierre, <116>
St-Just, Napoleon, die Heroen, wie die Parteien und die Masse der
alten französischen Revolution, vollbrachten in dem römischen Kostüme und
mit römischen Phrasen die Aufgaben ihrer Zeit, die Entfesselung und
Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Die einen
schlugen den feudalen Boden in Stücke und mähten die feudalen Köpfe ab,
die darauf gewachsen waren. Der andere schuf im Innern von Frankreich die
Bedingungen, worunter erst die freie Konkurrenz entwickelt, das
parzellierte Grundeigentum ausgebeutet, die entfesselte industrielle
Produktivkraft der Nation verwandt werden konnte, und jenseits der
französischen Grenzen fegte er überall die feudalen Gestaltungen weg,
soweit es nötig war, um der bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich eine
entsprechende, zeitgemäße Umgebung auf dem europäischen Kontinent zu
verschaffen. Die neue Gesellschaftsformation einmal hergestellt,
verschwanden die vorsündflutlichen Kolosse und mit ihnen das wieder
auferstandene Römertum – die Brutusse, Gracchusse, Publicolas, die
Tribunen, die Senatoren und Cäsar selbst. Die bürgerliche Gesellschaft in
ihrer nüchternen Wirklichkeit hatte sich ihre wahren Dolmetscher und
Sprachführer erzeugt in den Says, Cousins, Royer-Collards, Benjamin
Constants und Guizots, ihre wirklichen Heerführer
saßen hinter dem Kontortisch, und der Speckkopf Ludwigs XVIII. war ihr
politisches Haupt. Ganz absorbiert in die Produktion des Reichtums und in
den friedlichen Kampf der Konkurrenz begriff sie nicht mehr, daß die
Gespenster der Römerzeit ihre Wiege gehütet hatten. Aber unheroisch, wie
die bürgerliche Gesellschaft ist, hatte es jedoch des Heroismus bedurft,
der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs und der
Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen. Und ihre Gladiatoren
fanden in den klassisch strengen Überlieferungen der römischen Republik
die Ideale und die Kunstformen, die Selbsttäuschungen, deren sie bedurfte,
um den bürgerlich beschränkten Inhalt ihrer Kämpfe sich selbst zu
verbergen und ihre Leidenschaft auf der Höhe der großen geschichtlichen
Tragödie zu halten. So hatten auf einer andern Entwicklungsstufe, ein
Jahrhundert früher, Cromwell und das englische Volk dem Alten Testament
Sprache, Leidenschaften und Illusionen für ihre bürgerliche Revolution
entlehnt. Als das wirkliche Ziel erreicht, als die bürgerliche
Umgestaltung der englischen Gesellschaft vollbracht war, verdrängte Locke
den Habakuk.
Die Totenerweckung in jenen Revolutionen
diente also dazu, die neuen Kämpfe zu verherrlichen, nicht die alten zu
parodieren, die gegebene Aufgabe in der Phantasie zu übertreiben, nicht
vor ihrer Lösung in der Wirklichkeit zurückzuflüchten, den Geist der
Revolution wiederzufinden, nicht ihr Gespenst wieder umgehen zu machen.
<117> 1848-1851 ging nur das Gespenst der alten
Revolution um, von Marrast, dem Républicain en gants jaunes, <Republikaner
in gelben Handschuhen> der sich in den alten Bailly verkleidete, bis auf
den Abenteurer, der seine trivial-widrigen Züge unter der eisernen
Totenlarve Napoleons versteckte. Ein ganzes Volk, das sich durch eine
Revolution eine beschleunigte Bewegungskraft gegeben zu haben glaubt,
findet sich plötzlich in eine verstorbene Epoche zurückversetzt, und damit
keine Täuschung über den Rückfall möglich ist, stehn die alten Data wieder
auf, die alte Zeitrechnung, die alten Namen, die alten Edikte, die längst
der antiquarischen Gelehrsamkeit verfallen, und die alten Schergen, die
längst verfault schienen. Die Nation kömmt sich vor wie jener närrische
Engländer in Bedlam <Londoner Psychatrie>, der zur Zeit der alten
Pharaonen zu leben meint und täglich über die harten Dienste jammert, die
er in den äthiopischen Bergwerken als Goldgräber verrichten muß,
eingemauert in dies unterirdische Gefängnis, eine spärlich leuchtende
Lampe auf dem eigenen Kopfe befestigt, hinter ihm der Sklavenaufseher mit
langer Peitsche und an den Ausgängen ein Gewirr von barbarischen
Kriegsknechten, die weder die Zwangsarbeiter in den Bergwerken, noch sich
untereinander verstehn, weil sie keine gemeinsame Sprache reden. “Und dies
alles wird mir” – seufzt der närrische Engländer – “mir, dem freigebornen
Briten, zugemutet, um Gold für die alten Pharaonen zu machen.” “Um die
Schulden der Familie Bonaparte zu zahlen” – seufzt die französische
Nation. Der Engländer, solange er bei Verstand war, konnte die fixe Idee
des Goldmachens nicht loswerden. Die Franzosen, solange sie
revolutionierten, nicht die napoleonische Erinnerung, wie die Wahl vom 10.
Dezember bewies. Sie sehnten sich aus den Gefahren der Revolution zurück
nach den Fleischtöpfen Ägyptens, und der 2. Dezember 1851 war die Antwort.
Sie haben nicht nur die Karikatur des alten Napoleons, sie haben den alten
Napoleon selbst karikiert, wie er sich ausnehmen muß in der Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts.
Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre
Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern
nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie
allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren
Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um über
ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des neunzehnten
Jahrhunderts muß die Toten ihre Toten begraben lassen, um bei ihrem eignen
Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase über den Inhalt, hier geht der
Inhalt über die Phrase hinaus.
Die Februarrevolution war eine Überrumpelung, eine Überraschung
der <118> alten Gesellschaft, und das
Volk proklamierte diesen unverhofften Handstreich als eine
weltgeschichtliche Tat, womit die neue Epoche eröffnet sei. Am 2. Dezember
wird die Februarrevolution eskamotiert durch die Volte eines falschen
Spielers, und was umgeworfen scheint, ist nicht mehr die Monarchie, es
sind die liberalen Konzessionen, die ihr durch jahrhundertelange Kämpfe
abgetrotzt waren. Statt daß die Gesellschaft selbst sich einen
neuen Inhalt erobert hätte, scheint nur der Staat zu seiner
ältesten Form zurückgekehrt, zur unverschämt einfachen Herrschaft von
Säbel und Kutte. So antwortet auf den coup de main <Handstreich> vom
Februar 1848 der coup de tête <frech von oben geführter Streich> vom
Dezember 1851. Wie gewonnen, so zerronnen. Unterdessen ist die
Zwischenzeit nicht unbenutzt vorübergegangen. Die französische
Gesellschaft hat während der Jahre 1848-1851 die Studien und Erfahrungen
nachgeholt, und zwar in einer abkürzenden, weil revolutionären Methode,
die bei regelmäßiger, sozusagen schulgerechter Entwicklung der
Februarrevolution hätten vorhergehn müssen, sollte sie mehr als eine
Erschütterung der Oberfläche sein. Die Gesellschaft scheint jetzt hinter
ihren Ausgangspunkt zurückgetreten; in Wahrheit hat sie sich erst den
revolutionären Ausgangspunkt zu schaffen, die Situation, die Verhältnisse,
die Bedingungen, unter denen allein die moderne Revolution ernsthaft wird.
Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen
rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich,
Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der
Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt
erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die
Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.
Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts,
kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem
eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von
neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen
und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur
niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich
riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem
zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis
die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die
Verhältnisse selbst rufen
Hic
Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze!
<119> Jeder erträgliche Beobachter
übrigens, selbst wenn er nicht Schritt vor Schritt den Gang der
französischen Entwicklung gefolgt war, mußte ahnen, daß der Revolution
eine unerhörte Blamage bevorstehe. Es genügte, das selbstgefällige
Siegesgekläffe zu hören, womit die Herren Demokraten sich wechselweis zu
den Gnadenwirkungen des zweiten [Sonntags des Monats] Mai 1852
beglückwünschten. Der zweite [Sonntag des Monats] Mai 1852 war in den
Köpfen zur fixen Idee geworden, zum Dogma, wie der Tag, an dem Christus
wiedererscheinen und das Tausendjährige Reich beginnen sollte, in den
Köpfen der Chiliasten. Die Schwäche hatte sich wie immer in den
Wunderglauben gerettet, glaubte den Feind überwunden, wenn sie ihn in der
Phantasie weghexte, und verlor alles Verständnis der Gegenwart über die
tatlosen Verhimmelung der Zukunft, die ihr bevorstehe, und der Taten, die
sie in petto habe, aber nur noch nicht an den Mann bringen wolle. Jene
Helden, die ihre bewiesene Unfähigkeit dadurch zu widerlegen suchen, daß
sie sich wechselseitig ihr Mitleiden schenken und sich zu einem Haufen
zusammentun, hatten ihre Bündel geschnürt, strichen ihre Lorbeerkronen auf
Vorschuß ein und waren eben damit beschäftigt, auf dem Wechselmarkt die
Republiken in partibus diskontieren zu lassen, für die sie bereits in
aller Stille ihres anspruchslosen Gemüts das Regierungspersonal
vorsorglich organisiert hatten. Der 2. Dezember traf sie wie ein
Blitzstrahl aus heiterm Himmel, und die Völker, die in Epochen
kleinmütiger Verstimmung sich gern ihre innere Angst von den lautesten
Schreiern übertäuben lassen, werden sich vielleicht überzeugt haben, daß
die Zeiten vorüber sind, wo das Geschnatter von Gänsen das Kapitol retten
konnte.
Die Konstitution, die Nationalversammlung, die dynastischen Parteien, die
blauen und die roten Republikaner, die Helden von Afrika, der Donner der
Tribüne, das Wetterleuchten der Tagespresse, die
gesamte Literatur, die politischen Namen und die geistigen Renommeen, das
bürgerliche Gesetz und das peinliche Recht, die liberté, égalité,
fraternité <Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit> und der zweite [Sonntag
des Monats] Mai 1852 – alles ist verschwunden wie eine Phantasmagorie vor
der Bannformel eines Mannes, den seine Feinde selbst für keinen
Hexenmeister ausgeben. Das allgemeine Wahlrecht scheint nur einen
Augenblick überlebt zu haben, damit es eigenhändig vor den Augen aller
Welt sein Testament mache und im Namen des Volkes selbst erkläre: “Alles,
was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht”.
Es genügt nicht zu sagen, wie die Franzosen tun, daß ihre Nation
überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbewachte
Stunde <120> nicht verziehen, worin
der erste beste Abenteurer ihnen Gewalt antun konnte. Das Rätsel wird
durch dergleichen Wendungen nicht gelöst, sondern nur anders formuliert.
Es bliebe zu erklären, wie eine Nation von 36 Millionen durch drei
Industrieritter überrascht und widerstandslos in die Gefangenschaft
abgeführt werden kann.
Rekapitulieren wir in allgemeinen Zügen die Phasen, die die französische
Revolution vom 24. Februar 1848 bis zum Dezember 1851 durchlaufen hat.
Drei Hauptperioden sind unverkennbar: die Februarperiode; 4.
Mai 1848 bis zum 28. Mai 1849: Periode der Konstituierung der
Republik oder der konstituierenden Nationalversammlung; 28.
Mai 1849 bis zum 2. Dezember 1851: Periode der konstitutionellen
Republik oder der legislativen Nationalversammlung.
Die erste Periode vom 24. Februar oder dem Sturze Louis-Philippes
bis zum 4. Mai, dem Zusammentritt der konstituierenden Versammlung, die
eigentliche Februarperiode, kann als der Prolog der
Revolution bezeichnet werden. Ihr Charakter sprach sich offiziell darin
aus, daß die von ihr improvisierte Regierung sich selbst für
provisorisch erklärte, und wie die Regierung gab alles, was in dieser
Periode angeregt, versucht, ausgesprochen wurde, sich nur für
provisorisch aus. Niemand und nichts wagte das Recht des Bestehens
und der wirklichen Tat für sich in Anspruch zu nehmen. Alle Elemente, die
die Revolution vorbereitet oder bestimmt hatten, dynastische Opposition,
republikanische Bourgeoisie, demokratisch-republikanisches Kleinbürgertum,
sozial-demokratisches Arbeitertum, fanden provisorisch ihren Platz in der
Februar-Regierung.
Es konnte nicht anders sein. Die Februartage bezweckten ursprünglich eine
Wahlreform, wodurch der Kreis der politisch Privilegierten unter der
besitzenden Klasse selbst erweitert und die ausschließliche Herrschaft der
Finanzaristokratie gestürzt werden sollte. Als es aber zum wirklichen
Konflikt kam, das Volk auf die Barrikaden stieg, die Nationalgarde sich
passiv verhielt, die Armee keinen ernstlichen Widerstand leistete und das
Königtum davonlief, schien sich die Republik von selbst zu verstehn. Jede
Partei deutete sie in ihrem Sinn. Von dem Proletariat, die Waffen in der
Hand, ertrotzt, prägte es ihr seinen Stempel auf und proklamierte sie als
soziale Republik. So wurde der allgemeine Inhalt der
modernen Revolution angedeutet, der in sonderbarstem Widerspruch stand zu
allem, was mit dem vorliegenden Material, mit der erreichten Bildungsstufe
der Masse, unter den gegebenen Umständen und Verhältnissen zunächst
unmittelbar ins Werk gesetzt werden konnte. Andererseits wurde der
Anspruch aller übrigen Elemente, die zur Februarrevolution mitgewirkt
hatten, anerkannt in dem Löwenanteil, den sie <121>
an der Regierung erhielten. In keiner Periode finden wir daher ein
bunteres Gemisch von überfliegenden Phrasen und tatsächlicher Unsicherheit
und Unbeholfenheit, von enthusiastischerem Neuerungsstreben und von
gründlicherer Herrschaft der alten Routine, von mehr scheinbarer Harmonie
der ganzen Gesellschaft und von tieferer Entfremdung ihrer Elemente.
Während das Pariser Proletariat noch in dem Anblicke der großen
Perspektive, die sich ihm eröffnet hatte, schwelgte und sich in
ernstgemeinten Diskussionen über die sozialen Probleme erging, hatten sich
die alten Mächte der Gesellschaft gruppiert, gesammelt, besonnen und
fanden eine unerwartete Stütze an der Masse der Nation, den Bauern und
Kleinbürgern, die alle auf einmal auf die politische Bühne stürzten,
nachdem die Barrieren der Julimonarchie gefallen waren.
Die zweite Periode vom 4. Mai 1848 bis Ende Mai 1849 ist die
Periode der Konstituierung, der Begründung der bürgerlichen Republik.
Unmittelbar nach den Februartagen war nicht nur die dynastische Opposition
überrascht worden durch die Republikaner, die Republikaner durch die
Sozialisten, sondern ganz Frankreich durch Paris. Die Nationalversammlung,
die am 4. Mai 1848 zusammentrat, aus den Wahlen der Nation hervorgegangen,
repräsentierte die Nation. Sie war ein lebendiger Protest gegen die
Zumutungen der Februartage und sollte die Resultate der Revolution auf den
bürgerlichen Maßstab zurückführen. Vergebens versuchte das Pariser
Proletariat, das den Charakter dieser Nationalversammlung sofort begriff,
ihre Existenz gewaltsam wegzuleugnen, sie aufzulösen, die organische
Gestalt, worin der reagierende Geist der Nation es bedrohte, wieder in
ihre einzelne Bestandteile zu zerstreuen. Der 15. Mai hatte bekanntlich
kein anderes Resultat, als Blanqui und Genossen, d.h. die wirklichen
Führer der proletarischen Partei, für die ganze Dauer des Zyklus, den wir
betrachten, vom öffentlichen Schauplatz zu entfernen.
Auf die bürgerliche Monarchie Louis-Philippes kann nur die
bürgerliche Republik folgen, d.h., wenn unter dem Namen des Königs
ein beschränkter Teil der Bourgeoisie geherrscht hat, so wird jetzt im
Namen des Volks die Gesamtheit der Bourgeoisie herrschen. Die Forderungen
des Pariser Proletariats sind utopistische Flausen, womit geendet werden
muß. Auf diese Erklärung der konstituierenden Nationalversammlung
antwortete das Pariser Proletariat mit der Juni-Insurrektion, dem
kolossalsten Ereignis in der Geschichte der europäischen Bürgerkriege. Die
bürgerliche Republik siegte. Auf ihrer Seite stand die Finanzaristokratie,
die industrielle Bourgeoisie, der Mittelstand, die Kleinbürger, die Armee,
das als Mobilgarde organisierte Lumpenproletariat, die geistigen
Kapazitäten, die Pfaffen und die Landbevölkerung.
<122> Auf der Seite des Pariser Proletariats stand niemand
als es selbst. Über 3.000 Insurgenten wurden niedergemetzelt nach dem
Siege, 15.000 ohne Urteil transportiert. Mit dieser Niederlage tritt das
Proletariat in den Hintergrund der revolutionären Bühne. Es
versucht sich jedesmal wieder vorzudrängen, sobald die Bewegung einen
neuen Anlauf zu nehmen scheint, aber mit immer schwächerem Kraftaufwand
und stets geringerem Resultat. Sobald eine der höher über ihm liegenden
Gesellschaftsschichten in revolutionäre Gärung gerät, geht es eine
Verbindung mit ihr ein und teilt so alle Niederlagen, die die
verschiedenen Parteien nacheinander erleiden. Aber diese nachträglichen
Schläge schwächen sich immer mehr ab, je mehr sie sich auf die ganze
Oberfläche der Gesellschaft verteilen. Seine bedeutenderen Führer in der
Versammlung und in der Presse fallen der Reihe nach den Gerichten als
Opfer, und immer zweideutigere Figuren treten an seine Spitze. Zum Teil
wirft es sich auf doktrinäre Experimente, Tauschbanken und
Arbeiterassoziationen, also in eine Bewegung, worin es darauf verzichtet,
die alte Welt mit ihren eigenen großen Gesamtmitteln umzuwälzen, vielmehr
hinter dem Rücken der Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb seiner
beschränkten Existenzbedingungen, seine Erlösung zu vollbringen sucht,
also notwendig scheitert. Es scheint weder in sich selbst die
revolutionäre Größe wiederfinden noch aus den neu eingegangenen
Verbindungen neue Energie gewinnen zu können, bis alle Klassen,
womit es im Juni gekämpft, neben ihm selbst platt darniederliegen. Aber
wenigstens erliegt es mit den Ehren des großen weltgeschichtlichen
Kampfes; nicht nur Frankreich, ganz Europa zittert vor dem Juni-Erdbeben,
während die nachfolgenden Niederlagen der höhern Klassen so wohlfeil
erkauft werden, daß sie der frechen Übertreibung von seiten der siegenden
Partei bedürfen, um überhaupt als Ereignisse passieren zu können, und um
so schmachvoller werden, je weiter die unterliegende Partei von der
proletarischen entfernt ist.
Die Niederlage der Juni-Insurgenten hatte nun allerdings das Terrain
vorbereitet, geebnet, worauf die bürgerliche Republik begründet,
aufgeführt werden konnte; aber sie hatte zugleich gezeigt, daß es sich in
Europa um andre Fragen handelt als um “Republik oder Monarchie”. Sie hatte
offenbart, daß bürgerliche Republik hier die uneingeschränkte
Despotie einer Klasse über andere Klassen bedeute. Sie hatte bewiesen, daß
in altzivilisierten Ländern mit entwickelter Klassenbildung, mit modernen
Produktionsbedingungen und mit einem geistigen Bewußtsein, worin alle
überlieferten Ideen durch jahrhundertelange Arbeit aufgelöst sind, die
Republik überhaupt nur die politische Umwälzungsform der bürgerlichen
Gesellschaft bedeutet und nicht ihre konservative Lebensform,
wie z.B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo zwar schon Klassen
bestehn, aber sich noch nicht fixiert haben, sondern in
<123> beständigem Flusse fortwährend ihre
Bestandteile wechseln und aneinander abtreten, wo die modernen
Produktionsmittel, statt mit einer stagnanten Übervölkerung
zusammenzufallen, vielmehr den relativen Mangel an Köpfen und Händen
ersetzen, und wo endlich die fieberhaft jugendliche Bewegung der
materiellen Produktion, die eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit
noch Gelegenheit ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen.
Alle Klassen und Parteien hatten sich während der Junitage zur Partei
der Ordnung vereint gegenüber der proletarischen Klasse, als der
Partei der Anarchie, des Sozialismus, des Kommunismus. Sie hatten die
Gesellschaft “gerettet” gegen “die Feinde der Gesellschaft”. Sie
hatten die Stichworte der alten Gesellschaft, “Eigentum, Familie,
Religion, Ordnung”, als Parole unter ihr Heer ausgeteilt und der
kontrerevolutionären Kreuzfahrt zugerufen: “Unter diesem Zeichen wirst du
siegen!” Von diesem Augenblick, sobald eine der zahlreichen Parteien, die
sich unter diesem Zeichen gegen die Juni-Insurgenten geschart hatten, in
ihrem eigenen Klasseninteresse den revolutionären Kampfplatz zu behaupten
sucht, unterliegt sie vor dem Rufe: “Eigentum, Familie, Religion,
Ordnung”. Die Gesellschaft wird ebensooft gerettet, als sich der Kreis
ihrer Herrscher verengt, als ein exklusiveres Interesse dem weiteren
gegenüber behauptet wird. Jede Forderung der einfachsten bürgerlichen
Finanzreform, des ordinärsten Liberalismus, des formalsten
Republikanertums, der plattesten Demokratie, wird gleichzeitig als
“Attentat auf die Gesellschaft” bestraft und als “Sozialismus”
gebrandmarkt. Und schließlich werden die Hohenpriester der “Religion und
Ordnung” selbst mit Fußtritten von den Pythiastühlen verjagt, bei Nacht
und Nebel aus ihren Betten geholt, in Zellenwagen gesteckt, in Kerker
geworfen oder ins Exil geschickt, ihr Tempel wird der Erde gleichgemacht,
ihr Mund wird versiegelt, ihre Feder zerbrochen, ihr Gesetz zerrissen, im
Namen der Religion, des Eigentums, der Familie, der Ordnung.
Ordnungsfanatische Bourgeoisie auf ihren Balkonen werden von besoffenen
Soldatenhaufen zusammengeschossen, ihre Häuser werden zum Zeitvertreib
bombardiert – im Namen des Eigentums, der Familie, der Religion und der
Ordnung. Der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft bildet schließlich die
heilige Phalanx der Ordnung, und Held Krapülinski zieht in die
Tuilerien ein als “Retter der Gesellschaft”.
II
<124> Nehmen wir den Faden der
Entwicklung wieder auf.
Die
Geschichte der konstituierenden Nationalversammlung seit den
Junitagen ist die Geschichte der Herrschaft und Auflösung der
republikanischen Bourgeoisfraktion, jener Fraktion, die man unter dem
Namen trikolore Republikaner, reine Republikaner, politische Republikaner,
formalistische Republikaner usw. kennt.
Sie
hatte unter der bürgerlichen Monarchie Louis-Philippes die offizielle
republikanische Opposition und daher einen anerkannten Bestandteil
der damaligen politischen Welt gebildet. Sie besaß ihre Vertreter in den
Kammern, und in der Presse einen bedeutenden Wirkungskreis. Ihr Pariser
Organ, der "National", galt in seiner Weise für ebenso respektabel als das
"Journal des Débats". Dieser Stellung unter der konstitutionellen
Monarchie entsprach ihr Charakter. Es war dies keine durch große
gemeinsame Interessen zusammengehaltene und durch eigentümliche
Produktionsbedingungen abgegrenzte Fraktion der Bourgeoisie. Es war eine
Koterie von republikanisch gesinnten Bourgeois, Schriftstellern,
Advokaten, Offizieren und Beamten, deren Einfluß auf den persönlichen
Antipathien des Landes gegen Louis-Philippe, auf Erinnerungen an die alte
Republik, auf dem republikanischen Glauben einer Anzahl von Schwärmern,
vor allem aber auf dem französischen Nationalismus beruhte, dessen
Haß gegen die Wiener Verträge und gegen die Allianz mit England sie
fortwährend wachhielt. Einen großen Teil des Anhangs, den der "National"
unter Louis-Philippe besaß, schuldete er diesem versteckten Imperialismus,
der ihm daher später unter der Republik als ein vernichtender Konkurrent
in der Person Louis Bonaparte gegenübertreten konnte. Die
Finanzaristokratie bekämpfte er, wie die ganze übrige bürgerliche
Opposition es tat. Die Polemik gegen das Budget, die in Frankreich genau
mit der Bekämpfung der Finanzaristokratie zusammenhing, verschaffte eine
zu wohlfeile Popularität und zu reichhaltigen Stoff zu puritanischen
leading <125> articles <Leitartikeln>, um nicht
ausgebeutet zu werden. Die industrielle Bourgeoisie war ihm dankbar für
seine sklavische Verteidigung des französischen Schutzzollsystems, das er
indes auf mehr nationale als nationalökonomischen Gründe hin aufnahm, die
Gesamtbourgeoisie für seine gehässigen Denunziationen des Kommunismus und
Sozialismus. Im übrigen war die Partei des "National" rein
republikanisch, d.h. sie verlangte eine republikanische statt einer
monarchischen Form der Bourgeoisherrschaft und vor allem ihren Löwenanteil
an dieser Herrschaft. Über die Bedingungen dieser Umwandlung war sie sich
durchaus nicht klar. Was ihr dagegen sonnenklar war und auf den
Reformbanketten in der letzten Zeit Louis-Philippes öffentlich erklärt
wurde, war ihre Unpopularität bei den demokratischen Kleinbürgern und
insbesondere bei dem revolutionären Proletariat. Diese reinen
Republikaner, wie reine Republikaner denn sind, standen auch schon auf dem
Sprunge, sich zunächst mit einer Regentschaft der Herzogin von Orléans zu
begnügen, als die Februarrevolution ausbrach und ihren bekanntesten
Vertretern einen Platz in der provisorischen Regierung anwies. Sie besaßen
natürlich von vorn herein das Vertrauen der Bourgeoisie und die Majorität
der konstituierenden Versammlung. Aus der Exekutivkommision, welche die
Nationalversammlung bei ihrem Zusammentritt bildete, wurde sofort die
sozialistischen Elemente der provisorischen Regierung ausgeschlossen,
und die Partei des "National" benutzte den Ausbruch der Juni-Insurrektion,
um auch die Exekutivkommission abzudanken und damit ihre nächsten
Rivalen, die kleinbürgerlichen oder demokratischen Republikaner
(Ledru-Rollin usw.) loszuwerden. Cavaignac, der General der
bourgeois-republikanischen Partei, der die Junischlacht kommandierte, trat
an die Stelle der Exekutivkommission mit einer Art diktatorischer Gewalt.
Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des "National", wurde der
perpetuierliche Präsident der konstituierenden Nationalversammlung, und
die Ministerien, wie sämtliche übrigen bedeutenden Posten, fielen den
reinen Republikanern anheim.
Die
republikanische Bourgeoisfraktion, die sich seit lange als legitime Erbin
der Julimonarchie betrachtet hatte, fand sich so in ihrem Ideal
übertroffen, aber sie gelangte zur Herrschaft, nicht, wie sie unter
Louis-Philippe geträumt hatte, durch eine liberale Revolte der Bourgeoisie
gegen den Thron, sondern durch eine niederkartätschte Emeute des
Proletariats gegen das Kapital. Was sie als das revolutionärste
Ereignis sich vorgestellt hatte, trug sich in Wirklichkeit zu als das
kontrerevolutionärste. Die Frucht fiel ihr in den Schoß, aber sie fiel
vom Baum der Erkenntnis, nicht vom Baum des Lebens.
<126> Die ausschließliche Herrschaft
der Bourgeois-Republikaner währte nur vom 24. Juni bis zum 10.
Dezember 1848. Sie resümiert sich in der Abfassung einer
republikanischen Konstitution und im Belagerungszustand von Paris.
Die
neue Konstitution war im Grunde nur die republikanisierte Ausgabe
der konstitutionellen Charte von 1830. Der enge Wahlzensus der
Julimonarchie, der selbst einen großen Teil der Bourgeoisie von der
politischen Herrschaft ausschloß, war unvereinbar mit der Existenz der
bürgerlichen Republik. Die Februarrevolution hatte sofort an der Stelle
dieses Zensus das direkte allgemeine Wahlrecht proklamiert. Die
Bourgeois-Republikaner konnten dieses Ereignis nicht ungeschehen machen.
Sie mußten sich damit begnügen, die beschränkende Bestimmung eines
sechsmonatlichen Domizils am Wahlorte hinzuzufügen. Die alte Organisation
der Verwaltung, des Gemeindewesens, der Rechtspflege, der Armee usw. blieb
unversehrt bestehen, oder wo die Konstitution sie änderte, betraf die
Änderung das Inhaltsregister, nicht den Inhalt, den Namen, nicht die
Sache.
Der
unvermeidliche Generalstab der Freiheiten von 1848, persönliche Freiheit,
Preß-, Rede-, Assoziations-, Versammlungs-, Lehr- und Religionsfreiheit
usw. erhielt eine konstitutionelle Uniform, die sie unverwundbar machte.
Jede dieser Freiheiten wird nämlich als das unbedingte Recht des
französischen Citoyen proklamiert, aber mit der beständigen Randglosse,
daß sie schrankenlos sei, soweit sie nicht durch die "gleichen Rechte
anderer und die öffentliche Sicherheit" beschränkt werde, oder
durch "Gesetze", die eben diese Harmonie der individuellen Freiheiten
untereinander und mit der öffentlichen Sicherheit vermitteln sollen. Z.B.:
"Die Bürger haben das Recht, sich zu assoziieren, sich friedlich und
unbewaffnet zu versammeln, zu petitionieren und ihre Meinungen durch die
Presse oder wie sonst immer auszudrücken. Der Genuß dieser Rechte hat
keine andre Schranke als die gleichen Rechte andrer und die öffentliche
Sicherheit."(Kap. II der französischen Konstitution, § 8.) – "Der
Unterricht ist frei. Die Freiheit des Unterrichts soll genossen
werden unter den vom Gesetze fixierten Bedingungen und unter der
Oberaufsicht des Staats." (A.a.O., § 9.) – "Die Wohnung jedes Bürgers ist
unverletzlich außer in den vom Gesetz vorgeschriebenen Formen."
(Kap. II, § 3.) Usw. usw. – Die Konstitution weist daher beständig auf
zukünftige organische Gesetze hin, die jene Randglossen ausführen
und den Genuß dieser unbeschränkten Freiheiten so regulieren sollen, daß
sie werde untereinander noch mit der öffentlichen Sicherheit anstoßen. Und
später sind diese organischen Gesetze von den Ordnungsfreunden ins Lebens
gerufen und alle jene Freiheiten so reguliert worden, daß die Bourgeoisie
in deren Genuß an den gleichen Rechten der andern Klassen keinen Anstoß
findet. Wo sie "den andern" diese Freiheiten <127>
ganz untersagt oder ihren Genuß unter Bedingungen erlaubt, die ebenso
viele Polizeifallstricke sind, geschah dies immer nur im Interesse der
"öffentlichen Sicherheit", d.h. der Sicherheit der Bourgeoisie, wie
die Konstitution vorschreibt. Beide Seiten berufen sich daher in der Folge
mit vollem Recht auf die Konstitution, sowohl die Ordnungsfreunde, die
alle jene Freiheiten aufhoben, wie die Demokraten, die sie alle
herausverlangten. Jeder Paragraph der Konstitution enthält nämlich seine
eigene Antithese, sein eignes Über- und Unterhaus in sich, nämlich in der
allgemeinen Phrase die Freiheit, in der Randglosse die Aufhebung der
Freiheit. Solange also der Name der Freiheit respektiert und nur
die wirkliche Ausführung derselben verhindert wurde, auf gesetzlichem Wege
versteht sich, blieb das konstitutionelle Dasein der Freiheit unversehrt,
unangetastet, mochte ihr gemeines Dasein noch so sehr totgeschlagen
sein.
Diese auf so sinnige Weise unverletzlich gemachte Konstitution war indes
wie Achilles an einem Punkte verwundbar, nicht an der Ferse, aber am Kopfe
oder vielmehr an den zwei Köpfen, worin sie sich verlief -
gesetzgebende Versammlung einerseits, Präsident andererseits.
Man durchfliege die Konstitution, und man wird finden, daß nur die
Paragraphen, worin das Verhältnis des Präsidenten zur gesetzgebenden
Versammlung bestimmt wird, absolut, positiv, widerspruchslos, unverdrehbar
sind. Hier galt es nämlich für die Bourgeois-Republikaner, sich selbst
sicherzustellen. §§ 45 – 70 der Konstitution sind so abgefaßt, daß die
Nationalversammlung den Präsidenten konstitutionell, der Präsident die
Nationalversammlung nur inkonstitutionell beseitigen kann, nur indem er
die Konstitution selbst beseitigt. Hier fordert sie also ihre gewaltsame
Vernichtung heraus. Sie heiligte nicht nur wie die Charte von 1830 die
Teilung der Gewalten, sie erweiterte sie bis zum unerträglichen
Widerspruch. Das Spiel der konstitutionellen Gewalten, wie Guizot
den parlamentarischen Krakeel zwischen gesetzgebender und vollziehender
Gewalt nannte, spielt in der Konstitution von 1848 beständig va banque.
Auf der einen Seite 750 durch allgemeines Stimmrecht gewählte und wieder
wählbare Volksrepräsentanten, die eine unkontrollierbare, unauflösbare,
unteilbare Nationalversammlung bilden, eine Nationalversammlung, welche
gesetzgeberische Allmacht genießt, über Krieg, Frieden und Handelsverträge
in letzter Instanz entscheidet, allein das Recht der Amnestie besitzt und
durch ihre Permanenz unaufhörlich den Vordergrund der Bühne behauptet.
Andrerseits der Präsident, mit allen Attributen der königlichen Macht, mit
der Befugnis, seine Minister unabhängig von der Nationalversammlung ein-
und abzusetzen, mit allen Mitteln der exekutiven Gewalt in seinen Händen,
alle Stellen vergebend und d.h. in Frankreich wenigsten 1 ½ Millionen
<128> Existenzen entscheidend, denn so viel
hängen an den 500.000 Beamten und an den Offizieren aller Grade. Er hat
die ganze bewaffnete Macht hinter sich. Er genießt das Privilegium,
einzelne Verbrecher zu begnadigen, Nationalgarden zu suspendieren, die von
den Bürgern selbst erwählten General-, Kantonal- und Gemeinderäte im
Einverständnis mit dem Staatsrat abzusetzen. Initiative und Leitung aller
Verträge mit dem Ausland sind ihm vorbehalten. Während die Versammlung
beständig auf den Brettern spielt und dem kritisch gemeinen Tageslicht
ausgesetzt ist, führt er ein verborgenes Leben in den elyseeischen
Gefilden, und zwar mit dem Artikel 45 der Konstitution vor Augen und im
Herzen, der ihm täglich zuruft: "Frère, il faut mourir!" <"Bruder, es
heißt sterben!"> Deine Macht hört auf am zweiten Sonntag des schönen
Monats Mai im vierten Jahr deiner Wahl! Dann ist die Herrlichkeit am Ende,
das Stück spielt nicht zweimal, und wenn du Schulden hast, siehe beizeiten
zu, daß du sie mit den dir von der Konstitution ausgeworfenen 600.000
Franken abzahlst, ziehst du nicht etwa vor, am zweiten Montag des schönen
Monats Mai nach Clichy zu wandern! – Wenn die Konstitution so dem
Präsidenten die faktische Macht beilegt, sucht sie der Nationalversammlung
die moralische Macht zu sichern. Abgesehen davon, daß es unmöglich ist,
durch Gesetzesparagraphen eine moralische Macht zu schaffen, hebt die
Konstitution sich hierin wieder selbst auf, indem sie den Präsidenten von
allen Franzosen durch direktes Stimmrecht wählen läßt. Während die Stimmen
Frankreichs sich auf die 750 Mitglieder der Nationalversammlung
zersplittern, konzentrieren sie sich dagegen hier auf ein
Individuum. Während jeder einzelne Volksrepräsentant nur diese oder jene
Partei, diese oder jene Stadt, diesen oder jenen Brückenkopf oder auch nur
die Notwendigkeit vertritt, einen beliebigen Siebenhundertfünfzigsten zu
wählen, bei dem man sich weder die Sache noch den Mann so genau ansieht,
ist er der Erwählte der Nation, und der Akt seiner Wahl ist der
große Trumpf, den das souveräne Volk alle vier Jahre einmal ausspielt. Die
erwählte Nationalversammlung steht in einem metaphysischen, aber der
erwählte Präsident in einem persönlichen Verhältnis zur Nation. Die
Nationalversammlung stellt wohl in ihren einzelnen Repräsentanten die
mannigfaltigen Seiten des Nationalgeistes dar, aber in dem Präsidenten
inkarniert er sich. Er besitzt ihr gegenüber eine Art von göttlichem
Recht, er ist von Volkes Gnaden.
Thetis, die Meergöttin, hatte dem Achilles prophezeit, daß er in der Blüte
der Jugend sterben werde. Der Konstitution, die ihren faulen Fleck hat,
wie Achilles, hatte auch ihre Ahnung, wie Achilles, daß sie frühen Todes
abgehen <129> müsse. Es genügte den
konstituierenden reinen Republikanern, einen Blick aus dem Wolkenhimmel
ihrer idealen Republik auf die profane Welt zu werfen, um zu erkennen, wie
der Übermut der Royalisten, der Bonapartisten, der Demokraten, der
Kommunisten und ihr eigner Mißkredit täglich stiegen, in demselben Maße,
als sie sich der Vollendung ihres großen gesetzgeberischen Kunstwerks
näherten, ohne daß Thetis deshalb das Meer zu verlassen und ihnen das
Geheimnis mitzuteilen brauchte. Sie suchten das Verhängnis
konstitutionell-pfiffig zu überlisten durch § 111 der Konstitution, wonach
jeder Vorschlag zur Revision der Verfassung in drei sukzessiven
Debatten, zwischen denen immer ein ganzer Monat zu liegen hat, von
wenigsten ¾ der Stimmen votiert werden muß, vorausgesetzt noch, daß nicht
weniger als 500 Mitglieder der Versammlung stimmen. Sie machten damit nur
den ohnmächtigen Versuch, noch als parlamentarische Minorität, als welche
sie sich schon prophetisch im Geiste erblickten, eine Macht auszuüben, die
in diesem Augenblicke, wo sie über die parlamentarische Majorität
verfügten und über alle Mittel der Regierungsgewalt, täglich mehr ihren
schwachen Händen entschlüpfte.
Endlich vertraute die Konstitution, in einem melodramatischen Paragraphen,
sich selbst "der Wachsamkeit und dem Patriotismus des ganzen französischen
Volkes wie jedes einzelnen Franzosen" an, nachdem sie vorher schon in
einem andern Paragraphen die "Wachsamen" und "Patriotischen" der zarten,
hochnotpeinlichen Aufmerksamkeit des eigens von ihr erfundenen
Hochgerichts, "haute cour" anvertraut hatte.
Das
war die Konstitution von 1848, die am 2. Dezember 1851 nicht von einem
Kopfe umgeworfen wurde, sondern vor der Berührung mit einem bloßen Hute
umfiel; allerdings war dieser Hut ein dreieckiger Napoleonshut.
Während die Bourgeois-Republikaner in der Versammlung damit beschäftigt
waren, diese Konstitution auszuspintisieren, zu diskutieren und zu
votieren, hielt Cavaignac außerhalb der Versammlung den
Belagerungszustand von Paris aufrecht. Der Belagerungszustand von
Paris war der Geburtshelfer der Konstituante bei ihren republikanischen
Schöpfungswehen. Wenn die Konstitution später durch Bajonette aus der Welt
geschafft wird, so darf man nicht vergessen, daß sie ebenfalls durch
Bajonette, und zwar gegen das Volk gekehrte, schon im Mutterleib beschützt
und durch Bajonette auf die Welt gesetzt werden mußte. Die Vorfahren der
"honetten Republikaner" hatten ihr Symbol, die Trikolore, die Tour durch
Europa machen lassen. Sie ihrerseits machten auch eine Erfindung, die von
selbst den Weg über den ganzen Kontinent fand, aber mit immer erneuter
Liebe nach Frankreich zurückkehrte, bis sie jetzt in der Hälfte seiner
Departements Bürgerrecht erworben hat - <130>
den Belagerungszustand. Treffliche Erfindung, periodisch angewandt
in jeder nachfolgenden Krise im Laufe der französischen Revolution. Aber
Kaserne und Biwak, die man so der französischen Gesellschaft periodisch
auf den Kopf legte, um ihr das Gehirn zusammenzupressen und sie zu stillen
Manne zu machen; Säbel und Muskete, die man periodisch richten und
verwalten, bevormunden und zensieren, Polizei üben und Nachtwächterdienst
verrichten ließ; Schnurrbart und Kommißrock, die man periodisch als
höchste Weisheit der Gesellschaft und als Rektor der Gesellschaft
ausposaunte – mußten Kaserne und Biwak, Säbel und Muskete, Schnurrbart und
Kommißrock nicht schließlich auf den Einfall kommen, lieber ein für
allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie ihr eigenes Regime als das
oberste ausriefen und die bürgerliche Gesellschaft ganz von der Sorge
befreiten, sich selbst zu regieren? Kaserne und Biwak, Säbel und Muskete,
Schnurrbart und Kommißrock mußten um so mehr auf diesen Einfall kommen,
als sie dann auch bessere bare Zahlung für ihr erhöhtes Verdienst erwarten
konnten, während bei dem bloß periodischen Belagerungszustand und den
vorübergehenden Gesellschaftsrettungen im Geheiß dieser oder jener
Bourgeoisiefraktion wenig Solides abfiel außer einigen Toten und
Verwundeten und einigen freundlichen Bürgergrimassen. Sollte das Militär
nicht endlich auch einmal in seinem eigenen Interesse und für sein eignes
Interesse Belagerungszustand spielen und zugleich die bürgerlichen Börsen
belagern? Man vergesse übrigens nicht, im Vorbeigehn sei es bemerkt, daß
Oberst Bernhard, derselbe Militärkommisions-Präsident, der unter
Cavaignac 15.000 Insurgenten zur Deportation ohne Urteil verhalf, sich in
diesem Augenblick wieder an der Spitze der in Paris tätigen
Militärkommissionen bewegt.
Wenn
die honetten, die reinen Republikaner, mit dem Belagerungszustand in Paris
die Pflanzschule anlegte, worin die Prätorianer des 2. Dezember 1851
großwachsen sollten, verdienen sie dagegen das Lob, daß sie, statt wie
unter Louis-Philippe das Nationalgefühl zu übertreiben, jetzt, wo sie über
die nationale Macht geboten, vor dem Auslande kriechen und, statt Italien
frei zu machen, es von Österreichern und Neapolitanern wiedererobern
lassen. Louis Bonapartes Wahl zum Präsidenten am 10. Dezember 1848 machte
der Diktatur Cavaignacs und der Konstituante ein Ende.
In §
44 der Konstitution heißt es: "Der Präsident der Französischen Republik
darf nie seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren haben." Der
erste Präsident der Französischen Republik, L.-N. Bonaparte, hatte nicht
allein seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren, war nicht nur
englischer Spezial-Konstabler gewesen, er war sogar ein naturalisierter
Schweizer.
<131> Ich habe an einem andern Orte die
Bedeutung der Wahl vom 10. Dezember entwickelt. (MEW Bd. 7, S. 44/45) Ich
komme hier nicht darauf zurück. Es genügt hier zu bemerken, daß sie eine
Reaktion der Bauern, die die Kosten der Februarrevolution hatten
zahlen müssen, gegen die übrigen Klassen der Nation, eine Reaktion des
Landes gegen die Stadt war. Sie fand großen Anklang in der Armee, der
die Republikaner des "National" keinen Ruhm verschafft hatten, noch
Zulage, unter der großen Bourgeoisie, die den Bonaparte als Brücke zur
Monarchie, unter den Proletariern und Kleinbürgern, die ihn als Geißel für
Cavaignac begrüßten. Ich werde später Gelegenheit finden, auf das
Verhältnis der Bauern zur französischen Revolution näher einzugehn.
Die
Epoche vom 20. Dezember 1848 bis zur Auflösung der Konstituante im Mai
1849 umfaßt die Geschichte des Untergangs der Bourgeois-Republikaner.
Nachdem sie eine Republik für die Bourgeoisie gegründet, das revolutionäre
Proletariat von dem Terrain vertrieben und das demokratische
Kleinbürgertum einstweilen zum Schweigen gebracht haben, werden sie selbst
von der Masse der Bourgeoisie beiseite geschoben, die diese Republik mit
Recht als ihr Eigentum mit Beschlag belegt. Diese Bourgeoisiemasse
war aber royalistisch. Ein Teil derselben, die großen
Grundeigentümer, hatte unter der Restauration geherrscht und war
daher legitimistisch. Der andre, die Finanzaristokraten und großen
Industriellen, hatte unter der Julimonarchie geherrscht und war daher
orleanistisch. Die Großwürdenträger der Armee, der Universität, der
Kirche, des Barreaus <Advokatenstandes> , der Akademie und der Presse
verteilten sich auf beide Seiten, wenn auch in verschiedener Proportion.
Hier in der bürgerlichen Republik, die weder den Namen Bourbon noch
den Namen Orléans trug, sondern den Namen Kapital, hatten
sie die Staatsform gefunden, worin sie gemeinsam herrschen konnten.
Schon die Juni-Insurrektion hatte sie zur "Partei der Ordnung" vereinigt.
Jetzt galt es zunächst, die Koterie der Bourgeois-Republikaner zu
beseitigen, die noch die Sitze der Nationalversammlung innehielt. Ebenso
brutal, wie diese reinen Republikaner dem Volke gegenüber die physische
Gewalt mißbraucht hatten, ebenso feig, kleinlaut, mutlos, gebrochen,
kampfunfähig wichen sie jetzt zurück, wo es galt, der exekutiven Gewalt
und den Royalisten gegenüber ihr Republikanertum und ihr gesetzgeberisches
Recht zu behaupten. Ich habe hier nicht die schmähliche Geschichte ihrer
Auflösung zu erzählen. Es war ein Vergehen, kein Untergehen. Ihre
Geschichte hat für immer ausgespielt, und in der folgenden Periode
figurieren sie, sei es innerhalb, sei es außerhalb der Versammlung, nur
noch als Erinnerungen, Erinnerungen, die wieder lebendig zu
<132> werden scheinen, sobald es sich wieder um den bloßen
Namen Republik handelt und sooft der revolutionäre Konflikt auf das
niedrigste Niveau herabzusinken droht. Ich bemerke im Vorbeigehn, daß das
Journal, welches der Partei ihren Namen gab, der "National", sich in der
folgenden Periode zum Sozialismus bekehrte.
Ehe
wir mit dieser Periode abschließen, müssen wir noch einen Rückblick auf
die beiden Mächte werfen, von denen die eine die andere am 2. Dezember
1851 vernichtet, während sie vom 20. Dezember 1848 bis zum Abtritt der
Konstituante in ehelichem Verhältnisse lebten. Wir meinen Louis Bonaparte
einerseits und die Partei der koalisierten Royalisten, der Ordnung, der
großen Bourgeoisie anderseits. Beim Antritt seiner Präsidentschaft bildete
Bonaparte sofort ein Ministerium der Partei der Ordnung, an dessen Spitze
er Odilon Barrot stellte, notabene den alten Führer der liberalsten
Fraktion der parlamentarischen Bourgeoisie. Herr Barrot hatte endlich das
Ministerium erjagt, dessen Gespenst ihn seit 1830 verfolgte, und noch
mehr, die Präsidentschaft in diesem Ministerium; aber nicht, wie er sich
unter Louis-Philippe eingebildet, als der avancierteste Chef der
parlamentarischen Opposition, sondern mit der Aufgabe, ein Parlament
totzumachen, und als Verbündeter mit allen seinen Erzfeinden, Jesuiten und
Legitimisten. Er führte endlich die Braut heim, aber erst nachdem sie
prostituiert war. Bonaparte selbst eklipsierte sich scheinbar vollständig.
Jene Partei handelte für ihn.
Gleich im ersten Ministerkonseil wurde die Expedition nach Rom
beschlossen, die man hinter dem Rücken der Nationalversammlung auszuführen
und wofür man ihr die Mittel unter falschem Vorwande zu entreißen
übereinkam. So wurde begonnen mit einer Prellerei der Nationalversammlung
und einer heimlichen Konspiration mit den absoluten Mächten des Auslandes
gegen die revolutionäre Römische Republik. Bonaparte bereitete auf
dieselbe Weise und durch dieselben Manöver seinen Coup vom 2. Dezember
gegen die royalistische Legislative und ihre konstitutionelle Republik
vor. Vergessen wir nicht, daß dieselbe Partei, die am 20. Dezember 1848
Bonapartes Ministerium, am 2. Dezember 1851 die Majorität der legislativen
Nationalversammlung bildete.
Die
Konstituante hatte im August beschlossen, sich erst aufzulösen, nachdem
sie eine ganze Reihe organischer Gesetze, die die Konstituante ergänzen
sollten, ausgearbeitet und promulgiert habe. Die Ordnungspartei ließ ihr
durch den Repräsentanten Rateau am 6. Januar 1849 vorschlagen, die
organischen Gesetze laufen zu lassen und vielmehr ihre eigene Auflösung
zu beschließen. Nicht nur das Ministerium, Herr Odilon Barrot an der
Spitze, sämtliche royalistischen Mitglieder der Nationalversammlung
herrschten <133> ihr in diesem
Augenblicke zu, ihre Auflösung sei notwendig zur Herstellung des Kredits,
zur Konsolidierung der Ordnung, um dem unbestimmten Provisorium ein Ende
zu machen und einen definitiven Zustand zu gründen, sie hindre die
Produktivität der neuen Regierung und suche ihr Dasein bloß aus Ranküne zu
fristen, das Land sei ihrer müde. Bonaparte merkte sich alle diese
Invektiven gegen die gesetzgebende Gewalt, lernte sie auswendig und bewies
den parlamentarischen Royalisten am 2. Dezember 1851, daß er von ihnen
gelernt habe. Er wiederholte ihre eignen Stichworte gegen sie.
Das
Ministerium Barrot und die Ordnungspartei gingen weiter. Sie riefen
Petitionen an die Nationalversammlung in ganz Frankreich hervor, worin
diese freundlichst gebeten wurde zu verschwinden. So führten sie gegen die
Nationalversammlung, den konstitutionell organisierten Ausdruck des
Volkes, seine unorganischen Massen ins Feuer. Sie lehrten Bonaparte von
den parlamentarischen Versammlungen an des Volk zu appellieren. Endlich am
29. Januar 1849 war der Tag gekommen, an dem die Konstituante über ihre
eigene Auflösung beschließen sollte. Die Nationalversammlung fand ihren
Sitzungsgebäude militärisch besetzt; Changarnier, der General der
Ordnungspartei, in dessen Händen der Oberbefehl über Nationalgarde und
Linientruppen vereinigt war, hielt große Truppenschau in Paris, als wenn
eine Schlacht bevorstehe, und die koalisierten Royalisten erklärten der
Konstituante drohend, daß man Gewalt anwenden werde, wenn sie nicht willig
sei. Sie war willig und marktete sich nur noch eine ganz kurze Lebensfrist
aus. Was war der 29. Januar anders als der coup d’état <Staatsstreich> vom
2. Dezember 1851, nur mit Bonaparte von den Royalisten gegen die
republikanische Nationalversammlung ausgeführt? Die Herren bemerkten nicht
oder wollten nicht merken, daß Bonaparte den 29. Januar 1849 benutzte, um
einen Teil der Truppen vor den Tuilerien an sich vorbeidefilieren zu
lassen und gerade dies erste öffentliche Aufgebot der Militärmacht gegen
die parlamentarische Macht begierig aufgriff, um den Caligula anzudeuten.
Sie sahen allerdings nur ihren Changarnier.
Ein
Motiv, das die Partei der Ordnung noch insbesondere bewog, die Lebensdauer
die Konstituante gewaltsam abzukürzen, waren die organischen, die
Konstitution ergänzenden Gesetze, wie das Unterrichtsgesetz, Kultusgesetz
usw. Den koalisierten Royalisten lag alles daran, diese Gesetze selbst zu
machen und nicht von den mißtrauisch gewordenen Republikanern machen zu
lassen. Unter diesen organischen Gesetzen befand sich indes auch ein
Gesetz über die Verantwortlichkeit des Präsidenten der Republik. 1851 war
die legislative Versammlung eben mit der Abfassung eines solchen Gesetzes
<134> beschäftigt, als Bonaparte diesem Coup
durch den Coup vom 2. Dezember zuvorkam. Was hätten die koalisierten
Royalisten in ihrem parlamentarischen Winterfeldzug von 1851 darum
gegeben, wenn sie das Verantwortlichkeitsgesetz fertig vorgefunden, und
zwar verfaßt von einer mißtrauischen, gehässigen, republikanischen
Versammlung!
Nachdem am 29. Januar 1849 die Konstituante ihre letzte Waffe selbst
zerbrochen hatte, hetzten das Ministerium Barrot und die Ordnungsfreunde
sie zu Tode, ließen nichts ungeschehn, was sie demütigen konnte, und
trotzten ihrer an sich selbst verzweifelnden Schwäche Gesetze ab, die sie
den letzten Rest von Achtung bei dem Publikum kosteten. Bonaparte, mit
seiner fixen napoleonischen Idee beschäftigt, war keck genug, diese
Herabwürdigung der parlamentarischen Macht öffentlich zu exploitieren. Als
nämlich die Nationalversammlung am 8. Mai 1849 dem Ministerium ein
Tadelsvotum wegen der Besetzung Civitaveccias durch Oudinot erteilte und
die römische Expedition zu ihrem angeblichen Zweck zurückzuführen befahl,
publizierte Bonaparte denselben Abend im "Moniteur" einen Brief an
Oudinot, worin er ihm zu seinen Heldentaten Glück wünscht und sich schon
im Gegensatz zu den federfuchsenden Parlamentären als den großmütigen
Protekteur der Armee gebärdet. Die Royalisten lächelten dazu. Sie hielten
ihn einfach für ihren dupe <Gimpel>. Endlich als Marrast, der Präsident
der Konstituante, einen Augenblick die Sicherheit der Nationalversammlung
gefährdet glaubte und auf die Konstitution gestützt einen Oberst mit
seinem Regimente requirierte, weigerte sich der Oberst, bezog sich auf die
Disziplin und verwies Marrast an Changarnier, der ihn höhnisch abwies mit
der Bemerkung, er liebe nicht die bayonettes intelligentes <denkenden
Bajonette>. November 1851, als die koalisierten Royalisten den
entscheidenden Kampf mit Napoleon beginnen wollten, suchten sie in ihrer
berüchtigten Quästorenbill das Prinzip der direkten Requisition der
Truppen durch den Präsidenten der Nationalversammlung durchzusetzen. Einer
ihrer Generale, Le Flô, hatte den Gesetzesvorschlag unterzeichnet.
Vergebens stimmte Changarnier für den Vorschlag und huldigte Thiers der
umsichtigen Weisheit der ehemaligen Konstituante. Der Kriegsminister
St-Arnaud antwortete ihm, wie dem Marrast Changarnier geantwortet
hatte, und – unter dem Beifall der Montagne!
So
hatte die Partei der Ordnung selbst, als sie noch nicht
Nationalversammlung, als sie nur noch Ministerium war, das
parlamentarische Regime gebrandmarkt. Und sie schreit auf, als der 2.
Dezember 1851 es aus Frankreich verbannt!
Wir
wünschen ihm glückliche Reise.
III
<135> Am 28. Mai 1849 trat die
gesetzgebende Nationalversammlung zusammen. Am 2. Dezember 1851 ward sie
gesprengt. Diese Periode umfaßt die Lebensdauer der konstitutionellen
oder parlamentarischen Republik.
In
der ersten französischen Revolution folgt auf die Herrschaft der
Konstitutionellen die Herrschaft der Girondins und auf die
Herrschaft der Girondins die Herrschaft der Jakobiner. Jede
dieser Parteien stützt sich auf die fortgeschrittenere. Sobald sie die
Revolution weit genug geführt hat, um ihr nicht mehr zu folgen, noch
weniger ihr vorangehen zu können, wird sie von dem kühneren Verbündeten,
der hinter ihr steht, beiseite geschoben und auf die Guillotine geschickt.
Die Revolution bewegt sich so in aufsteigender Linie.
Umgekehrt die Revolution von 1848. Die proletarische Partei erscheint als
Anhang der kleinbürgerlich-demokratischen. Sie wird von ihr verraten und
fallengelassen am 16. April, am 15. Mai und in den Junitagen. Die
demokratische Partei ihrerseits lehnt sich auf die Schultern der
bourgeois-republikanischen. Die Bourgeois-Republikaner glauben kaum fest
zu stehen, als sie den lästigen Kameraden abschütteln und sich selbst auf
die Schultern der Ordnungspartei stützen. Die Ordnungspartei zieht ihre
Schultern ein, läßt die Bourgeois-Republikaner purzeln und wirft sich auf
die Schultern der bewaffneten Gewalt. Sie glaubt noch auf ihren Schultern
zu sitzen, als sie an einem schönen Morgen bemerkt, daß sich die Schultern
in Bajonette verwandelt haben. Jede Partei schlägt von hinten aus nach der
weiterdrängenden und lehnt sich von vorn über auf die zurückdrängende.
Kein Wunder, daß sie in dieser lächerlichen Positur das Gleichgewicht
verliert und, nachdem sie die unvermeidlichen Grimassen geschnitten, unter
seltsamen Kapriolen zusammenstürzt. Die Revolution bewegt sich so in
absteigender Linie. Sie befindet sich in dieser rückgängigen Bewegung, ehe
die letzte Februarbarrikade weggeräumt und die erste Revolutionsbehörde
konstituiert ist.
Die
Periode, die wir vor uns haben, umfaßt das bunteste Gemisch
<136> schreiender Widersprüche: Konstitutionelle, die offen
gegen die Konstitution konspirieren, Revolutionäre, die
eingestandenermaßen konstitutionell sind, eine Nationalversammlung, die
allmächtig sein will und stets parlamentarisch bleibt; eine Montagne, die
im Dulden ihren Beruf findet und durch die Prophezeiung künftiger Siege
ihre gegenwärtige Niederlagen pariert; Royalisten, die die patres
conscripti <erwählten Väter (Ehrenname der altrömischen Senatoren)> der
Republik bilden und durch die Situation gezwungen werden, die feindlichen
Königshäuser, denen sie anhängen, im Auslande, und die Republik, die sie
hassen, in Frankreich zu halten; eine Exekutivgewalt, die in ihrer
Schwäche selbst ihre Kraft und in der Verachtung, die sie einflößt, ihre
Respektabilität findet, eine Republik; die nichts anderes ist als die
zusammengesetzte Infamie zweier Monarchien, der Restauration und der
Julimonarchie, mit einer imperialistischen Etikette – Verbindungen, deren
erste Klausel die Trennung, Kämpfe, deren erstes Gesetz die
Entscheidungslosigkeit ist, im Namen der Ruhe wüste,
inhaltslose Agitation, im Namen der Revolution feierlichstes Predigen der
Ruhe, Leidenschaften ohne Wahrheit, Wahrheiten ohne Leidenschaft, Helden
ohne Heldentaten, Geschichte ohne Ereignisse; Entwickelung, deren einzige
Triebkraft der Kalender scheint, durch beständige Wiederholung derselben
Spannungen und Abspannung ermüdend; Gegensätze, die sich selbst periodisch
nur auf die Höhe zu treiben scheinen, um sich abzustumpfen und
zusammenzufallen, ohne sich auflösen zu können; prätentiös zur Schau
getragene Anstrengungen und bürgerliche Schrecken vor der Gefahr des
Weltunterganges, und von den Weltrettern gleichzeitig die kleinlichsten
Intrigen und Hofkomödien gespielt, die in ihrem laisser-aller <ihrer
Unbekümmertheit> weniger an den Jüngsten Tag als an die Zeiten der Fronde
erinnern – das offizielle Gesamtgenie Frankreichs von der pfiffigen
Dummheit eines einzelnen Individuums zuschanden gemacht; der Gesamtwille
der Nation, sooft er im allgemeinen Wahlrecht spricht, in den verjährten
Feinden der Masseninteressen seinen entsprechenden Ausdruck suchend, bis
er ihn endlich in dem Eigenwillen eines Flibustiers findet.
Wenn irgendein Geschichtsausschnitt grau in grau gemalt ist, so ist es
dieser. Menschen und Ereignisse erscheinen als umgekehrte Schlemihle, als
Schatten, denen die Körper abhanden gekommen ist. Die Revolution selbst
paralysiert ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Gegner mit
leidenschaftlicher Gewaltsamkeit aus. Wenn das "rote Gespenst", von den
Kontrerevolutionären beständig heraufbeschworen und gebannt, endlich
erscheint, so erscheint es nicht mit anarchischer Phrygiermütze auf dem
Kopfe, sondern in der Uniform der Ordnung, in roten Plumphosen.
<137> Wir haben gesehen: Das Ministerium, das
Bonaparte am 20. Dezember 1848, am Tage seiner Himmelfahrt <Einzug in das
Elysée, den Wohnsitz des Präsidenten> installierte, war ein Ministerium
der Ordnungspartei, der legitimistischen und orleanistischen Koalition.
Dies Ministerium Barrot-Falloux hatte die republikanische Konstituante,
deren Lebensdauer es mehr oder minder gewaltsam abkürzte, überwintert und
befand sich noch am Ruder. Changarnier, der General der verbündeten
Royalisten, vereinigte fortwährend in seiner Person das Generalkommando
der ersten Militärdivison und der Pariser Nationalgarde. Die allgemeinen
Wahlen endlich hatten der Ordnungspartei die große Majorität in der
Nationalversammlung gesichert. Hier begegneten die Deputierten und Pairs
Louis-Philippes einer heiligen Schar von Legitimisten, für welche
zahlreiche Wahlzettel der Nation sich in Eintrittskarten auf die
politische Bühne verwandelt hatten. Die bonapartistischen
Volksrepräsentanten waren zu dünn gesät, um eine selbständige
parlamentarische Partei bilden zu können. Sie erschienen nur als mauvaise
queue <übles Anhängsel> der Ordnungspartei. So war die Ordnungspartei im
Besitz der Regierungsgewalt, der Armee und des gesetzgebenden Körpers,
kurz der Gesamtmacht des Staats, moralisch gekräftigt durch die
allgemeinen Wahlen, die ihre Herrschaft als den Willen des Volkes
erscheinen ließen, und durch den gleichzeitigen Sieg der Kontrerevolution
auf dem gesamten Kontinent.
Nie
eröffnete eine Partei mit größern Mittel und unter günstigern Auspizien
ihren Feldzug.
Die
schiffbrüchigen reinen Republikaner fanden sich in der
gesetzgebenden Nationalversammlung auf eine Clique von ungefähr 50 Mann
zusammengeschmolzen, an ihrer Spitze die afrikanischen Generale Cavaignac,
Lamoricière, Bedeau. Die große Oppositionspartei aber wurde gebildet durch
die Montagne. Diesen parlamentarischen Taufnamen hatte sich die
sozial-demokratische Partei gegeben. Sie verfügte über mehr als 200
von 750 Stimmen der Nationalversammlung und war daher wenigstens ebenso
mächtig als irgendeine der drei Fraktionen der Ordnungspartei für sich
genommen. Ihre relative Minorität gegen die gesamte royalistische
Koalition schien durch besondere Umstände aufgewogen. Nicht nur zeigten
die Departementswahlen, daß sie einen bedeutenden Anhang unter der
Landbevölkerung gewonnen hatte. Sie zählte beinah alle Deputierten von
Paris unter sich, die Armee hatte durch die Wahl von drei Unteroffizieren
ein demokratisches Glaubensbekenntnis abgelegt, und der Chef der Montagne,
Ledru-Rollin, war im Unterschied von allen Repräsentanten der Ordnungs-
<138> partei in den parlamentarischen Adelstand
erhoben worden durch fünft Departements, die ihre Stimmen auf ihn
vereinigt. Die Montagne schien also am 28. Mai 1849, bei den
unvermeidlichen Kollisionen der Royalisten unter sich und der gesamten
Ordnungspartei mit Bonaparte, alle Elemente des Erfolgs vor sich zu haben.
Vierzehn Tage später hatte sie alles verloren, die Ehre eingerechnet.
Ehe
wir der parlamentarischen Geschichte weiter folgen, sind einige
Bemerkungen nötig, um die gewöhnliche Täuschungen über den ganzen
Charakter der Epoche, die uns vorliegt, zu vermeiden. In der
demokratischen Manier zu sehn, handelt es sich während der Periode der
gesetzgebenden Nationalversammlung, um was es sich in der Periode der
konstituierenden handelte, um den einfachen Kampf zwischen Republikanern
und Royalisten. Die Bewegung selbst aber fassen sie in ein
Stichwort zusammen: "Reaktion", Nacht, worin alle Katzen grau sind,
und die ihnen erlaubt, ihre nachtwächterlichen Gemeinplätze abzuleiern.
Und allerdings, auf den ersten Blick zeigt die Ordnungspartei einen Knäuel
von verschiedenen royalistischen Fraktionen, die nicht nur gegeneinander
intrigieren, um jede ihren eigenen Prätendenten auf den Thron zu erheben
und den Prätendenten der Gegenpartei auszuschließen, sondern auch sich
alle vereinigen in gemeinschaftlichem Haß und gemeinschaftlichen Angriffen
gegen die "Republik". Die Montagne ihrerseits erscheint im Gegensatze zu
dieser royalistischen Konspiration als Vertreterin der "Republik". Die
Ordnungspartei erscheint beständig beschäftigt mit einer "Reaktion", die
sich nicht mehr nicht minder als in Preußen gegen Presse, Assoziation u.
dgl. richtet und in brutalen Polizeieinmischungen der Bürokratie, der
Gendarmerie und der Parkette <Gerichtshöfe> sich vollstreckt wie in
Preußen. Die "Montagne" ihrerseits wieder ist ebenso fortwährend
beschäftigt, diese Angriffe abzuwehren und so die "ewigen Menschenrechte"
zu verteidigen, wie jede sogenannte Volkspartei mehr oder minder seit
anderthalb Jahrhunderten getan hat. Vor einer nähern Betrachtung der
Situation und der Parteien verschwindet indes dieser oberflächliche
Schein, der den Klassenkampf und die eigentümliche Physiognomie
dieser Periode verschleiert.
Legitimisten und Orleanisten bildeten, wie gesagt, die zwei großen
Fraktionen der Ordnungspartei. Was diese Fraktionen an ihren Prätendenten
festhielt und sie wechselseitig auseinanderhielt, war es nichts andres als
Lilie und Trikolore, Haus Bourbon und Haus Orléans, verschiedene
Schattierungen des Royalismus, war es überhaupt das Glaubensbekenntnis des
Royalismus? Unter den Bourbonen hatte das große Grundeigentum
regiert <139> mit seinen Pfaffen und
Lakaien, unter den Orléans die hohe Finanz, die große Industrie, der große
Handel, d.h. das Kapital mit seinem Gefolge von Advokaten,
Professoren und Schönrednern. Das legitime Königtum war bloß der
politische Ausdruck für die angestammte Herrschaft der Herren von Grund
und Boden, wie die Julimonarchie nur der politische Ausdruck für die
usurpierte Herrschaft des bürgerlichen Parvenüs. Was also diese Fraktionen
auseinanderhielt, es waren keine sogenannten Prinzipien, es waren ihre
materiellen Existenzbedingungen, zwei verschiedene Arten des Eigentums, es
war der alte Gegensatz von Stadt und Land, die Rivalität zwischen Kapital
und Grundeigentum. Daß gleichzeitig alte Erinnerungen, persönliche
Feindschaften, Befürchtungen und Hoffnungen, Vorurteile und Illusionen,
Sympathien und Antipathien, Überzeugungen, Glaubensartikel und Prinzipien
sie an das eine oder das andere Königshaus banden, wer leugnet es? Auf den
verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen
erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter
Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze
Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus
und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne
Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich
einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den
Ausgangspunkt seines Handelns bilden. Wenn Orleanisten, Legitimisten, jede
Fraktion sich selbst und der anderen vorzureden suchte, daß die
Anhänglichkeit an ihre zwei Königshäuser sie trenne, bewies später die
Tatsache, daß vielmehr ihr gespaltenes Interesse die Vereinigung der zwei
Königshäuser verbot. Und wie man im Privatleben unterscheidet zwischen
dem, was ein Mensch von sich meint und sagt, und dem was er wirklich ist
und tut, so muß man noch mehr in geschichtlichen Kämpfen die Phrasen und
Einbildungen der Parteien von ihrem wirklichen Organismus und ihren
wirklichen Interessen, ihre Vorstellungen von ihrer Realität
unterscheiden. Orleanisten und Legitimisten fanden sich in der Republik
nebeneinander mit gleichen Ansprüchen. Wenn jede Seite gegen die andre die
Restauration ihres eignen Königshauses durchsetzen wollte,
so hieß das nichts andres, als daß die zwei großen Interessen,
worin die Bourgeoisie sich spaltete – Grundeigentum und Kapital -,
jedes seine eigene Suprematie und die Unterordnung des andern zu
restaurieren suchte. Wir sprechen von zwei Interessen der Bourgeoisie,
denn das große Grundeigentum, trotz seiner feudalen Koketterie und seines
Racenstolzes, war durch die Entwicklung der modernen Gesellschaft
vollständig verbürgerlicht. So haben die Tories in England sich lange
eingebildet, daß sie für das Königtum, die Kirche und die Schönheiten der
<140> altenglischen Verfassung schwärmten, bis
der Tag der Gefahr ihnen das Geständnis entriß, daß sie nur für die
Grundrente schwärmen. <Siehe MEW, Bd. 8, S. 336-341>
Die
koalisierten Royalisten spielten ihre Intrige gegeneinander in der Presse,
in Ems, in Claremont, außerhalb des Parlaments. Hinter den Kulissen zogen
sie ihre alten orleanistischen und legitimistischen Livreen wieder an und
führten ihre alten Turniere wieder auf. Aber auf der öffentlichen Bühne,
in ihren Haupt- und Staatsaktionen, als große parlamentarische Partei,
fertigten sie ihre respektiven Königshäuser mit bloßen Reverenzen ab und
vertagten die Restauration der Monarchie ad infinitum <ins Unendliche>.
Sie verrichteten ihr wirkliches Geschäft als Partei der Ordnung,
d.h. unter einem gesellschaftlichen, nicht unter einem
politischen Titel, als Vertreter der bürgerlichen Weltordnung, nicht
als Ritter fahrender Prinzessinnen, als Bourgeoisklasse gegen alle andern
Klassen, nicht als Royalisten gegenüber den Republikanern. Und als Partei
der Ordnung haben sie eine unumschränktere und härtere Herrschaft über die
andern Klassen der Gesellschaft ausgeübt als je zuvor unter der
Restauration oder unter der Julimonarchie, wie sie überhaupt nur unter der
Form der parlamentarischen Republik möglich war, denn nur unter dieser
Form konnten die zwei großen Abteilungen der französischen Bourgeoisie
sich vereinigen, also die Herrschaft ihrer Klasse statt des Regimes einer
privilegierten Fraktion derselben auf die Tagesordnung setzen. Wenn sie
trotzdem auch als Partei der Ordnung die Republik insultieren und ihren
Widerwillen gegen sie aussprechen, so geschah das nicht nur aus
royalistischer Erinnerung. Es lehrte sie der Instinkt, daß die Republik
zwar ihre politische Herrschaft vollendet, aber zugleich deren
gesellschaftliche Grundlage unterwühlt, indem sie nun ohne Vermittlung,
ohne den Versteck der Krone, ohne das nationale Interesse durch ihre
untergeordneten Kämpfe untereinander und mit dem Königtum ableiten zu
können, den unterjochten Klassen gegenüberstehn und mit ihnen ringen zu
müssen. Es war Gefühl der Schwäche, das sie vor den reinen Bedingungen
ihrer eignen Klassenherrschaft zurückbeben und sich nach den
unvollständigern, unterentwickelteren und eben darum gefahrloseren Formen
derselben zurücksehnen ließ. Sooft die koalisierten Royalisten dagegen in
Konflikt mit dem Prätendenten geraten, der ihnen gegenübersteht, mit
Bonaparte, sooft sie ihre parlamentarische Allmacht von der Exekutivgewalt
gefährdet glauben, sooft sie also den politischen Titel ihrer Herrschaft
herauskehren müssen, treten sie als Republikaner auf und nicht als
Royalisten, von dem Orleanisten Thiers, der die Nationalversammlung
warnt, daß die Republik sie am wenigsten trenne, bis auf den Legitimisten
Berryer, <141> der am 2. Dezember 1851, die
dreifarbige Schärpe umgewunden, das vor dem Mairiegebäude des zehnten
Arrondissements versammelte Volk als Tribun im Namen der Republik
harrangiert. Allerdings ruft ihm das Echo spottend zurück: Henri V! Henri
V!
Der
koalisierten Bourgeoisie gegenüber hatte sich eine Koalition zwischen
Kleinbürgern und Arbeitern gebildet, die sogenannte
sozial-demokratische Partei. Die Kleinbürger sahen sich nach den
Junitagen 1848 schlecht belohnt, ihre materiellen Interessen gefährdet und
die demokratischen Garantien, die ihnen die Geltendmachung dieser
Interessen sichern sollten, von der Kontrerevolution in Frage gestellt.
Sie näherten sich daher den Arbeitern. Ihre parlamentarische
Repräsentation andererseits, die Montagne, während der Diktatur der
Bourgeois-Republikaner beiseite geschoben, hatte in der letzten
Lebenshälfte der Konstituante durch den Kampf mit Bonaparte und den
royalistischen Ministern ihre verlorene Popularität wieder erobert. Sie
hatte mit den sozialistischen Führern eine Allianz geschlossen. Februar
1849 wurden Versöhnungsbankette gefeiert. Ein gemeinschaftliches Programm
wurde entworfen, gemeinschaftliche Wahlkomitees wurden gestiftet und
gemeinschaftliche Kandidaten aufgestellt. Den sozialen Forderungen des
Proletariats ward die revolutionäre Pointe abgebrochen und eine
demokratische Wendung gegeben, den demokratischen Ansprüchen des
Kleinbürgertums die bloß politische Form abgestreift und ihre
sozialistische Pointe herausgekehrt. So entstand die Sozial-Demokratie.
Die neue Montagne, das Ergebnis dieser Kombination, enthielt,
einige Figuranten aus der Arbeiterklasse und einige sozialistische
Sektierer abgerechnet, dieselben Elemente wie die alte Montagne, nur
numerisch stärker. Aber im Laufe der Entwicklung hatte sie sich verändert
mit der Klasse, die sie vertrat. Der eigentümliche Charakter der
Sozial-Demokratie faßte sich dahin zusammen, daß
demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden,
nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern
um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln. Wie
verschiedene Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes vorgeschlagen werden
mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstellungen sich
verbrämen mag, der Inhalt bleibt derselbe. Dieser Inhalt ist die
Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem Wege, aber eine Umänderung
innerhalb der Grenzen des Kleinbürgertums. Man muß sich nur nicht die
bornierte Vorstellung machen, als wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein
egoistisches Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß
die besondern Bedingungen seiner Befreiung die allgemeinen
Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet
und der Klassenkampf ver- <142> mieden werden
kann. Man muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demokratischen
Repräsentanten nun alle shopkeepers <Krämer> sind oder für dieselben
schwärmen. Sie können ihre Bildung und ihrer individuellen Lage nach
himmelweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu Vertretern des Kleinbürgers
macht, ist, daß sie im Kopfe nicht über die Schranken hinauskommen,
worüber jener nicht im Leben hinauskommt, daß sie daher zu denselben
Aufgaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das
materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben.
Dies ist überhaupt das Verhältnis der politischen und
literarischen Vertreter einer Klasse zu der Klasse, die sie vertreten.
Nach
der gegebenen Auseinandersetzung versteht sich von selbst, daß, wenn die
Montagne mit der Ordnungspartei fortwährend um die Republik und die
sogenannten Menschenrechte ringt, weder die Republik noch die
Menschenrechte ihr letzter Zweck sind, sowenig eine Armee, die man der
Waffen berauben will und die sich zur Wehr setzt, auf den Kampfplatz
getreten ist, um im Besitz ihrer eigenen Waffen zu bleiben.
Die
Partei der Ordnung provozierte gleich beim Zusammentritt der
Nationalversammlung die Montagne. Die Bourgeoisie fühlte jetzt die
Notwendigkeit, mit den demokratischen Kleinbürgern fertig zu werden, wie
sie ein Jahr vorher die Notwendigkeit begriffen hatten, mit dem
revolutionären Proletariat zu enden. Nur war die Situation des Gegners
eine verschiedene. Die Stärke der proletarischen Partei war auf der
Straße, die der Kleinbürger in der Nationalversammlung selbst. Es galt
also, sie aus der Nationalversammlung auf die Straße zu locken und sie
selbst ihre parlamentarische Macht zerbrechen zu lassen, ehe Zeit und
Gelegenheit sie konsolidieren konnten. Die Montagne sprengte mit
verhängtem Zügel in die Falle.
Das
Bombardement Roms durch die französischen Truppen war der Köder, der ihr
hingeworfen wurde. Es verletzte Artikel V der Konstitution, der der
Französischen Republik untersagt, ihre Streitkräfte gegen die Freiheiten
eines anderen Volks zu verwenden. Zudem verbot auch Artikel 54 jede
Kriegserklärung von seiten der Exekutivgewalt ohne Zustimmung der
Nationalversammlung, und die Konstituante hatte durch ihren Beschluß vom
8. Mai die römische Expedition mißbilligt. Auf diese Gründe hin deponierte
Ledru-Rollin am 11. Juni 1849 einen Anklageakt gegen Bonaparte und seine
Minister. Durch die Wespenstiche von Thiers aufgereizt, ließ er sich sogar
zu der Drohung fortreißen, die Konstitution mit allen Mitteln verteidigen
zu wollen, selbst mit den Waffen in der Hand. Die Montagne erhob sich wie
ein Mann <143> und wiederholte diesen
Waffenruf. Am 12. Juni verwarf die Nationalversammlung den Anklageakt, und
die Montagne verließ das Parlament. Die Ereignisse des 13. Juni sind
bekannt: die Proklamation eines Teils der Montagne, wodurch Bonaparte und
seine Minister "außerhalb der Konstitution" erklärt wurden; die
Straßenprozession der demokratischen Nationalgarden, die waffenlos, wie
sie waren, bei dem Zusammentreffen mit den Truppen Changarniers
auseinanderstoben usw. usw. Ein Teil der Montagne flüchtete ins Ausland,
ein anderer wurde dem Hochgericht in Bourges überwiesen, und ein
parlamentarisches Reglement unterwarf den Rest der schulmeisterlichen
Aufsicht des Präsidenten der Nationalversammlung. Paris wurde wieder in
Belagerungszustand versetzt und der demokratische Teil seiner
Nationalgarde aufgelöst. So war der Einfluß der Montagne im Parlament und
die Macht der Kleinbürger in Paris gebrochen.
Lyon, wo der 13. Juni das Signal zu einem blutigen Arbeiteraufstand
gegeben hatte, wurde mit den fünf umliegenden Departements ebenfalls in
Belagerungszustand erklärt, ein Zustand, der bis auf diesen Augenblick
fortdauert.
Das
Gros der Montagne hatte seine Avantgarde im Stiche gelassen, indem es
ihrer Proklamation die Unterschriften verweigerte. Die Presse war
desertiert, indem nur zwei Journale das Pronunziamento zu veröffentlichen
wagten. Die Kleinbürger verrieten ihre Repräsentanten, indem die
Nationalgarden ausblieben oder, wo sie erschienen, den Barrikadenbau
verhinderten. Die Repräsentanten hatten die Kleinbürger düpiert, indem die
angeblichen Affiliierten von der Armee nirgends zu erblicken waren.
Endlich, statt von ihm Kraftzuschuß zu gewinnen, hatte die demokratische
Partei das Proletariat mit ihrer eignen Schwäche angesteckt, und, wie
gewöhnlich bei demokratischen Hochtaten, hatten die Führer die Genugtuung,
ihr "Volk" der Desertion, und das Volk die Genugtuung, seine Führer der
Prellerei beschuldigen zu können.
Selten war eine Aktion mit größerem Geräusch verkündet worden als der
bevorstehende Feldzug der Montagne, selten ein Ereignis mit mehr
Sicherheit und länger vorher austrompetet als der unvermeidliche Sieg der
Demokratie. Ganz gewiß: Die Demokraten glauben an die Posaunen, vor deren
Stößen die Mauern Jerichos einstürzten. Und sooft sie den Wällen des
Despotismus gegenüberstehen, suchen sie das Wunder nachzumachen. Wenn die
Montagne im Parlamente siegen wollte, durfte sie nicht zu den Waffen
rufen. Wenn sie im Parlamente zu den Waffen rief, durfte sie sich auf der
Straße nicht parlamentarisch verhalten. Wenn die friedliche Demonstration
ernst gemeint war, so war es albern, nicht vorherzusehen, daß sie
kriegerisch empfan- <144> gen werden würde. Wenn
es auf den wirklichen Kampf abgesehn war, so war es originell, die Waffen
abzulegen, mit denen er geführt werden mußte. Aber die revolutionären
Drohungen der Kleinbürger und ihrer demokratischen Vertreter sind bloße
Einschüchterungsversuche des Gegners. Und wenn sie sich in eine Sackgasse
verrannt, wenn sie sich hinlänglich kompromittiert haben, um zur
Ausführung ihrer Drohungen gezwungen zu sein, so geschieht es in einer
zweideutigen Weise, die nichts mehr vermeidet als die Mittel zum Zwecke
und nach Vorwänden zum Unterliegen hascht. Die schmetternde Ouvertüre, die
den Kampf verkündete, verliert sich in ein kleinlautes Knurren, sobald er
beginnen soll, die Schauspieler hören auf, sich au sérieux <ernst> zu
nehmen, und die Handlung fällt platt zusammen wie ein luftgefüllter
Ballon, den man mit der Nadel pickt.
Keine Partei übertreibt sich mehr ihre Mittel als die demokratische, keine
täuscht sich leichtsinniger über die Situation. Wenn ein Teil der Armee
für sie gestimmt hatte, war die Montagne nun auch überzeugt, daß die Armee
für sie revoltieren werde. Und bei welchem Anlasse? Bei einem Anlasse, der
vom Standpunkt der Truppen keinen anderen Sinn hatte, als daß die
Revolutionäre für die römischen gegen die französischen Soldaten Partei
ergriffen. Andererseits waren die Erinnerungen an den Juni 1848 noch zu
frisch, als daß nicht eine tiefe Abneigung des Proletariats gegen die
Nationalgarde und ein durchgreifendes Mißtrauen der Chefs der geheimen
Gesellschaften gegen die demokratischen Chefs existieren mußten. Um diese
Differenzen auszugleichen, dazu bedurfte es großer gemeinschaftlicher
Interessen, die auf dem Spiele standen. Die Verletzung eines abstrakten
Verfassungsparagraphen konnte das Interesse nicht bieten. War die
Verfassung nicht schon wiederholt verletzt worden nach der Versicherung
der Demokraten selbst? Hatten die populärsten Journale sie nicht als ein
kontrerevolutionäres Machwerk gebrandmarkt? Aber der Demokrat, weil er das
Kleinbürgertum vertritt, also eine Übergangsklasse, worin die
Interessen zweier Klassen sich zugleich abstumpfen, dünkt sich über den
Klassengegensatz überhaupt erhaben. Die Demokraten geben zu, daß eine
privilegierte Klasse ihnen gegenübersteht, aber sie mit der ganzen übrigen
Umgebung der Nation bilden das Volk. Was sie vertreten ist das
Volksrecht; was sie interessiert ist das Volksinteresse. Sie
brauchen daher bei einem bevorstehenden Kampfe die Interessen und
Stellungen der verschiedenen Klassen nicht zu prüfen. Sie brauchen ihre
eigenen Mittel nicht allzu bedenklich abzuwägen. Sie haben eben nur das
Signal zu geben, damit das Volk mit allen <145>
seinen unerschöpflichen Ressourcen über die Dränger herfalle.
Stellen sich nun in der Ausführung ihre Interessen als uninteressant und
ihre Macht als Ohnmacht heraus, so liegt das entweder an verderblichen
Sophisten, die das unteilbare Volk in verschiedene feindliche Lager
spalten, oder die Armee war zu vertiert und zu verblendet, um die reinen
Zwecke der Demokratie als ihr eignes Beste zu begreifen, oder an einem
Detail der Ausführung ist das Ganze gescheitert, oder aber ein
unvorhergesehener Zufall hat für diesmal die Partie vereitelt. Jedenfalls
geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage
heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen
Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den
alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm
entgegenzureifen haben.
Man
muß sich daher die dezimierte, gebrochene und durch das neue
parlamentarische Reglement gedemütigte Montagne nicht gar zu unglücklich
vorstellen. Wenn der 13. Juni ihre Chefs beseitigt hatte, so macht er
andererseits untergeordneteren Kapazitäten Platz, denen diese neue
Stellung schmeichelt. Wenn ihre Machtlosigkeit im Parlamente nicht mehr
bezweifelt werden konnte, so waren sie nun auch berechtigt, ihre Tat auf
Ausbrüche sittlicher Entrüstung und polternde Deklamationen zu
beschränken. Wenn die Ordnungspartei in ihnen als den letzten offiziellen
Repräsentanten der Revolution alle Schrecken der Anarchie verkörpert zu
sehen vorgab, so konnten sie in der Wirklichkeit desto platter und
bescheidener sein. Über den 13. Juni aber vertrösteten sie sich mit der
tiefen Wendung: Aber wenn man das allgemeine Wahlrecht anzugreifen wagt,
aber dann! Dann werden wir zeigen, wer wir sind. Nous verrons <Wir werden
sehen>.
Was
die ins Ausland geflüchteten Montagnards betrifft, so genügt es hier zu
bemerken, daß Ledru-Rollin, weil es ihm gelungen war, in kaum zwei Wochen
die mächtige Partei, an deren Spitze er stand, rettungslos zu ruinieren,
sich nun berufen fand, eine französische Regierung in partibus zu bilden;
daß seine Figur, in der Ferne, vom Boden der Aktion weggehoben, im Maßstab
als das Niveau der Revolution sank und die offiziellen Größen des
offiziellen Frankreich zwerghafter wurden, an Größe zu wachsen schien; daß
er als republikanischer Prätendent für 1852 fungieren konnte, daß er
periodische Rundschreiben an die Walachen und andere Völker erließ, worin
den Despoten des Kontinents mit seinen und seiner Verbündeten Taten
gedroht wird. Hatte Proudhon ganz unrecht, wenn er diesen Herren zurief:
"Vous n’êtes que des blagueurs" <"Ihr seid nichts als Aufschneider"> ?
<146> Die Ordnungspartei hatte am 13. Juni nicht
nur die Montagne gebrochen, sie hatte die Unterordnung der Konstitution
unter die Majoritätsbeschlüsse der Nationalversammlung durchgesetzt.
Und so verstand sie die Republik: daß die Bourgeoisie hier in
parlamentarischen Formen herrsche, ohne wie in der Monarchie an dem Veto
der Exekutivgewalt oder an der Auflösbarkeit des Parlaments eine Schranke
zu finden. Das war die parlamentarische Republik, wie Thiers sie
nannte. Aber wenn die Bourgeoisie am 13. Juni ihre Allmacht innerhalb des
Parlamentsgebäudes sicherte, schlug sie nicht das Parlament selbst, der
Exekutivgewalt und dem Volke gegenüber, mit unheilbarer Schwäche, indem
sie den populärsten Teil desselben ausstieß? Indem sie zahlreiche
Deputierte ohne weitere Zeremonien der Requisition der Parkette preisgab,
hob sie ihre eigne parlamentarische Unverletzlichkeit auf. Das demütigende
Reglement, dem sie die Montagne unterwarf, erhöht in demselben Maße den
Präsidenten der Republik, als es den einzelnen Repräsentanten des Volks
herabdrückt. Indem sie die Insurrektion zum Schutz der konstitutionellen
Verfassung als anarchische, auf den Umsturz der Gesellschaft abzweckende
Tat brandmarkt, verbot sie sich selbst den Appell an die Insurrektion,
sobald die Exekutivgewalt ihr gegenüber die Verfassung verletzen würde.
Und die Ironie der Geschichte will, daß der General, der im Auftrage
Bonapartes Rom bombardiert und so den unmittelbaren Anlaß zu der
konstitutionellen Emeute vom 13. Juni gegeben hat, daß Oudinot am
2. Dezember 1851 dem Volke von der Ordnungspartei flehentlich und
vergeblich als der General der Konstitution gegen Bonaparte angeboten
werden muß. Ein andrer Held des 13. Juni, Vieyra, der von der
Tribüne der Nationalversammlung Lob einerntet für die Brutalitäten, die er
in demokratischen Zeitungslokalen an der Spitze einer der hohen Finanz
angehörigen Rotte von Nationalgarden verübt hatte, dieser selbe Vieyra war
in die Verschwörung Bonapartes eingeweiht und trug wesentlich dazu bei, in
ihrer Todesstunde der Nationalversammlung jeden Schutz von seiten der
Nationalgarde abzuschneiden.
Der
13. Juni hatte noch einen anderen Sinn. Die Montagne hatte Bonapartes
Versetzung in Anklagezustand ertrotzen wollen. Ihre Niederlage war also
ein direkter Sieg Bonapartes, sein persönlicher Triumph über seine
demokratischen Feinde. Die Partei der Ordnung erfocht den Sieg, Bonaparte
hatte ihn nur einzukassieren. Er tat es. Am 14. Juni war eine Proklamation
an den Mauern von Paris zu lesen, worin der Präsident, gleichsam ohne sein
Zutun, widerstrebend, durch die bloße Macht der Ereignisse gezwungen, aus
seiner klösterlichen Abgeschiedenheit hervortritt, als verkannte Tugend
über die Verleumdungen seiner Widersacher klagt, und während er seine
Person mit <147> der Sache der Ordnung zu
identifizieren scheint, vielmehr die Sache der Ordnung mit seiner Person
identifiziert. Zudem hatte die Nationalversammlung die Expedition gegen
Rom zwar nachträglich gebilligt, aber Bonaparte hatte die Initiative dazu
ergriffen. Nachdem er den Hohepriester Samuel in den Vatikan wieder
eingeführt, konnte er hoffen, als König David die Tuilerien zu beziehen.
Er hatte die Pfaffen gewonnen.
Die
Emeute vom 13. Juni beschränkte sich, wie wir gesehn, auf eine friedliche
Straßenprozession. Es waren also keine kriegerischen Lorbeeren gegen sie
zu gewinnen. Nichtsdestoweniger, in dieser helden- und ereignisarmen Zeit
verwandelte die Ordnungspartei diese Schlacht ohne Blutvergießen in ein
zweites Austerlitz. Tribüne und Presse priesen die Armee als die Macht der
Ordnung gegenüber den Volksmassen als der Ohnmacht der Anarchie und den
Changarnier als das "Bollwerk der Gesellschaft". Mystifikation, an die er
schließlich selbst glaubte. Unterderhand aber wurden die Korps, die
zweideutig schienen, aus Paris verlegt, aus Frankreich nach Algier
verbannt, die unruhigen Köpfe unter den Truppen in Strafabteilungen
verwiesen, endlich die Absperrung der Presse von der Kaserne und der
Kaserne von der bürgerlichen Gesellschaft systematisch durchgeführt.
Wir
sind hier bei dem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der
französischen Nationalgarde angelangt. 1830 hatte sie den Sturz der
Restauration entschieden. Unter Louis-Philippe mißglückte jede Emeute,
worin die Nationalgarde auf Seiten der Truppen stand. Als sie in den
Februartagen 1848 sich passiv gegen den Aufstand und zweideutig gegen
Louis-Philippe zeigte, gab er sich verloren und war er verloren. So schlug
die Überzeugung Wurzel, daß die Revolution nicht ohne und die Armee
nicht gegen die Nationalgarde siegen könne. Es war dies der
Aberglaube der Armee an die bürgerliche Allmacht. Die Junitage 1848, wo
die gesamte Nationalgarde mit den Linientruppen die Insurrektion
niederwarf, hatten den Aberglauben befestigt. Nach Bonapartes
Regierungsantritt sank die Stellung der Nationalgarde einigermaßen durch
die konstitutionswidrige Vereinigung ihres Kommandos mit dem Kommando der
ersten Militärdivison in der Person Changarniers.
Wie
das Kommando über die Nationalgarde hier als ein Attribut des
militärischen Oberbefehlshabers erschien, so sie selbst nur nach als
Anhang der Linientruppen. Am 13. Juni endlich wurde sie gebrochen: nicht
nur durch ihre teilweise Auflösung, die sich seit dieser Zeit periodisch
an allen Punkten Frankreichs wiederholte und nur Trümmer von ihr
zurückließ. Die Demonstration des 13. Juni war vor allem eine
Demonstration der demokratischen Nationalgarden. Sie hatten zwar nicht
ihre Waffen, wohl aber ihre Uniformen <148> der
Armee gegenübergeführt, aber gerade in dieser Uniform saß der Talisman.
Die Armee überzeugte sich, daß diese Uniform ein wollener Lappen wie ein
andrer war. Der Zauber ging verloren. In den Junitagen 1848 waren
Bourgeoisie und Kleinbürgertum als Nationalgarde mit der Armee gegen das
Proletariat vereinigt, am 13. Juni 1849 ließ die Bourgeoisie die
kleinbürgerliche Nationalgarde durch die Armee auseinandersprengen, am 2.
Dezember 1851 war die Nationalgarde der Bourgeoisie selbst verschwunden,
und Bonaparte konstatierte nur dies Faktum, als er nachträglich ihr
Auflösungsdekret unterschrieb. So hatte die Bourgeoisie selbst ihre letzte
Waffe gegen die Armee zerbrochen, aber sie mußte sie zerbrechen von dem
Augenblicke, wo das Kleinbürgertum nicht mehr als Vasall hinter, sondern
als Rebell vor ihr stand, wie sie überhaupt alle ihre Verteidigungsmittel
gegen den Absolutismus mit eigner Hand zerstören mußte, sobald sie selbst
absolut geworden war.
Die
Ordnungspartei feierte unterdes die Wiedereroberung einer Macht, die 1848
nur verloren schien, um 1849 von ihren Schranken befreit wiedergefunden zu
werden, durch Invektiven gegen die Republik und die Konstitution, durch
die Verfluchung aller zukünftigen, gegenwärtigen und vergangenen
Revolutionen, die eingerechnet, welche ihre eigenen Führer gemacht hatten,
und in Gesetzen, wodurch die Presse geknebelt, die Assoziation vernichtet
und der Belagerungszustand als organisches Institut reguliert wurde. Die
Nationalversammlung vertagte sich dann von Mitte August bis Mitte Oktober,
nachdem sie eine Permanenzkommission für die Zeit ihrer Abwesenheit
ernannt hatte. Während dieser Ferien intrigierten die Legitimisten mit
Ems, die Orleanisten mit Claremont, Bonaparte durch prinzliche Rundreisen
und die Departementalräte in Beratungen über die Revision der Verfassung –
Vorfälle, die in den periodischen Ferien der Nationalversammlung
regelmäßig wiederkehren und auf die ich erst eingehen will, sobald sie zu
Ereignissen werden. Hier sei nur noch bemerkt, daß die Nationalversammlung
unpolitisch handelte, als sie für längere Intervalle von der Bühne
verschwand und auf der Spitze der Republik nur noch eine, wenn auch
klägliche Gestalt erblicken ließ, die Louis Bonapartes, während die Partei
der Ordnung zum Skandale des Publikums in ihre royalistischen Bestandteile
auseinander- und ihren sich widerstreitenden Restaurationsgelüsten
nachging. Sooft während dieser Ferien der verwirrende Lärm des
Parlaments verstummte und sei Körper sich in die Nation auflöste,
zeigte sich unverkennbar, daß nur noch eins fehle, um die wahre
Gestalt dieser Republik zu vollenden: seine Ferien permanent machen
und ihre Aufschrift: liberté, égalité, fraternité, ersetzen durch
die unzweideutigen Worte: Infanterie, Kavallerie, Artillerie!
IV
<149> Mitte Oktober 1849 trat die
Nationalversammlung wieder zusammen. Am 1. November überraschte Bonaparte
sie mit einer Botschaft, worin er die Entlassung des Ministeriums
Barrot-Falloux und die Bildung eines neuen Ministeriums anzeigte. Man hat
Lakaien nie mit weniger Zeremonien aus dem Dienste gejagt als Bonaparte
seine Minister. Die Fußtritte, die der Nationalversammlung bestimmt waren,
erhielt vorläufig Barrot u. Komp.
Das
Ministerium Barrot war, wie wir gesehen haben, aus Legitimisten und
Orleanisten zusammengesetzt, ein Ministerium der Ordnungspartei. Bonaparte
hatte desselben bedurft, um die republikanische Konstituante aufzulösen,
die Expedition gegen Rom zu bewerkstelligen und die demokratische Partei
zu brechen. Hinter diesem Ministerium hatte er sich scheinbar eklipsiert,
die Regierungsgewalt in die Hände der Ordnungspartei abgetreten und die
bescheidene Charaktermaske angelegt, die unter Louis-Philippe der
verantwortliche Gerant der Zeitungspresse trug, die Maske des homme de
paille <Strohmannes>. Jetzt warf er eine Larve weg, die nicht mehr der
leichte Vorhang war, worunter er seine Physiognomie verstecken konnte,
sondern die eiserne Maske, die ihn verhinderte, eine eigne Physiognomie zu
zeigen. Er hatte das Ministerium Barrot eingesetzt, um im Namen der
Ordnungspartei die republikanische Nationalversammlung zu sprengen; er
entließ es, um seinen eignen Namen von der Nationalversammlung der
Ordnungspartei unabhängig zu erklären.
An
plausiblen Vorwänden zu dieser Entlassung fehlte es nicht. Das Ministerium
Barrot vernachlässigte selbst die Anstandsformen, die den Präsidenten der
Republik als eine Macht neben der Nationalversammlung hätten erscheinen
lassen. Während der Ferien der Nationalversammlung veröffentlichte
Napoleon einen Brief an Edgar Ney, worin er das illiberale Auftreten
<150> des Papstes zu mißbilligen schien, wie er
im Gegensatz zur Konstituante einen Brief veröffentlicht hatte, worin er
Oudinot für den Angriff auf die römische Republik belobte. Als nun die
Nationalversammlung das Budget für die römische Expedition votierte,
brachte Victor Hugo aus angeblichem Liberalismus jenen Brief zur Sprache.
Die Ordnungspartei erstickte den Einfall, als ob Bonapartes Einfälle
irgendein Gewicht haben könnten, unter verächtlich ungläubigen
Ausrufungen. Keiner der Minister nahm den Handschuh für ihn auf. Bei einer
andern Gelegenheit ließ Barrot mit seinem bekannten hohlen Pathos Worte
der Entrüstung von der Rednertribüne auf die “abominablen Umtriebe”
fallen, die nach seiner Aussage in der nächsten Umgebung des Präsidenten
vorgingen. Endlich verweigerte das Ministerium, während es der Herzogin
von Orléans einen Witwengehalt von der Nationalversammlung erwirkte, jeden
Antrag auf Erhöhung der präsidentiellen Zivilliste. Und in Bonaparte
verschmolz der kaiserliche Prätendent so innig mit dem heruntergekommenen
Glücksritter, daß die eine große Idee, er sei berufen, das Kaisertum zu
restaurieren, stets von der anderen ergänzt ward, das französische Volk
sei berufen, seine Schulden zu zahlen.
Das
Ministerium Barrot-Falloux war des erste und letzte parlamentarische
Ministerium, das Bonaparte ins Leben rief. Die Entlassung desselben
bildete daher einen entscheidenden Wendepunkt. Mit ihm verlor die
Ordnungspartei, um ihn nie wieder zu erobern, einen unentbehrlichen Posten
für die Behauptung des parlamentarischen Regimes, die Handhabe der
Exekutivgewalt. Man begreift sogleich, daß in einem Lande wie Frankreich,
wo die Exekutivgewalt über ein Beamtenheer von mehr als einer halben
Million von Individuen verfügt, also eine ungeheure Masse von Interessen
und Existenzen beständig in der unbedingtesten Abhängigkeit erhält, wo der
Staat die bürgerliche Gesellschaft von ihren umfassendsten
Lebensäußerungen bis zu ihren unbedeutendsten Regungen hinab, von ihren
allgemeinsten Daseinsweisen bis zur Privatexistenz der Individuen
umstrickt, kontrolliert, maßregelt, überwacht und bevormundet, wo dieser
Parasitenkörper durch die außerordentlichste Zentralisation eine
Allgegenwart, Allwissenheit, eine beschleunigte Bewegungsfähigkeit und
Schnellkraft gewinnt, die nur in der hülflosen Unselbständigkeit, in der
zerfahrenen Unförmlichkeit des wirklichen Gesellschaftskörpers ein
Analogen finden, daß in einem solchen Lande die Nationalversammlung mit
der Verfügung über die Ministerstellen jeden wirklichen Einfluß verloren
gab, wenn sie nicht gleichzeitig die Staatsverwaltung vereinfachte, das
Beamtenheer möglichst verringerte, endlich die bürgerliche Gesellschaft
und die öffentliche Meinung ihre eignen von der Regierungsgewalt
unabhängigen Organe erschaffen ließ. Aber das materielle Interesse
der <151> französischen Bourgeoisie ist gerade
auf das innigste mit der Erhaltung jener breiten und vielverzweigten
Staatsmaschine verwebt. Hier bringt sie ihre überschüssige Bevölkerung
unter und ergänzt in der Form von Staatsgehalten, was sie nicht in der
Form von Profiten, Zinsen, Renten und Honoraren einstecken kann.
Andererseits zwang ihr politisches Interesse sie, die Repression,
also die Mittel und das Personal der Staatsgewalt, täglich zu vermehren,
während sie gleichzeitig einen ununterbrochenen Krieg gegen die
öffentliche Meinung führen und die selbständigen Bewegungsorgane der
Gesellschaft mißtrauisch verstümmeln, lähmen mußte, wo es ihr nicht
gelang, sie gänzlich zu amputieren. So war die französische Bourgeoisie
durch ihre Klassenstellung gezwungen, einerseits die Lebensbedingungen
einer jeden, also auch ihrer eigenen parlamentarischen Gewalt zu
vernichten, andererseits die ihr feindliche Exekutivgewalt unwiderstehlich
zu machen.
Das
neue Ministerium hieß das Ministerium d'Hautpoul. Nicht als hätte General
d'Hautpoul den Rang eines Ministerpräsidenten erhalten. Mit Barrot
schaffte Bonaparte vielmehr zugleich diese Würde ab, die den Präsidenten
der Republik allerdings zur legalen Nichtigkeit eines konstitutionellen
Königs verdammte, aber eines konstitutionellen Königs ohne Thron und ohne
Krone, ohne Zepter und ohne Schwert, ohne Unverantwortlichkeit, ohne den
unverjährbaren Besitz der höchsten Staatswürde und, was das fatalste war,
ohne Zivilliste. Das Ministerium d'Hautpoul besaß nur einen Mann von
parlamentarischem Rufe, den Juden Fould, eines der berüchtigsten
Glieder der hohen Finanz. Ihm fiel das Finanzministerium anheim. Man
schlage die Pariser Börsennotationen nach, und man wird finden, daß vom 1.
November 1849 an die französischen Fonds steigen und fallen mit dem
Steigen und Fallen der bonapartistischen Aktien. Während Bonaparte so
seinen Affiliierten in der Börse gefunden hatte, bemächtigte er sich
zugleich der Polizei durch Carliers Ernennung zum Polizeipräfekten von
Paris.
Indes konnten sich die Folgen des Ministerwechsels erst im Laufe der
Entwicklung herausstellen. Zunächst hatte Bonaparte nur einen Schritt
vorwärts getan, um desto augenfälliger rückwärts getrieben zu werden.
Seiner barschen Botschaft folgte die servilste Untertänigkeitserklärung an
die Nationalversammlung. Sooft die Minister den schüchternen Versuch
wagten, seine persönlichen Marotten als Gesetzesvorschläge einzubringen,
schienen sie selbst nur widerwillig und durch ihre Stellung gezwungen, die
komischen Aufträge zu erfüllen, von deren Erfolglosigkeit sie im voraus
überzeugt waren. Sooft Bonaparte im Rücken der Minister seine Absichten
ausplauderte und mit seinen “idées napoléoniennes “ spielte, desavouierten
ihn die eignen Minister von der Tribüne der Nationalversammlung herab.
Seine Usurpations- <152> gelüste schienen nur
laut zu werden, damit das schadenfrohe Gelächter seiner Gegner nicht
verstumme. Er gebärdete sich als ein verkanntes Genie, das alle Welt für
einen Simpel ausgibt. Nie genoß er in vollerem Maße die Verachtung aller
Klassen als während dieser Periode. Nie herrschte die Bourgeoisie
unbedingter, nie trug sie prahlerischer die Insignien der Herrschaft zu
Schau.
Ich
habe hier nicht die Geschichte ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit zu
schreiben, die sich wahrend dieser Periode in zwei Gesetzen resümiert: in
dem Gesetze, das die Weinsteuer wiederherstellte, in dem
Unterrichtsgesetze, das den Unglauben abschafft. Wenn den Franzosen
das Weintrinken erschwert, ward ihnen desto reichlicher vom Wasser des
wahren Lebens geschenkt. Wenn die Bourgeoisie in dem Gesetze über die
Weinsteuer das alte gehässige französische Steuersystem für unantastbar
erklärt, suchte sie durch das Unterrichtsgesetz den alten Gemütszustand
der Massen zu sichern, der es ertragen ließ. Man ist erstaunte, die
Orleanisten, die liberalen Bourgeoisie, diese alten Apostel des
Voltairianismus und der eklektischen Philosophie, ihren Stammfeinden, den
Jesuiten, die Verwaltung des französischen Geistes anvertrauen zu sehen.
Aber Orleanisten und Legitimisten konnten in Beziehung auf den
Kronprätendenten auseinandergehen, sie begriffen, daß ihre vereinte
Herrschaft die Unterdrückungsmittel zweier Epochen zu vereinigen gebot,
daß die Unterjochungsmittel der Julimonarchie durch die
Unterjochungsmittel der Restauration ergänzt und verstärkt werden mußten.
Die
Bauern, in allen ihren Hoffnungen getäuscht, durch den niedrigen Stand der
Getreidepreise einerseits, durch die wachsende Steuerlast und
Hypothekenschuld andererseits mehr als je erdrückt, begannen sich in den
Departements zu regen. Man antwortete ihnen durch eine Hetzjagd auf die
Schulmeister, die den Geistlichen, durch eine Hetzjagd auf die Maires, die
den Präfekten, und durch ein System der Spionage, dem alle unterworfen
wurden. In Paris und den großen Städten trägt die Reaktion selbst die
Physiognomie ihrer Epoche und fordert mehr heraus, als sie niederschlägt.
Auf dem Lande wird sie platt, gemein, kleinlich, ermüdend, plackend, mit
einem Worte Gendarm. Man begreift, wie drei Jahre vom Regime des
Gendarmen, eingesegnet durch das Regime des Pfaffen, unreife Massen
demoralisieren mußten.
Welche Summe von Leidenschaft und Deklamation die Ordnungspartei von der
Tribüne der Nationalversammlung herab gegen die Minorität aufwenden
mochte, ihre Rede blieb einsilbig wie die des Christen, dessen Worte sein
sollen: Ja, ja, nein, nein! Einsilbig von der Tribüne herab wie in der
Presse. Fast wie ein Rätsel, dessen Lösung im voraus bekannt ist. Handelte
es <153> sich um Petitionsrecht oder um
Weinsteuer, um Preßfreiheit oder um Freihandel, um Klubs oder um
Munizipalverfassung, um Schutz der persönlichen Freiheit oder um Regelung
des Staatshaushaltes, das Losungswort kehrt immer wieder, das Thema bleibt
immer dasselbe, der Urteilsspruch ist immer fertig und lautet
unveränderlich: “Sozialismus!” Für sozialistisch wird selbst
der bürgerliche Liberalismus erklärt, für sozialistisch die bürgerliche
Aufklärung, für sozialistisch die bürgerliche Finanzreform. Es war
sozialistisch, eine Eisenbahn zu bauen, wo schon ein Kanal vorhanden war,
und es war sozialistisch, sich mit dem Stocke zu verteidigen, wenn man mit
dem Degen angegriffen wurde.
Es
war dies nicht bloße Redeform, Mode, Parteitaktik. Die Bourgeoisie hatte
die richtige Einsicht, daß alle Waffen, die sie gegen den Feudalismus
geschmiedet, ihre Spitzen gegen sie selbst kehrten, daß alle
Bildungsmittel, die sie erzeugt, gegen ihre eigne Zivilisation
rebellierten, daß alle Götter, die sie geschaffen, von ihr abgefallen
waren. Sie begriff, daß alle sogenannten bürgerlichen Freiheiten und
Fortschrittsorgane ihre Klassenherrschaft zugleich an der
gesellschaftlichen Grundlage und an der politischen Spitze angriffen und
bedrohten, also “sozialistisch” geworden waren. In dieser Drohung
und in diesem Angriffe fand sie mit Recht das Geheimnis des Sozialismus,
dessen Sinn und Tendenz sie richtiger beurteilt, als der sogenannte
Sozialismus sich selbst zu beurteilen weiß, der daher nicht begreifen
kann, wie die Bourgeoisie sich verstockt gegen ihn verschließt, mag er nun
sentimental über die Leiden der Menschheit winseln oder christlich das
Tausendjährige Reich und die allgemeine Bruderliebe verkünden oder
humanistisch von Geist, Bildung, Freiheit faseln oder doktrinär ein System
der Vermittlung und der Wohlfahrt aller Klassen aushecken. Was sie aber
nicht begriff, war die Konsequenz, daß ihr eignes parlamentarisches
Regime, daß ihre politische Herrschaft überhaupt nun auch als
sozialistisch dem allgemeinen Verdammungsurteil verfallen mußte.
Solange die Herrschaft der Bourgeoisklasse sich nicht vollständig
organisiert, nicht ihren reinen politischen Ausdruck gewonnen hatte,
konnte auch der Gegensatz der andern Klassen nicht rein hervortreten, und
wo er hervortrat, nicht die gefährlicher Wendung nehmen, die jeden Kampf
gegen die Staatsgewalt in einen Kampf gegen das Kapital verwandelt. Wenn
sie in jeder Lebensregung der Gesellschaft die “Ruhe” gefährdet sah, wie
konnte sie an der Spitze der Gesellschaft das Regime der Unruhe,
ihr eignes Regime, das parlamentarische Regime behaupten wollen,
dieses Regime, das nach dem Ausdrucke eines ihrer Redner im Kampfe und
durch den Kampf lebt? Das parlamentarische Regime lebt von der Diskussion,
wie soll es die Diskussion verbieten? Jedes Interesse, jede
gesellschaftliche Einrichtung wird hier in <154>
allgemeine Gedanken verwandelt, als Gedanken verhandelt, wie soll
irgendein Interesse, eine Einrichtung sich über dem Denken behaupten und
als Glaubensartikel imponieren? Der Rednerkampf auf der Tribüne ruft den
Kampf der Preßbengel hervor, der debattierende Klub im Parlament ergänzt
sich notwendig durch debattierende Klubs in den Salons und in den Kneipen,
die Repräsentanten, die beständig an die Volksmeinung appellieren,
berechtigen die Volksmeinung, in Petitionen ihre wirkliche Meinung zu
sagen. Das parlamentarische Regime überläßt alles der Entscheidung der
Majoritäten, wie sollen die großen Majoritäten jenseits des Parlaments
nicht entscheiden wollen? Wenn ihr auf dem Gipfel des Staates die Geige
streicht, was andres erwartet ihr, als daß die drunten tanzen?
Indem also die Bourgeoisie, was sie früher als “liberal” gefeiert,
jetzt als “sozialistisch” verketzert, gesteht sie ein, daß ihr
eignes Interesse gebietet, sie der Gefahr des Selbstregierens zu
überheben, daß, um die Ruhe im Lande herzustellen, vor allem ihr
Bourgeoisparlament zur Ruhe gebracht, um ihre gesellschaftliche Macht
unversehrt zu erhalten, ihre politische Macht gebrochen werden müsse; daß
die Privatbourgeois nur fortfahren können, die andern Klassen zu
exploitieren und sich ungetrübt des Eigentums, der Familie, der Religion
und der Ordnung zu erfreuen, unter der Bedingung, daß ihre Klasse neben
den andern Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt werde;
daß, um ihren Beutel zu retten, die Krone ihr abgeschlagen und das
Schwert, das sie beschützen solle, zugleich als Damoklesschwert über ihr
eignes Haupt gehängt werden müsse.
In
dem Bereiche der allgemeinen bürgerlichen Interessen zeigte sich die
Nationalversammlung so unproduktiv, daß z.B. die Verhandlungen über die
Paris-Avignoner Eisenbahn, die im Winter 1850 begannen, am 2. Dezember
1851 noch nicht zum Schluß reif waren. Wo sie nicht unterdrückte,
reagierte, war sie mit unheilbarer Unfruchtbarkeit geschlagen.
Während Bonapartes Ministerium teils die Initiative zu Gesetzen im Geiste
der Ordnungspartei ergriff, teils ihre Härte in der Ausführung und
Handhabung noch übertrieb, suchte er andererseits durch kindisch alberne
Vorschläge Popularität zu erobern, seinen Gegensatz zur
Nationalversammlung zu konstatieren und auf einen geheimen Hinterhalt
hinzudeuten, der nur durch die Verhältnisse einstweilen verhindert werde,
dem französischen Volke seine verborgenen Schätze zu erschließen. So der
Vorschlag, den Unteroffizieren eine tägliche Zulage von vier Sous zu
dekretieren. So der Vorschlag einer Ehrenleihbank für die Arbeiter. Geld
geschenkt und Geld gepumpt zu erhalten, das war die Perspektive, womit er
die Massen zu ködern hoffte. Schenken und Pumpen, darauf beschränkt sich
die Finanzwissenschaft des Lumpen- <155>
proletariats, des vornehmen und des gemeinen. Darauf beschränkten sich die
Springfedern, die Bonaparte in Bewegung zu setzen wußte. Nie hat ein
Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekuliert.
Die
Nationalversammlung brauste wiederholt auf bei diesen unverkennbaren
Versuchen, auf ihre Kosten Popularität zu erwerben, bei der wachsenden
Gefahr, daß dieser Abenteurer, den die Schulden voranpeitschten und kein
erworbener Ruf zurückhielt, einen verzweifelten Streich wagen werde. Die
Verstimmung zwischen der Ordnungspartei und dem Präsidenten hatte einen
drohenden Charakter angenommen, als ein unerwartetes Ereignis ihn reuig in
ihre Arme zurückwarf. Wir meinen die Nachwahlen vom 10. März 1850.
Diese Wahlen fanden statt, um die Repräsentantenstellen, die nach dem 13.
Juni durch das Gefängnis oder das Exil erledigt waren, wieder zu besetzen.
Paris wählte nur sozial-demokratische Kandidaten. Es vereinte sogar die
meisten Stimmen auf einen Insurgenten des Juni 1848, auf de Flotte. So
rächte sich das mit dem Proletariat alliierte Pariser Kleinbürgertum für
seine Niederlage vom 13. Juni 1849. Es schien im Augenblick der Gefahr nur
vom Kampfplatz verschwunden zu sein, um ihn bei günstiger Gelegenheit mit
massenhafteren Streitkräften und mit einer kühneren Kampfparole wieder zu
betreten. Ein Umstand schien die Gefahr dieses Wahlsieges zu erhöhen. Die
Armee stimmte in Paris für den Juni-Insurgenten gegen La Hitte, einen
Minister Bonapartes, und in den Departements zum großen Teil für die
Montagnards, die auch hier, zwar nicht so entschieden wie in Paris, das
Übergewicht über ihre Gegner behaupteten.
Bonaparte sah sich plötzlich wieder die Revolution gegenüberstehen. Wie am
29. Januar 1849, wie am 13. Juni 1849 verschwand er am 10. März 1850
hinter der Partei der Ordnung. Er beugte sich, er tat kleinmütig Abbitte,
er erbot sich, auf Befehl der parlamentarischen Majorität jedes beliebige
Ministerium zu ernennen, er flehte sogar die orleanistischen und
legitimistischen Parteiführer, die Thiers, die Berryer, die Broglie, die
Molé, kurz die sogenannten Burggrafen, das Staatsruder in eigner Person zu
ergreifen. Die Partei der Ordnung wußte diesen unwiederbringlichen
Augenblick nicht zu benutzen. Statt sich kühn der angebotenen Gewalt zu
bemächtigen, zwang sie Bonaparte nicht einmal, das am 1. November
entlassene Ministerium wieder einzusetzen; sie begnügte sich, ihn durch
die Verzeihung zu demütigen und dem Ministerium d'Hautpoul Herrn
Baroche beizugesellen. Dieser Baroche hatte als öffentlicher Ankläger,
das eine Mal gegen die Revolutionäre vom 15. Mai, das andre Mal gegen die
Demokraten des 13. Juni, vor dem Hochgerichte zu Bourges gewütet, beide
Male wegen Attentat auf die Nationalversammlung. Keiner der Minister
Bonapartes trug später mehr dazu bei, die <156>
Nationalversammlung herabzuwürdigen, und nach dem 2. Dezember 1851 finden
wir ihn wieder als wohlbestallten und teuer bezahlten Vizepräsidenten des
Senats. Er hatte den Revolutionären in die Suppe gespuckt, damit Bonaparte
sie aufesse.
Die
sozial-demokratische Partei ihrerseits schien nur nach Vorwänden zu
haschen, um ihren eignen Sieg wieder in Frage zu stellen und ihm die
Pointe abzubrechen. Vidal, einer der neugewählten Pariser Repräsentanten,
war gleichzeitig in Straßburg gewählt worden. Man bewog ihn, die Wahl für
Paris abzulehnen und die für Straßburg anzunehmen. Statt also ihrem Siege
auf dem Wahlplatz einen definitiven Charakter zu geben und dadurch die
Ordnungspartei zu zwingen, ihn sofort im Parlamente streitig zu machen,
statt so den Gegner im Augenblick des Volksenthusiasmus und der günstigen
Stimmung der Armee zum Kampfe zu treiben, ermüdete die demokratische
Partei Paris während der Monate März und April mit einer neuen
Wahlagitation, ließ die aufgeregten Volksleidenschaften in diesem
abermaligen provisorischen Stimmenspiel sich aufreiben, die revolutionäre
Tatkraft in konstitutionellen Erfolgen sich sättigen, in kleinen Intrigen,
hohlen Deklamationen und Scheinbewegungen verpuffen, die Bourgeoisie sich
sammeln und ihre Vorkehrungen treffen, endlich die Bedeutung der
Märzwahlen in der nachträglichen Aprilwahl, mit der Wahl Eugène Sues,
einen sentimental abschwächenden Kommentar finden. Mit einem Worte, sie
schickte den 10. März in den April.
Die
parlamentarische Majorität begriff die Schwäche ihres Gegners. Ihre
siebzehn Burggrafen, denn Bonaparte hatte ihr die Leitung und die
Verantwortlichkeit des Angriffs überlassen, arbeiteten ein neues
Wahlgesetz aus, dessen Vorlage dem Herrn Faucher, der sich diese Ehre
ausbat, anvertraut wurde. Am 8. Mai brachte er das Gesetz ein, wodurch das
allgemeine Wahlrecht abgeschafft, ein dreijähriges Domizil an dem Orte der
Wahl den Wählern als Bedingung auferlegt, endlich der Nachweis dieses
Domizils für die Arbeiter von dem Zeugnisse ihrer Arbeitgeber abhängig
gemacht wurde.
Wie
revolutionär die Demokraten während des konstitutionellen Wahlkampfes
aufgeregt und getobt hatten, so konstitutionell predigten sie jetzt, wo es
galt, mit den Waffen in der Hand den Ernst jener Wahlsiege zu beweisen,
Ordnung, majestätische Ruhe (calme majestueux), gesetzliche Haltung, d.h.
blinde Unterwerfung unter den Willen der Konterrevolution, der sich als
Gesetz breitmachte. Während der Debatte beschämte der Berg die Partei der
Ordnung, indem er gegen ihre revolutionäre Leidenschaftlichkeit die
leidenschaftslose Haltung des Biedermanns geltend machte, der den
Rechtsboden behauptet, und indem er sie mit dem furchtbaren Vorwurfe zu
Boden schlug, <157> daß sie revolutionär
verfahre. Selbst die neugewählten Deputierten bemühten sich durch
anständiges und besonnenes Auftreten zu beweisen, welche Verkennung es
war, sie als Anarchisten zu verschreien und ihre Wahl als einen Sieg der
Revolution auszulegen. Am 31. Mai ging das neue Wahlgesetz durch. Die
Montagne begnügte sich damit, dem Präsidenten einen Protest in die Tasche
zu schmuggeln. Dem Wahlgesetz folgte ein neues Preßgesetz, wodurch die
revolutionäre Zeitungspresse vollständig beseitigt wurde. Sie hatte ihr
Schicksal verdient. “National” und “La Presse”, zwei bürgerliche Organe,
blieben nach dieser Sündflut als äußerste Vorposten der Revolution zurück.
Wir
haben gesehen, wie die demokratischen Führer während März und April alles
getan hatten, um das Volk von Paris in einen Scheinkampf zu verwickeln,
wie sie nach dem 8. Mai alles taten, um es vom wirklichen Kampf
abzuhalten. Wir dürfen zudem nicht vergessen, daß das Jahr 1850 eines der
glänzendsten Jahre industrieller und kommerzieller Prosperität, also das
Pariser Proletariat vollständig beschäftigt war. Allein das Wahlgesetz vom
31. Mai 1850 schloß es von aller Teilnahme an der politischen Gewalt aus.
Es schnitt ihm das Kampfterrain selbst ab. Es warf die Arbeiter in die
Pariastellung zurück, die sie vor der Februarrevolution eingenommen
hatten. Indem sie einem solchen Ereignis gegenüber sich von den Demokraten
lenken lassen und das revolutionäre Interesse ihrer Klasse über einem
augenblicklichen Wohlbehagen vergessen konnten, verzichteten sie auf die
Ehre, eine erobernde Macht zu sein, unterwarfen sich ihrem Schicksale,
bewiesen, daß die Niederlage vom Juni 1848 sie für Jahre kampfunfähig
gemacht und daß der geschichtliche Prozeß zunächst wieder über
ihren Köpfen vor sich gehen müsse. Was die kleinbürgerlichen Demokratie
betrifft, die am 13. Juni geschrien hatte: “aber wenn erst das allgemeine
Wahlrecht angetastet wird, aber dann!” - so tröstete sie sich jetzt damit,
daß der konterrevolutionäre Schlag, der sie getroffen, kein Schlag und das
Gesetz vom 31. Mai kein Gesetz sei. Am zweiten [Sonntag des Monats] Mai
1852 erscheint jeder Franzose auf dem Wahlplatze, in der einen Hand den
Stimmzettel, in der anderen das Schwert. Mit dieser Prophezeiung tat sie
sich selbst Genüge. Die Armee endlich wurde wie für die Wahlen vom 29. Mai
1849, so für die vom März und April 1850 von ihren Vorgesetzten
gezüchtigt. Diesmal sagte sie sich aber entschieden: “Die Revolution
prellt uns nicht zum dritten Mal.”
Das
Gesetz vom 31. Mai 1850 war der coup d'état der Bourgeoisie. Alle ihre
bisherigen Eroberungen über die Revolution hatten nur einen provisorischen
Charakter. Sie waren in Frage gestellt, sobald die jetzige
Nationalversammlung von der Bühne abtrat. Sie hingen von dem Zufall einer
neuen <158> allgemeinen Wahl ab, und die
Geschichte der Wahlen seit 1848 bewies unwiderleglich, daß in demselben
Maße, wie die faktische Herrschaft der Bourgeoisie sich entwickelte, ihre
moralische Herrschaft über die Volksmassen verlorenging. Das allgemeine
Wahlrecht erklärte sich am 10. März direkt gegen die Herrschaft der
Bourgeoisie, die Bourgeoisie antwortete mit der Ächtung des allgemeinen
Wahlrechts. Das Gesetz vom 31. Mai war also eine der Notwendigkeiten des
Klassenkampfes. Andererseits erheischte die Konstitution, damit die Wahl
des Präsidenten der Republik gültig sei, ein Minimum von zwei Millionen
Stimmen. Erhielt keiner der Präsidentschaftskandidaten dies Minimum, so
sollte die Nationalversammlung unter den drei Kandidaten, denen die
meisten Stimmen zufallen würden, den Präsidenten wählen. Zur Zeit, wo die
Konstituante dies Gesetz machte, waren zehn Millionen Wähler auf den
Stimmlisten eingeschrieben. In ihrem Sinne reichte also ein Fünftel der
Wahlberechtigten hin, um die Präsidentschaftswahl gültig zu machen. Das
Gesetz vom 31. Mai strich wenigstens drei Millionen Stimmen von den
Wahllisten, reduzierte so die Zahl der Wahlberechtigten auf sieben
Millionen und behielt nichtsdestoweniger das gesetzliche Minimum von zwei
Millionen für die Präsidentschaftswahl bei. Es erhöhte also das
gesetzliche Minimum von einem Fünftel auf beinah ein Drittel der
wahlfähigen Stimmen, d.h., es tat alles, um die Präsidentenwahl aus den
Händen des Volkes in die Hände der Nationalversammlung
hinüberzuschmuggeln. So schien die Partei der Ordnung durch das Wahlgesetz
vom 31. Mai ihre Herrschaft doppelt befestigt zu haben, indem sie die Wahl
der Nationalversammlung und die des Präsidenten der Republik dem
stationären Teil der Gesellschaft anheimgab.
V
<159> Der Kampf brach sofort wieder aus
zwischen der Nationalversammlung und Bonaparte, sobald die revolutionäre
Krise überdauert und das allgemeine Wahlrecht abgeschafft war.
Die
Konstitution hatte das Gehalt Bonapartes auf 600.000 Francs festgesetzt.
Kaum ein halbes Jahr nach seiner Installierung gelang es ihm, diese Summe
auf das Doppelte zu erhöhn. Odilon Barrot ertrotzte nämlich von der
konstituierenden Nationalversammlung einen jährlichen Zuschuß von 600.000
Francs für sogenannte Repräsentationsgelder. Nach dem 13. Juni hatte
Bonaparte ähnliche Anliegen verlauten lassen, ohne diesmal bei Barrot
Gehör zu finden. Jetzt nach dem 31. Mai benutzte er sofort den günstigen
Augenblick und ließ seine Minister eine Zivilliste von drei Millionen in
der Nationalversammlung beantragen. Ein langes abenteuerndes
Vagabundenleben hatte ihn mit den entwickelsten Fühlhörnern begabt, um die
schwachen Momente herauszutasten, wo er seinen Bourgeois Geld abpressen
durfte. Er trieb förmliche chantage <Erpressung>. Die Nationalversammlung
hatte die Volkssouveränität mit seiner Mithülfe und seinem Mitwissen
geschändet. Er drohte ihr Verbrechen dem Volksgericht zu denunzieren,
falls sie nicht den Beutel ziehe und sein Stillschweigen mit drei
Millionen jährlich erkaufe. Sie hatte drei Millionen Franzosen ihres
Stimmrechts beraubt. Er verlangte für jeden außer Kurs gesetzten Franzosen
einen Kurs habenden Franken, genau drei Millionen Francs. Er, der Erwählte
von sechs Millionen, forderte Schadenersatz für die Stimmen, um die man
ihn nachträglich geprellt habe. Die Kommission der Nationalversammlung
wies den Zudringlichen ab. Die bonapartistische Presse drohte. Konnte die
Nationalversammlung mit dem Präsidenten der Republik brechen in dem
Augenblicke, wo sie prinzipiell und definitiv mit der Masse der Nation
gebrochen hatte? Sie verwarf zwar die jährliche Zivilliste, aber sie
<160> bewilligte einen einmaligen Zuschuß von
2.160.000 Franc. Sie machte sich so der doppelten Schwäche schuldig, daß
Geld zu bewilligen und zugleich durch ihren Ärger zu zeigen, daß sie es
nur widerwillig bewillige. Wir werden später sehen, wozu Bonaparte das
Geld brauchte. Nach diesem ärgerlichen Nachspiel, das der Abschaffung des
allgemeinen Stimmrechts auf dem Fuße folgte und worin Bonaparte seine
demütige Haltung während der Krise des März und April mit herausfordernder
Unverschämtheit gegen das usurpatorische Parlament vertauschte, vertagte
sich die Nationalversammlung für drei Monate vom 11. August bis 11.
November. Sie ließ an ihrer Stelle eine Permanenzkommission von 28
Mitgliedern zurück, die keinen Bonapartisten enthielt, wohl aber einige
gemäßigte Republikaner. Die Permanenzkommission vom Jahre 1849 hatte nur
Männer der Ordnung und Bonapartisten gezählt. Aber damals erklärte sich
die Partei der Ordnung in Permanenz gegen die Revolution. Diesmal erklärte
sich die parlamentarische Republik in Permanenz gegen den Präsidenten.
Nach dem Gesetze vom 31. Mai stand der Partei der Ordnung nur noch dieser
Rival gegenüber.
Als
die Nationalversammlung im November 1850 wieder zusammentrat, schien statt
ihrer bisherigen kleinlichen Plänkeleien mit dem Präsidenten ein großer
rücksichtsloser Kampf, ein Kampf der beiden Gewalten auf Leben und Tod
unvermeidlich geworden zu sein.
Wie
im Jahre 1849 war die Partei der Ordnung während der diesjährigen
Parlamentsferien in ihre einzelnen Fraktionen auseinandergegangen, jede
beschäftigt mit ihren eignen Restaurationsintrigen, die durch den Tod
Louis-Philippes neue Nahrung erhalten hatten. Der Legitimistenkönig
Heinrich V. hatte sogar ein förmliches Ministerium ernannt, das zu Paris
residierte und worin Mitglieder der Permanenzkommission saßen. Bonaparte
war also berechtigt, seinerseits Rundreisen durch die französischen
Departements zu machen und je nach der Stimmung der Stadt, die er mit
seiner Gegenwart beglückte, bald versteckter, bald offener seine eignen
Restaurationspläne auszuplaudern und Stimmen für sich zu werben. Auf
diesen Zügen, die der große offizielle “Moniteur” und die kleinen
Privatmoniteure Bonapartes natürlich als Triumphzüge feiern mußten, war er
fortwährend begleitet von Affiliierten der Gesellschaft des 10.
Dezember. Diese Gesellschaft datiert vom Jahre 1849. Unter dem
Vorwande, eine Wohltätigkeitsgesellschaft zu stiften, war das Pariser
Lumpenproletariat in geheime Sektionen organisiert worden, jede Sektion
von einem bonapartistischen Agenten geleitet, an der Spitze ein
bonapartistischer General. Neben zerrütteten Roués <Wüstlingen> mit
zweideutigen <161> Subsistenzmitteln und von
zweideutiger Herkunft, neben verkommenen und abenteuernden Ablegern der
Bourgeoisie Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene
Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler,
Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus <Zuhälter>,
Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler,
Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte,
aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème
nennen; mit diesem ihm verwandten Elemente bildete Bonaparte den Stock der
Gesellschaft vom 10. Dezember. “Wohltätigkeitsgesellschaft” - insofern
alle Mitglieder gleich Bonaparte das Bedürfnis fühlten, sich auf Kosten
der arbeitenden Nation wohlzutun. Dieser Bonaparte, der sich als Chef
des Lumpenproletariats konstituiert, der hier allein in massenhafter
Form die Interessen wiederfindet, die er persönlich verfolgt, der in
diesem Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen die einzige Klasse erkennt,
auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirkliche Bonaparte,
der Bonaparte sans phrase <ohne Beschönigung>. Alter durchtriebener Roué,
faßt er das geschichtliche Leben der Völker und die Haupt- und
Staatsaktionen derselben als Komödie im ordinärsten Sinne auf, als eine
Maskerade, wo die großen Kostüme, Worte und Posituren nur der
kleinlichsten Lumperei zur Maske dienen. So bei seinem Zug nach Straßburg,
wo ein geschulter Schweizer Geier den napoleonischen Adler vorstellt. Für
seinen Einfall in Boulogne steckte er einige Londoner Lakaien in
französische Uniform. Sie stellen die Armee vor. In seiner Gesellschaft
vom 10. Dezember sammelte er 10.000 Lumpenkerls, die das Volk vorstellen
müssen, wie Klaus Zettel den Löwen. In einem Augenblick, wo die
Bourgeoisie selbst die vollständigste Komödie spielte, aber in der
ernsthaftesten Weise von der Welt, ohne irgendeine der pedantischen
Bedingungen der französischen dramatischen Etikette zu verletzen, und
selbst halb geprellt, halb überzeugt von der Feierlichkeit ihrer eignen
Haupt- und Staatsaktion, mußte der Abenteurer siegen, der die Komödie
platt als Komödie nahm. Erst wenn er seinen feierlichen Gegner beseitigt
hat, wenn er nun selbst seine kaiserliche Rolle im Ernste nimmt und mit
der napoleonischen Maske den wirklichen Napoleon vorzustellen meint, wird
er das Opfer seiner eignen Weltanschauung, der ernsthafte Hanswurst, der
nicht mehr die Weltgeschichte als eine Komödie, sondern seine Komödie als
Weltgeschichte nimmt. Was für die sozialistischen Arbeiter die
Nationalateliers, was für die Bourgeois-Republikaner die Gardes mobiles,
das war für Bonaparte die Gesellschaft vom 10. Dezember, die ihm
eigentümliche Parteistreitmacht. Auf seinen Reisen mußten die auf der
Eisenbahn verpackten <162> Abteilungen derselben
ihm ein Publikum improvisieren, den öffentlichen Enthusiasmus aufführen,
vive l'Empereur <es lebe der Kaiser> heulen, die Republikaner insultieren
und durchprügeln, natürlich unter dem Schutze der Polizei. Auf seinen
Rückfahrten nach Paris mußten sie die Avantgarde bilden,
Gegendemonstrationen zuvorkommen oder sie auseinanderjagen. Die
Gesellschaft vom 10. Dezember gehörte ihm, sie war sein Werk, sein
eigenster Gedanke. Was er sich sonst aneignet, gibt ihm die Macht der
Verhältnisse anheim, was er sonst tut, tun die Verhältnisse für ihn oder
begnügt er sich, von den Taten andrer zu kopieren; aber er, mit den
offiziellen Redensarten der Ordnung, der Religion, der Familie, des
Eigentums öffentlich vor den Bürgern, hinter ihm die geheime Gesellschaft
der Schufterles und der Spiegelbergs, die Gesellschaft der Unordnung, der
Prostitution und des Diebstahls, das ist Bonaparte selbst als
Originalautor, und die Geschichte der Gesellschaft des 10. Dezember ist
seine eigne Geschichte. Es hatte sich nun ausnahmsweise ereignet, daß der
Ordnungspartei angehörige Volksrepräsentanten unter die Stöcke der
Dezembristen gerieten. Noch mehr. Der der Nationalversammlung zugewiesene,
mit der Bewachung der Sicherheit beauftragte Polizeikommissär Yon zeigte
auf die Aussage eines gewissen Allais hin der Permanenzkommission an, eine
Sektion der Dezembristen habe die Ermordung des Generals Changarnier und
Dupins, des Präsidenten der Nationalversammlung, beschlossen und zu deren
Vollstreckung schon die Individuen bestimmt. Man begreift den Schreck des
Herrn Dupin. Eine parlamentarische Enquête über die Gesellschaft vom 10.
Dezember, d.h. die Profanierung der Bonaparteschen Geheimwelt, schien
unvermeidlich. Gerade vor dem Zusammentritt der Nationalversammlung löste
Bonaparte vorsorglich seine Gesellschaft auf, natürlich nur auf dem
Papiere, denn noch Ende 1851 suchte der Polizeipräfekt Carlier in einem
ausführlichen Memoire ihn vergeblich zur wirklichen Auseinanderjagung der
Dezembristen zu bewegen.
Die
Gesellschaft vom 10. Dezember sollte so lange die Privatarmee Bonapartes
bleiben, bis es ihm gelang, die öffentliche Armee in eine Gesellschaft vom
10. Dezember zu verwandeln. Bonaparte machte hierzu den ersten Versuch
kurz nach der Vertagung der Nationalversammlung, und zwar mit dem eben ihr
abgetrotzten Gelde. Als Fatalist lebte er der Überzeugung, daß es gewisse
höhere Mächte gibt, denen der Mensch und insbesondere der Soldat nicht
widerstehen kann. Unter diese Mächte zählt er in erster Linie Zigarre und
Champagner, kaltes Geflügel und Knoblauchswurst. Er traktierte daher in
den Gemächern des Elysée zunächst Offiziere und Unteroffiziere mit Zigarre
und <163> Champagner, mit kaltem Geflügel und Knoblauchswurst. Am
3. Oktober wiederholt er dies Manöver mit den Truppenmassen bei der Revue
von St. Maur und am 10. Oktober dasselbe Manöver auf noch größerer
Stufenleiter bei der Armeeschau von Satory. Der Onkel erinnerte sich der
Feldzüge Alexanders in Asien, der Neffe der Eroberungszüge Bacchus in
demselben Lande. Alexander war allerdings ein Halbgott, aber Bacchus war
ein Gott, und dazu der Schutzgott der Gesellschaft vom 10. Dezember.
Nach
der Revue vom 3. Oktober lud die Permanenzkommission den Kriegsminister
d'Hautpoul vor sich. Er versprach, jene Disziplinarwidrigkeiten sollten
sich nicht wiederholen. Man weiß, wie Bonaparte am 10. Oktober d'Hautpouls
Wort hielt. In beiden Revuen hatte Changarnier kommandiert als
Oberbefehlshaber der Armee von Paris. Er, zugleich Mitglied der
Permanenzkommission, Chef der Nationalgarde, “Retter” vom 19. Januar und
13. Juni, “Bollwerk der Gesellschaft”, Kandidat der Ordnungspartei für die
Präsidentenwürde, der geahnte Monk zweier Monarchien, hatte bisher nie
seine Unterordnung unter den Kriegsminister anerkannt, die
republikanischen Institution stets offen verhöhnt, Bonaparte mit einer
zweideutig vornehmen Protektion verfolgt. Jetzt eiferte er für die
Disziplin gegen den Kriegsminister und für die Konstitution gegen
Bonaparte. Während am 10. Oktober ein Teil der Kavallerie den Ruf: “Vive
Napoléon! Vivent les saucissons!” <“Es lebe Napoleon! Es leben die
Würste!”> ertönen ließ, veranstaltete Changarnier, daß wenigstens die
unter dem Kommando seines Freundes Neumayer vorbeidefilierende Infanterie
ein eisiges Stillschweigen beobachtete. Zur Strafe entsetzte der
Kriegsminister auf Bonapartes Antrieb den General Neumayer seines Postens
in Paris, unter dem Vorwand, ihn als Obergeneral der 14. und 15.
Militärdivision zu bestallen. Neumayer schlug diesen Stellenwechsel aus
und mußte so seine Entlassung nehmen. Changarnier seinerseits
veröffentlichte am 2. November einen Tagesbefehl, worin er den Truppen
verbot, politische Ausrufungen und Demonstrationen irgendeiner Art sich
unter den Waffen zu erlauben. Die elyseeischen Blätter griffen Changarnier
an, die Blätter der Ordnungspartei Bonaparte, die Permanenzkommission
wiederholte geheime Sitzungen, worin wiederholt beantragt wurde, das
Vaterland in Gefahr zu erklären, die Armee schien in zwei feindliche Lager
geteilt mit zwei feindlichen Generalstäben, der eine im Elysée, wo
Bonaparte, der andere in den Tuilerien, wo Changarnier hauste. Es schien
nur des Zusammentritts der Nationalversammlung zu bedürfen, damit das
Signal zum Kampfe erschalle. Das französische Publikum beurteilte diese
Reibungen zwischen Bonaparte und Changarnier wie jener englische
Journalist, der sie mit folgenden Worten charakterisiert hat:
<164> “Die politischen Hausmägde Frankreichs
kehren die glühende Lava der Revolution mit alten Besen weg und keifen
sich aus, während sie ihre Arbeit verrichten.”
Unterdes beeilte sich Bonaparte, den Kriegsminister d'Hautpoul zu
entsetzen, ihn Hals über Kopf nach Algier zu spedieren und an seine Stelle
General Schramm zum Kriegsminister zu ernennen. Am 12. November sandte er
der Nationalversammlung eine Botschaft von amerikanischer Weitläufigkeit,
überladen mit Details, ordungsduftend, versöhnungslüstern,
konstitutionell-resigniert, von allem und jedem handelnd, nur nicht von
den questions brûlantes <brennenden Fragen> des Augenblicks. Wie im
Vorbeigehen ließ er die Worte fallen, daß den ausdrücklichen Bestimmungen
der Konstitution gemäß der Präsident allein über die Armee verfüge. Die
Botschaft schloß mit folgenden hochtbeteuernden Worten:
“Frankreich
verlangt jetzt vor allem anderen Ruhe ... Allein durch einen Eid gebunden,
werde ich mich innerhalb der engen Grenzen halten, die er mir gezogen hat
... Was mich betrifft, vom Volke erwählt und ihm allein meine Macht
schuldend, ich werde mich stets seinem gesetzlich ausgedrückten Willen
fügen. Beschließt Ihr in dieser Sitzung die Revision der Konstitution, so
wird eine konstituierende Versammlung die Stellung der Exekutivgewalt
regeln. Wo nicht, so wird das Volk 1852 feierlich seinen Entschluß
verkünden. Was aber immer die Lösungen der Zukunft sein mögen, laßt uns zu
einem Verständnis kommen, damit niemals Leidenschaft, Überraschung oder
Gewalt über das Schicksal einer großen Nation entscheiden ... Was vor
allem meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, ist nicht, zu wissen, wer
1852 über Frankreich regieren wird, sondern die Zeit, die zu meiner
Verfügung steht, so zu verwenden, daß die Zwischenperiode ohne Agitation
und Störung vorübergehe. Ich habe mit Aufrichtigkeit mein Herz vor Euch
geöffnet, Ihr werdet meiner Offenheit mit Eurem Vertrauen antworten,
meinem guten Streben durch Eure Mitwirkung, und Gott wird das übrige tun.”
Diese honette, heuchlerisch gemäßigte, tugendhaft gemeinplätzliche Sprache
der Bourgeoisie offenbart ihren tiefsten Sinn im Munde des
Selbstherrschers der Gesellschaft vom 10. Dezember und des Picknickhelden
von St. Maur und Satory
Die
Burggrafen der Ordnungspartei täuschten sich keinen Augenblick über das
Vertrauen, das diese Herzenseröffnung verdiene. Über Eide waren sie längst
blasiert, sie zählten Veteranen, Virtuosen des politischen Meineids in
ihrer Mitte, sie hatten die Stelle über die Armee nicht überhört. Sie
bemerkten mit Unwillen, daß die Botschaft in der weitschweifigen
Aufzählung der jüngst erlassenen Gesetze das wichtigste Gesetz, das
Wahlgesetz, mit affek- <165> tiertem
Stilschweigen überging und vielmehr im Falle der Nichtrevision der
Verfassung die Wahl des Präsidenten für 1852 dem Volk anheimstellte. Das
Wahlgesetz war die Bleikugel an den Füßen der Ordnungspartei, die sie am
Gehen behinderte und nun gar am Stürmen! Zudem hatte Bonaparte durch die
amtliche Auflösung der Gesellschaft vom 10. Dezember und die Entlassung
des Kriegsministers d'Hautpoul die Sündenböcke mit eigener Hand auf dem
Altar des Vaterlandes geopfert. Er hatte der erwarteten Kollision die
Spitze abgebrochen. Endlich suchte die Ordnungspartei selbst ängstlich
jeden entscheidenden Konflikt mit der Exekutivgewalt zu umgehen,
abzuschwächen, zu vertuschen. Aus Furcht, die Eroberungen über die
Revolution zu verlieren, ließ sie ihren Rivalen die Früchte derselben
gewinnen. “Frankreich verlangt vor allem andern Ruhe.” So rief die
Ordnungspartei der Revolution seit Februar zu, so rief Bonapartes
Botschaft der Ordnungspartei zu. “Frankreich verlangt vor allem Ruhe.”
Bonaparte beging Handlungen, die auf Usurpation hinzielten, aber die
Ordnungspartei beging die “Unruhe”, wenn sie Lärm über diese Handlungen
schlug und sie hypochondrisch auslegte. Die Würste von Satory waren
mausestill, wenn niemand von ihnen sprach. “Frankreich verlangt vor allem
Ruhe.” Also verlangte Bonaparte, daß man ihn ruhig gewähren lasse, und die
parlamentarische Partei war von doppelter Furcht gelähmt, von der Furcht,
die revolutionäre Unruhe wieder heraufzubeschwören, von der Furcht, selbst
als der Unruhestifter in den Augen ihrer eigenen Klasse, in den Augen der
Bourgeoisie zu erscheinen. Da Frankreich also vor allem andern Ruhe
verlangte, wagte die Ordnungspartei nicht, nachdem Bonaparte in seiner
Botschaft “Frieden” gesprochen hatte, “Krieg” zu antworten. Das Publikum,
das sich mit großen Skandalszenen bei Eröffnung der Nationalversammlung
geschmeichelt hatte, wurde in seinen Erwartungen geprellt. Die
Oppositionsdeputierten, welche Vorlage der Protokolle der
Permanenzkommission über die Oktoberereignisse verlangten, wurden von der
Majorität überstimmt. Man floh prinzipiell alle Debatte, die aufregen
konnte. Die Arbeiten der Nationalversammlung während November und Oktober
1850 waren ohne Interesse.
Endlich gegen Ende Dezember begann der Guerillakrieg um einzelne
Prärogativen des Parlaments. In kleinlichen Schikanen um die Prärogative
der beiden Gewalten versumpfte die Bewegung, seitdem die Bourgeoisie mit
der Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts den Klassenkampf zunächst
abgemacht hatte.
Gegen Mauguin, einen der Volksrepräsentanten, war schuldenhalber ein
gerichtliches Urteil erwirkt worden. Auf Anfrage des Gerichtspräsidenten
erklärte der Justizminister Rouher, es sei ohne weitere Umstände ein
Verhafts- <166> befehl gegen den Schuldner
auszufertigen. Mauguin wurde also in den Schuldturm geworfen. Die
Nationalversammlung brauste auf, als sie das Attentat erfuhr. Sie
verordnete nicht nur seine sofortige Freilassung, sondern ließ ihn auch
noch denselben Abend von ihrem greffier <vom Generalsekretär des
Staatsrats> gewaltsam aus Clichy herausholen. Um jedoch ihren Glauben an
die Heiligkeit des Privateigentums zu bewahren, und mit dem
Hintergedanken, im Notfall ein Asyl für lästig gewordene Montagnards zu
eröffnen, erklärte sie die Schuldhaft von Volksrepräsentanten nach
vorheriger Einholung ihrer Erlaubnis für zulässig. Sie vergaß zu
dekretieren, daß auch der Präsident schuldenhalber eingesperrt werden
könne. Sie vernichtete den letzten Schein der Unverletzlichkeit, der die
Glieder ihres eigenen Körpers umgab.
Man
erinnert sich, daß der Polizeikommissionärs Yon eine Sektion der
Dezembristen auf Aussage eines gewissen Allais hin wegen Mordplans auf
Dupin und Changarnier denunziert hatte. Gleich in der ersten Sitzung
machten die Quästoren mit Bezug hierauf den Vorschlag, eine eigne
parlamentarische Polizei zu bilden, besoldet aus dem Privatbudget der
Nationalversammlung und durchaus unabhängig von dem Polizeipräfekten. Der
Minister des Innern, Baroche, hatte gegen diesen Eingriff in sein Ressort
protestiert. Man schloß darauf einen elenden Kompromiß, wonach der
Polizeikommissionär der Versammlung zwar aus ihrem Privatbudget besoldet
und von ihren Quästoren ein- und abgesetzt werden solle, aber nach
vorheriger Verständigung mit dem Minister des Innern. Unterdessen war
Allais gerichtlich von der Regierung verfolgt worden, und hier war es
leicht, seine Aussage als eine Mystifikation darzustellen und durch den
Mund des öffentlichen Anklägers einen lächerlichen Schein auf Dupin,
Changarnier, Yon und die ganze Nationalversammlung zu werfen. Jetzt, am
29. Dezember, schreibt der Minister Baroche einen Brief an Dupin, worin er
die Entlassung Yons verlangt. Das Büro der Nationalversammlung beschließt,
Yon in seiner Stelle zu erhalten, aber die Nationalversammlung, über ihre
Gewaltsamkeit in Mauguins Angelegenheit erschreckt und gewohnt, wenn sie
einen Schlag gegen die Exekutivgewalt gewagt hat, zwei Schläge von ihr im
Austausch zurückzuerhalten, sanktioniert diesen Beschluß nicht. Sie
entläßt Yon zur Belohnung seines Diensteifers und beraubt sich einer
parlamentarischen Prärogative, unerläßlich gegen einen Menschen, der nicht
in der Nacht beschließt, um bei Tage auszuführen, sondern bei Tage
beschließt und in der Nacht ausführt.
Wir
haben gesehn, wie die Nationalversammlung während der Monate November und
Dezember bei großen schlagenden Veranlassungen den <167>
Kampf mit der Exekutivgewalt umging, niederschlug. Jetzt sehen wir sie
gezwungen, ihn bei den kleinlichsten Anlässen aufzunehmen. In der
Angelegenheit Mauguins bestätigte sie dem Prinzip nach die Schuldhaft der
Volksrepräsentanten, behält sich aber vor, es nur auf ihr mißliebige
Repräsentanten anwenden zu lassen, und um dieses infame Privilegium hadert
sie mit dem Justizminister. Statt den angeblichen Mordplan zu benutzen, um
eine Enquête über die Gesellschaft vom 10. Dezember zu verhängen und
Bonaparte in seiner wahren Gestalt als das Haupt des Pariser
Lumpenproletariats vor Frankreich und Europa rettungslos bloßzustellen,
läßt sie die Kollision auf einen Punkt herabsinken, wo es sich zwischen
ihr und dem Minister des Innern nur noch darum handelt, zu wessen
Kompetenz die Ein- und Absetzung eines Polizeikommissionärs gehört. So
sehn wir die Partei der Ordnung während dieser ganzen Periode durch ihre
zweideutige Stellung gezwungen, ihren Kampf mit der Exekutivgewalt in
kleinliche Kompetenzzwiste, Schikanen, Rabulistereien, Grenzstreitigkeiten
zu verpuffen, zu verbröckeln und die abgeschmacktesten Formfragen zum
Inhalt ihrer Tätigkeit zu machen. Sie wagt die Kollision nicht aufzunehmen
in dem Augenblicke, wo sie eine prinzipielle Bedeutung hat, wo die
Exekutivgewalt sich wirklich bloßgestellt hat und die Sache der
Nationalversammlung die nationale Sache wäre. Sie würde dadurch der Nation
eine Marsch-Ordre ausstellen, und sie fürchtete nichts mehr, als daß sich
die Nation bewege. Bei solchen Gelegenheiten weist sie daher die Anträge
der Montagne zurück und geht zur Tagesordnung über. Nachdem die
Streitfrage so in ihren großen Dimensionen aufgegeben ist, wartet die
Exekutivgewalt ruhig den Zeitpunkt ab, wo sie dieselbe bei kleinlich
unbedeutenden Anlässen wiederaufnehmen kann, wo sie sozusagen nur noch ein
parlamentarisches Lokalinteresse bietet. Dann bricht die verhaltne Wut der
Ordnungspartei aus, dann reißt sie den Vorhang von den Kulissen, dann
denunziert sie den Präsidenten, dann erklärt sie die Republik in Gefahr,
aber dann erscheint auch ihr Pathos abgeschmackt und der Anlaß des Kampfes
als heuchlerischer Vorwand oder überhaupt des Kampfes nicht wert. Der
parlamentarische Sturm wird zu einem Sturme in einem Glase Wasser, der
Kampf zur Intrige, die Kollision zum Skandal. Während die Schadenfreude
der revolutionären Klassen sich an der Demütigung der Nationalversammlung
weidet, denn sie schwärmen ebensosehr für die parlamentarischen
Prärogativen derselben wie jene Versammlung für die öffentliche
Freiheiten, begreift die Bourgeoisie außerhalb des Parlaments nicht, wie
die Bourgeoisie innerhalb des Parlaments ihre Zeit mit so kleinlichen
Zänkereien vergeuden und die Ruhe durch so elende Rivalitäten mit dem
Präsidenten bloßstellen kann. Sie ist verwirrt über eine Strategie, die in
dem Augenblicke Frieden <168> schließt, wo alle
Welt Schlachten erwartet, und in dem Augenblicke angreift, wo alle Welt
den Frieden geschlossen glaubt.
Am
20. Dezember interpellierte Pascal Duprat den Minister des Innern über die
Goldbarrenlotterie. Diese Lotterie war eine “Tochter aus Elysium”,
Bonaparte hatte sie mit seinen Getreuen auf die Welt gesetzt und der
Polizeipräfekt Carlier hatte sie unter seine offizielle Protektion
gestellt, obgleich das französische Gesetz alle Lotterien mit Ausnahme der
Verlosung zu wohltätigen Zwecken untersagt. Sieben Millionen Lose, Stück
für Stück ein Frank, der Gewinn angeblich bestimmt zur Verschiffung von
Pariser Vagabunden nach Kalifornien. Einerseits sollten goldene Träume die
sozialistischen Träume des Pariser Proletariats verdrängen, die
verführerische Aussicht auf das große Los das doktrinäre Recht auf Arbeit.
Die Pariser Arbeiter erkannten natürlich in dem Glanze der kalifornischen
Goldbarren die unscheinbaren Franken nicht wieder, die man ihnen aus der
Tasche lockte. In der Hauptsache aber handelte es sich um eine direkte
Prellerei. Die Vagabunden, die kalifornische Goldminen eröffnen wollten,
ohne sich aus Paris wegzubemühn, waren Bonaparte selbst und seine
schuldenzerrüttete Tafelrunde. Die von der Nationalversammlung bewilligten
drei Millionen waren verjubelt, die Kasse mußte auf die eine oder die
andere Weise wieder gefüllt werden. Vergebens hatte Bonaparte zur
Errichtung von sogenannten cités ouvrièrs <Arbeitersiedlungen> eine
Nationalsubskription eröffnet, an deren Spitze er selbst mit einer
bedeutenden Summe figurierte. Die hartherzige Bourgeois warteten
mißtrauisch die Einzahlung seiner Aktie ab, und da diese natürlich nicht
erfolgte, fiel die Spekulation auf die sozialistischen Luftschlösser platt
zu Boden. Die Goldbarren zogen besser. Bonaparte und Genossen begnügten
sich nicht damit, den Überschuß der sieben Millionen Lose über die
auszuspielenden Barren teilweise in die Tasche zu stecken, sie
fabrizierten falsche Lose, sie gaben auf dieselbe Nummer zehn, fünfzehn
bis zwanzig Lose aus, Finanzoperationen im Geiste der Gesellschaft vom 10!
Dezember. Hier hatte die Nationalversammlung nicht den fiktiven
Präsidenten der Republik sich gegenüber, sondern den Bonaparte in Fleisch
und Blut. Hier konnte sie ihn auf der Tat ertappen im Konflikte nicht mit
der Konstitution, sondern mit dem Code pénal. Wenn sie auf Duprats
Interpellation zur Tagesordnung überging, geschah es nicht nur, weil
Girardins Antrag, sich für “satisfait” <“befriedigt”> zu erklären, der
Ordnungspartei ihre systematische Korruption ins Gedächtnis rief. Der
Bourgeois, und vor allem der zum Staatsmann aufgeblähte Bourgeois, ergänzt
seine praktische Gemeinheit durch eine theoretische Überschwenglichkeit.
Als Staatsmann wird er wie die <169>
Staatsgewalt, die ihm gegenübersteht, ein höheres Wesen, das nur in
höherer, geweihter Weise bekämpft werden kann.
Bonaparte, der eben als Bohemien, als prinzlicher Lumpenproletarier den
Vorzug vor dem schuftigen Bourgeois hatte, daß er den Kampf gemein führen
konnte, sah nun, nachdem die Versammlung selbst ihn über den schlüpfrigen
Boden der Militärbanketts, der Revuen, der Gesellschaft vom 10. Dezember
und endlich des Code pénal mit eigner Hand hinübergeleitet hatte, den
Augenblick gekommen, wo er aus der scheinbaren Defensive in die Offensive
übergehn konnte. Wenig genierten ihn die mittendurch spielenden kleinen
Niederlagen des Justizministers, des Kriegsministers, des Marineministers,
des Finanzministers, wodurch die Nationalversammlung ihr knurriges
Mißvergnügen kundgab. Er verhinderte nicht nur die Minister abzutreten und
so die Unterwerfung der Exekutivgewalt unter das Parlament anzuerkennen.
Er konnte nun vollbringen, womit er während der Ferien der
Nationalversammlung begonnen hatte, die Losreißung der Militärgewalt vom
Parlamente, die Absetzung Changarniers.
Ein
elyseeisches Blatt veröffentlichte einen Tagesbefehl, während des Monats
Mai angeblich an die erste Militärdivision gerichtet, also von Changarnier
ausgehend, worin den Offizieren empfohlen wurde, im Falle einer Empörung
den Verrätern in den eignen Reihen kein Quartier <kein Pardon> zu geben,
sie sofort zu erschießen und der Nationalversammlung die Truppen zu
verweigern, wenn sie dieselben requirieren sollte. Am 3. Januar 1851 wurde
das Kabinett über diesen Tagesbefehl interpelliert. Es verlangte zur
Prüfung dieser Angelegenheit erst drei Monate, dann eine Woche, endlich
nur vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Die Versammlung besteht auf
sofortigem Aufschlusse. Changarnier erhebt sich und erklärt, daß dieser
Tagesbefehl nie existiert habe. Er fügt hinzu, daß er sich stets beeilen
werde, den Aufforderungen der Nationalversammlung nachzukommen, und daß
sie in einem Kollisionsfalle auf ihn rechnen könne. Sie empfängt seine
Erklärung mit unaussprechlichem Applaus und dekretiert ihm ein
Vertrauensvotum. Sie dankt ab, sie dekretiert ihre eigne Machtlosigkeit
und die Allmacht der Armee, indem sie sich unter die Privatprotektion
eines Generals begibt, aber der General täuscht sich, wenn er ihr gegen
Bonaparte eine Macht zu Gebote stellt, die er nur als Lehen von demselben
Bonaparte hält, wenn er seinerseits Schutz von diesem Parlamente, von
seinem schutzbedürftigen Schützling erwartet. Aber Changarnier glaubt an
die mysteriöse Macht, womit ihn die Bourgeoisie seit dem 29. Januar 1849
ausgestattet. Er hält sich für die dritte Gewalt neben den
<170> beiden übrigen Staatsgewalten. Er teilt das Schicksal der
übrigen Helden oder vielmehr Heiligen dieser Epoche, deren Größe eben in
der interessierten großen Meinung besteht, die ihre Partei von ihnen
aufbringt, und die in Alltagsfiguren zusammenfallen, sobald die
Verhältnisse sie einladen, Wunder zu verrichten. Der Unglaube ist
überhaupt der tödliche Feind dieser vermeinten Helden und wirklichen
Heiligen. Daher ihre würdevoll-sittliche Entrüstung über die
enthusiasmusarmen Witzlinge und Spötter.
An
demselben Abende wurden die Minister nach dem Elysée beschieden, Bonaparte
dringt auf die Absetzung Changarniers, fünf Minister weigern sich, sie zu
zeichnen, der “Moniteur” kündigt eine Ministerkrise an, und die
Ordnungspresse droht mit der Bildung einer parlamentarischen Armee unter
dem Kommando Changarniers. Die Partei der Ordnung hatte die
konstitutionelle Befugnis zu diesem Schritte. Sie brauchte bloß
Changarnier zum Präsidenten der Nationalversammlung zu ernennen und eine
beliebige Truppenmasse zu ihrer Sicherheit zu requirieren. Sie konnte es
um so sicherer, als Changarnier noch wirklich an der Spitze der Armee und
der Pariser Nationalgarde stand und nur darauf lauerte, mitsamt der Armee
requiriert zu werden. Die bonapartistische Presse wagte noch nicht einmal,
das Recht der Nationalversammlung zu direkter Requisition der Truppen in
Frage zu stellen, ein juristischer Skrupel, der unter den gegebenen
Verhältnissen keinen Erfolg versprach. Daß die Armee dem Befehle der
Nationalversammlung gehorcht hätte, ist wahrscheinlich, wenn man erwäge,
daß Bonaparte acht Tage in ganz Paris suchen mußte, um endlich zwei
Generäle zu finden - Baraguay d'Hilliers und St-Jean-d'Angley -, die sich
bereit erklärten, die Absetzung Changarniers zu kontrasignieren. Daß die
Ordnungspartei aber in ihren eignen Reihen und im Parlamente die zu einem
solchen Beschluß nötige Stimmenzahl gefunden hätte, ist mehr als
zweifelhaft, wenn man bedenkt, daß acht Tage später 286 Stimmen sich von
ihr trennten und daß die Montagne einen ähnlichen Vorschlag noch im
Dezember 1851, in der letzten Stunde der Entscheidung, verwarf. Indessen
wäre es vielleicht den Burggrafen jetzt noch gelungen, die Masse ihrer
Partei zu einem Heroismus hinzureißen, der darin bestand, sich hinter
einem Wald von Bajonetten sicher zu fühlen und den Dienst einer Armee
anzunehmen, die in ihr Lager desertiert war. Statt dessen begaben sich die
Herren Burggrafen am Abende des 6. Januar ins Elysée, um durch staatskluge
Wendungen und Bedenken Bonaparte von der Absetzung Changarniers abstehn zu
machen. Wen man zu überreden versucht, den erkennt man als den Meister der
Situation an. Bonaparte, durch diesen Schritt sicher gemacht, ernennt am
12. Januar ein neues Ministerium, worin die Führer des alten, Fould und
Baroche, verbleiben. St-Jean- <171> d'Angely
wird Kriegsminister, der “Moniteur” bringt das Absetzungsdekret
Changarniers, sein Kommando wird geteilt unter Baraguay d'Hilliers, der
die erste Militärdivision, und Perrot, der die Nationalgarde erhält. Das
Bollwerk der Gesellschaft ist abgedankt, und wenn kein Stein darüber vom
Dache fällt, steigen dagegen die Börsenkurse.
Indem sie die Armee, die sich ihr in Changarniers Person zur Verfügung
stellt, zurückstößt und so unwiderruflich dem Präsidenten überantwortet,
erklärt die Ordnungspartei, daß die Bourgeoisie den Beruf zum Herrschen
verloren hat. Es existiert bereits kein parlamentarisches Ministerium
mehr. Indem sie nun noch die Handhabe der Armee und Nationalgarde verlor,
welches Gewaltmittel blieb ihr, um gleichzeitig die usurpierte Gewalt des
Parlaments über das Volk und seine konstitutionelle Gewalt gegen den
Präsidenten zu behaupten? Keins. Es blieb ihr nur noch der Appell an
gewaltlose Prinzipien, die sie selbst stets nur als allgemeine Regeln
ausgelegt hatte, die man dritten vorschreibt, um sich selbst desto freier
bewegen zu können. Mit der Absetzung Changarniers, mit dem Anheimfall der
Militärgewalt an Bonaparte, schließt er erste Abschnitt der Periode, die
wir betrachten, der Periode des Kampfes zwischen der Ordnungspartei und
der Exekutivgewalt. Der Krieg zwischen den beiden Gewalten ist jetzt offen
erklärt, wird offen geführt, aber erst nachdem die Ordnungspartei Waffen
und Soldaten verloren hat. Ohne Ministerium, ohne Armee, ohne Volk, ohne
öffentliche Meinung, seit ihrem Wahlgesetz vom 31. Mai nicht mehr die
Repräsentantin der souveränen Nation, ohn' Aug', ohn' Ohr, ohn' Zahn, ohn'
alles, hatte sich die Nationalversammlung allgemach in ein
altfranzösisches Parlament verwandelt, das die Aktion der Regierung
überlassen und sich selbst mit knurrenden Remonstrationen post festum
begnügen muß.
Die
Ordnungspartei empfängt das neue Ministerium mit einem Sturme der
Entrüstung. General Badeau ruft die Milde der Permanenzkommission während
der Ferien ins Gedächtnis zurück und die übergroße Rücksicht, womit sie
auf die Veröffentlichung ihrer Protokolle verzichtet habe. Der Minister
des Innern besteht nun selbst auf Veröffentlichung dieser Protokolle, die
jetzt natürlich schal wie abgestandenes Wasser geworden sind, keine neue
Tatsache enthüllen und ohne die geringste Wirkung in das blasierte
Publikum fallen. Auf Rémusats Vorschlag zieht sich die Nationalversammlung
in ihre Büros zurück und ernennt ein “Komitee außerordentlicher
Maßregeln”. Paris tritt um so weniger aus dem Gleise seiner alltäglichen
Ordnung, als der Handel in diesem Augenblicke prosperiert, die
Manufakturen beschäftigt sind, die Getreidepreise niedrig stehn, die
Lebensmittel überfließen, die Sparkassen täglich neue Depositen erhalten.
Die “außerordentlichen Maßregeln”, die das <172>
Parlament so geräuschvoll angekündigt hat, verpuffen am 18. Januar in ein
Mißtrauensvotum gegen die Minister, ohne daß General Changarnier auch nur
erwähnt wurde. Die Ordnungspartei war zu dieser Fassung ihres Votums
gezwungen, um sich die Stimmen der Republikaner zu sichern, da diese von
allen Maßregeln des Ministeriums gerade nur die Absetzung Changarniers
billigen, während die Ordnungspartei in der Tat die übrigen ministeriellen
Akte nicht tadeln kann, die sie selbst diktiert hatte.
Für
das Mißtrauensvotum vom 18. Januar entschieden 415 gegen 286 Stimmen. Es
wurde also nur durchgesetzt durch eine Koalition der entschiedenen
Legitimisten und Orleanisten mit den reinen Republikanern und der
Montagne. Es bewies also, daß die Partei der Ordnung nicht nur das
Ministerium, nicht nur die Armee, sondern in Konflikten mit Bonaparte auch
ihre selbständige parlamentarische Majorität verloren hatte, daß ein Trupp
von Repräsentanten aus ihrem Lager desertiert war, aus
Vermittlungsfanatismus, aus Furcht vor dem Kampfe, aus Abspannung, aus
Familienrücksicht für blutsverwandte Staatsgehalte, aus Spekulation, auf
frei werdende Ministerposten (Odilon Barrot), aus dem platten Egoismus,
womit der gewöhnliche Bourgeois stets geneigt ist, das Gesamtinteresse
seiner Klasse diesem oder jenem Privatmotive zu opfern. Die
bonapartistischen Repräsentanten gehörten von vorn herein der
Ordnungspartei nur im Kampfe gegen die Revolution. Der Chef der
katholischen Partei, Montalembert, warf seinen Einfluß schon damals in die
Waagschale Bonapartes, da er an der Lebensfähigkeit der parlamentarischen
Partei verzweifelte. Die Führer dieser Partei endlich, Thiers und Berryer,
der Orleanist und der Legitimist, waren gezwungen, sich offen als
Republikaner zu proklamieren, zu bekennen, daß ihr Herz königlich, aber
ihr Kopf republikanisch gesinnt, daß die parlamentarische Republik die
einzig mögliche Form für die Herrschaft der Gesamtbourgeoisie sei. Sie
waren so gezwungen, die Restaurationspläne, die sie unverdrossen hinter
dem Rücken des Parlaments weiter verfolgten, vor den Augen der
Bourgeoisklasse selbst als eine ebenso gefahrvolle wie kopflose Intrige zu
brandmarken.
Das
Mißtrauensvotum vom 18. Januar traf die Minister und nicht den
Präsidenten. Aber nicht das Ministerium, der Präsident hatte Changarnier
abgesetzt. Sollte die Ordnungspartei Bonaparte selbst in Anklagezustand
versetzen? Wegen seiner Restaurationsgelüste? Sie ergänzten nur ihre
eignen. Wegen seiner Konspiration in den Militärrevuen und der
Gesellschaft vom 10. Dezember? Sie hatten diese Themata längst unter
einfachen Tagesordnungen begraben. Wegen der Absetzung des Helden vom 29.
Januar und vom 13. Juni, des Mannes, der Mai 1850 im Falle einer Emeute
Paris an allen vier Ecken in Brand zu stecken drohte? Ihre Alliierten von
der Montagne und <173> Cavaignac erlaubten ihnen
nicht einmal, das gefallene Bollwerk der Gesellschaft durch eine
offizielle Beileidsbezeugung aufzurichten. Sie selbst konnten dem
Präsidenten die konstitutionelle Befugnis, einen General abzusetzen, nicht
bestreiten. Sie tobten nur, weil er von seinem konstitutionellen Rechte
einen unparlamentarischen Gebrauch machte. Hatten sie von ihrer
parlamentarischen Prärogative nicht fortwährend einen unkonstitutionellen
Gebrauch gemacht und namentlich bei der Abschaffung des allgemeinen
Wahlrechts? Sie waren also darauf angewiesen, sich genau innerhalb der
parlamentarischen Schranken zu bewegen. Und es gehörte jene eigentümliche
Krankheit dazu, die seit 1848 auf dem Kontinent grassiert hat, der
parlamentarische Kretinismus, der die Angesteckten in eine
eingebildete Welt festbannt und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung, alles
Verständnis für die rauhe Außenwelt raubt, dieser parlamentarische
Kretinismus gehört dazu, wenn sie, die alle Bedingungen der
parlamentarischen Macht mit eignen Händen zerstört hatten und in ihrem
Kampfe mit den andern Klassen zerstören mußten, ihre parlamentarischen
Siege noch für Siege hielten und den Präsidenten zu treffen glaubten,
indem sie auf seine Minister schlugen. Sie gaben ihm nur Gelegenheit, die
Nationalversammlung von neuem in den Augen der Nation zu demütigen. Am 20.
Januar meldete der “Moniteur”, daß die Entlassung des Gesamtministeriums
angenommen sei. Unter dem Vorwande, daß keine parlamentarische Partei mehr
die Majorität besitze, wie das Votum vom 18. Januar, diese Frucht der
Koalition zwischen Montagne und Royalisten, beweise, und um die Neubildung
einer Majorität abzuwarten, ernannte Bonaparte ein sogenanntes
Übergangsministerium, wovon kein Mitglied dem Parlamente angehörte, lauter
durchaus unbekannte und bedeutungslose Individuen, ein Ministerium von
bloßen Kommis und Schreibern. Die Ordnungspartei konnte sich jetzt im
Spiele mit diesen Marionetten abarbeiten, die Exekutivgewalt hielt es
nicht mehr der Mühe wert, ernsthaft in der Nationalversammlung vertreten
zu sein. Bonaparte konzentrierte um so sichtbarer die ganze Exekutivgewalt
in seiner Person, er hatte um so freiern Spielraum, sie zu seinen Zwecken
auszubeuten, je mehr seine Minister reine Statisten waren.
Die
mit der Montagne koalisierte Ordnungspartei rächte sich, indem sie die
präsidentielle Dotation von 1.800.000 frs. verwarf, zu deren Vorlage das
Haupt der Gesellschaft vom 10. Dezember seine ministeriellen Kommis
gezwungen hatte. Diesmal entschied eine Majorität von nur 102 Stimmen, es
waren also seit dem 18. Januar neuerdings 27 Stimmen abgefallen, die
Auflösung der Ordnungspartei ging voran. Damit man sich keinen Augenblick
über den Sinn ihrer Koalition mit der Montagne täusche, verschmähte sie
<174> gleichzeitig, einen von 189 Mitgliedern
der Montagne unterzeichneten Antrag auf allgemeine Amnestie der
politischen Verbrecher auch nur in Betracht zu ziehen. Es genügte, daß der
Minister des Innern, ein gewisser Vaïsse, erklärte, die Ruhe sei nur
scheinbar, im geheimen herrsche große Agitation, im geheimen organisierten
sich allgegenwärtigen Gesellschaften, die demokratischen Blätter machten
Anstalten, um wieder zu erscheinen, die Berichte aus den Departements
lauteten ungünstig, die Flüchtlinge von Genf leiteten eine Verschwörung
über Lyon durch ganz Südfrankreich, Frankreich stehe am Rande einer
industriellen und kommerziellen Krise, die Fabrikanten von Roubaix hätten
die Arbeitszeit vermindert, die Gefangenen von Belle-Île sich empört -, es
genügte, daß selbst nur ein Vaïsse das rote Gespenst heraufbeschwor, damit
die Partei der Ordnung ohne Diskussion einen Antrag verwarf, der der
Nationalversammlung eine ungeheure Popularität erobern und Bonaparte in
ihre Arme zurückwerfen mußte. Statt sich von der Exekutivgewalt durch die
Perspektive neuer Unruhen einschüchtern zu lassen, hätte sie vielmehr dem
Klassenkampf einen kleinen Spielraum gewähren müssen, um die Exekutive von
sich abhängig zu machen. Aber sie fühlte sich nicht der Aufgabe gewachsen,
mit dem Feuer zu spielen.
Unterdessen vegetierte das sogenannte Übergangsministerium bis Mitte April
fort. Bonaparte ermüdete, foppte die Nationalversammlung mit beständig
neuen Ministerkombinationen. Bald schien er ein republikanisches
Ministerium bilden zu wollen mit Lamartine und Billault, bald ein
parlamentarisches mit dem unvermeidlichen Odilon Barrot, dessen Name nie
fehlen darf, wenn ein dupe notwendig ist, bald ein legitimistisches mit
Vatimesnil und Benoist d'Azy, bald ein orleanistisches mit Maleville.
Während er so die verschiedenen Fraktionen der Ordnungspartei in Spannung
gegeneinander erhält und sie insgesamt mit der Aussicht auf ein
republikanisches Ministerium und die dann unvermeidlich gewordene
Herstellung des allgemeinen Wahlrechts ängstigtet, bringt er gleichzeitig
bei der Bourgeoisie die Überzeugung hervor, daß seine aufrichtigen
Bemühungen um ein parlamentarisches Ministerium an der Unversöhnlichkeit
der royalistischen Fraktionen scheitern. Die Bourgeoisie schrie aber um so
lauter nach einer “starken Regierung”, sie fand es um so unverzeihlicher,
Frankreich “ohne Administration” zu lassen, je mehr eine allgemeine
Handelskrise nun im Anmarsche schien und in den Städten für den
Sozialismus warb, wie der ruinierend niedrige Preis des Getreides auf dem
Lande. Der Handel wurde täglich flauer, die unbeschäftigten Hände
vermehrten sich zusehends, in Paris waren wenigstens 10.000 Arbeiter
brotlos, in Rouen, Mühlhausen, Lyon, Roubaix, Tourcoing, St-Etienne,
Elbeuf usw. standen zahllose Fabriken still. Unter diesen Umständen konnte
<175> Bonaparte es wagen, am 11. April das
Ministerium vom 18. Januar zu restaurieren. Die Herren Rouher, Fould,
Baroche etc. verstärkt durch Herrn Léon Faucher, den die konstituierende
Versammlung während ihrer letzten Tage einstimmig mit Ausnahme von fünf
Ministerstimmen wegen Verbreitung falscher telegraphischer Depeschen mit
einem Mißtrauensvotum gebrandmarkt hatte. Die Nationalversammlung hatte
also am 18. Januar einen Sieg über das Ministerium davongetragen, sie
hatte während drei Monaten mit Bonaparte gekämpft, damit am 11. April
Fould und Baroche den Puritaner Faucher als dritten in ihren
ministeriellen Bunde aufnehmen konnten.
November 1849 hatte sich Bonaparte mit einem unparlamentarischen
Ministerium begnügt, Januar 1851 mit einem außerparlamentarischen,
am 11. April fühlte er sich stark genug ein antiparlamentarisches
Ministerium zu bilden, das die Mißtrauensvota beider Versammlungen, der
Konstituante und der Legislative, der republikanischen und der
royalistischen, harmonisch in sich vereinigte. Diese Stufenleiter von
Ministerien war der Thermometer, woran das Parlament die Abnahme der
eignen Lebenswärme messen konnte. Diese war Ende April so tief gesunken,
daß Persigny den Changarnier in einer persönlichen Zusammenkunft
auffordern konnte, in das Lager des Präsidenten überzugehn. Bonaparte,
versicherte er ihm, betrachte den Einfluß der Nationalversammlung als
vollständig vernichtet, und schon liege die Proklamation bereit, die nach
dem beständig beabsichtigten, aber zufällig wieder aufgeschobenen coup
d'état veröffentlicht werden solle. Changarnier teilte den Führern der
Ordnungspartei die Todesanzeige mit, aber wer glaubt, daß der Biß von
Wanzen tötet? Und das Parlament, so geschlagen, so aufgelöst, so
sterbefaul es war, konnte sich nicht überwinden, in dem Duelle mit dem
grotesken Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember etwas andres zu sehen als
das Duell mit einer Wanze. Aber Bonaparte antwortete der Partei der
Ordnung wie Agesilaos dem Könige Agis: “Ich scheine dir Ameise, aber
ich werde einmal Löwe sein.”
VI
<176> Die Koalition mit der Montagne und
den reinen Republikanern, wozu die Ordnungspartei in ihren vergeblichen
Anstrengungen, den Besitz der Militärgewalt zu behaupten und die oberste
Leitung der Exekutivgewalt wieder zu erobern, sich verurteilt sah, bewies
unwidersprechlich, daß sie die selbständige parlamentarische Majorität
eingebüßt hatte. Die bloße Macht des Kalenders, der Stundenzeiger gab am
28. Mai das Signal ihrer völligen Auflösung. Mit dem 28. Mai begann das
letzte Lebensjahr der Nationalversammlung. Sie mußte sich nun entscheiden
für die unveränderte Fortdauer oder für die Revision der Verfassung. Aber
Revision der Verfassung, daß hieß nicht nur Herrschaft der Bourgeoisie
oder der kleinbürgerlichen Demokratie, Demokratie oder proletarische
Anarchie, parlamentarische Republik oder Bonaparte, das hieß zugleich
Orléans oder Bourbon! So fiel mitten in das Parlament der Erisapfel, an
dem sich der Widerstand der Interessen, welche die Ordnungspartei in
feindliche Fraktionen sonderten, offen entzünden mußte. Die Ordnungspartei
war eine Verbindung von heterogenen gesellschaftlichen Substanzen. Die
Revisionsfrage erzeugte eine politische Temperatur, worin das Produkt
wieder in seine ursprünglichen Bestandteile zerfiel.
Das
Interesse der Bonapartisten an der Revision war einfach. Für sie handelte
es sich vor allem um Abschaffung des Artikels 45, der Bonapartes
Wiederwahl untersagte, und die Prorogation seiner Gewalt. Nicht minder
einfach schien die Stellung der Republikaner. Sie verwarfen unbedingt jede
Revision, sie sahen in ihr eine allseitige Verschwörung gegen die
Republik. Da sie über mehr als ein Viertel der Stimmen in der
Nationalversammlung verfügten und verfassungsmäßig drei Viertel der
Stimmen zum rechtsgültigen Beschlusse der Revision und zur Einberufung
einer revidierenden Versammlung erfordert waren, brauchten sie nur ihre
Stimmen zu zählen, um des Sieges sicher zu sein. Und sie waren des Sieges
sicher.
Diesen klaren Stellungen gegenüber befand sich die Partei der Ordnung
<177> in unentwirrbaren Widersprüchen. Verwarf
sie die Revision, so gefährdete sie den Status quo, indem sie Bonaparte
nur noch einen Ausweg übrigließ, den der Gewalt, indem sie Frankreich am
zweiten [Sonntag des Monats] Mai 1852, im Augenblicke der Entscheidung,
der revolutionären Anarchie preisgab, mit einem Präsidenten, der seine
Autorität verlor, mit einem Parlamente, das sie längst nicht mehr besaß,
und mit einem Volke, das sie wieder zu erobern dachte. Stimmte sie für die
verfassungsmäßige Revision, so wußte sie, daß sie umsonst stimmte und am
Veto der Republikaner verfassungsmäßig scheitern müsse. Erklärte sie
verfassungswidrig die einfache Stimmenmajorität für bindend, so konnte sie
die Revolution nur zu beherrschen hoffen, wenn sie sich unbedingt der
Botmäßigkeit der Exekutivgewalt unterwarf, so machte sie Bonaparte zum
Meister über die Verfassung, über die Revision und über sich selbst. Eine
nur teilweise Revision, welche die Gewalt des Präsidenten verlängerte,
bahnte der imperialistischen Usurpation den Weg. Eine allgemeine Revision,
welche die Existenz der Republik abkürzte, brachte die dynastischen
Ansprüche in unvermeidlichen Konflikt, denn die Bedingungen für eine
bourbonische und die Bedingungen für eine orleanistische Restauration
waren nicht nur verschieden, sie schlossen sich wechselseitig aus.
Die parlamentarische Republik war mehr als das neutrale Gebiet, worin
die zwei Fraktionen der französischen Bourgeoisie, Legitimisten und
Orleanisten, großes Grundeigentum und Industrie, gleichberechtigt
nebeneinander hausen konnten. Sie war die unumgängliche Bedingung ihrer
gemeinsamen Herrschaft, die einzige Staatsform, worin ihr allgemeines
Klasseninteresse sich zugleich die Ansprüche ihrer besonderen Fraktionen
wie alle übrigen Klassen der Gesellschaft unterwarf. Als Royalisten fielen
sie in ihren alten Gegensatz zurück, in den Kampf um die Suprematie des
Grundeigentums oder des Geldes, und der höchste Ausdruck dieses
Gegensatzes, die Personifikation desselben, waren die Könige selbst, ihre
Dynastien. Daher das Sträuben der Ordnungspartei gegen die Rückberufung
der Bourbonen.
Der
Orleanist und Volksrepräsentant Creton hatte 1849, 1850 und 1851
periodisch den Antrag gestellt, das Verbannungsdekret gegen die
königlichen Familien aufzuheben. Das Parlament bot ebenso periodisch das
Schauspiel einer Versammlung von Royalisten, welche ihren verbannten
Königen hartnäckig die Tore verschließt, durch die sie heimkehren könnten.
Richard III. hatte Heinrich VI. ermordet mit dem Bemerken, daß er zu gut
für diese Welt sei und in den Himmel gehöre. Sie erklärten Frankreich für
zu schlecht, seine Könige wieder zu besitzen. Durch die Macht der
Verhältnisse gezwungen, waren sie Republikaner geworden und sanktionierten
wiederholt den Volksbeschluß, der ihre Könige aus Frankreich verwies.
<178> Die Revision der Verfassung - und sie in
Betracht zu ziehen, zwangen die Umstände - stellte mit der Republik
zugleich die gemeinsame Herrschaft der beiden Bourgeoisfraktionen in Frage
und rief, mit der Möglichkeit der Monarchie, die Rivalität der Interessen,
die sie abwechselnd vorzugsweise vertreten hatte, ins Leben zurück, den
Kampf um die Suprematie der einen Fraktion über die andre. Die Diplomaten
der Ordnungspartei glaubten den Kampf schlichten zu können durch eine
Verschmelzung beider Dynastien, durch eine sogenannte Fusion der
royalistischen Parteien und ihrer Königshäuser. Die wirkliche Fusion der
Restauration und der Julimonarchie war die parlamentarische Republik,
worin orleanistische und legitimistische Farben ausgelöscht wurden und die
Bourgeois-Arten in dem Bourgeois schlechtweg, in der Bourgeois-Gattung
verschwanden. Jetzt aber sollte der Orleanist Legitimist, der Legitimist
Orleanist werden. Das Königtum, worin sich ihr Gegensatz personifizierte,
sollte ihre Einheit verkörpern, der Ausdruck ihrer ausschließlichen
Fraktionsinteressen zum Ausdruck ihres gemeinsamen Klasseninteresses
werden, die Monarchie das leisten, was nur die Aufhebung zweier
Monarchien, die Republik, leisten konnte und geleistet hatte. Es war dies
der Stein der Weisen, an dessen Herstellung sich die Doktoren der
Ordnungspartei die Köpfe zerbrachen. Als könnte die legitime Monarchie
jemals die Monarchie der industriellen Bourgeois oder das Bürgerkönigtum
jemals das Königtum der angestammten Grundaristokratie werden. Als könnten
Grundeigentum und Industrie sich unter einer Krone verbrüdern, wo
die Krone nur auf ein Haupt fallen konnte, auf das Haupt des älteren
Bruders oder des jüngeren. Als könnte die Industrie sich überhaupt mit dem
Grundeigentum ausgleichen, solange das Grundeigentum sich nicht
entschließt, selbst industriell zu werden. Wenn Henri V morgen stürbe, der
Graf von Paris würde darum nicht der König der Legitimisten, es sei denn,
daß er aufhörte, der König der Orleanisten zu sein. Die Philosophen der
Fusion jedoch, die sich in dem Maße breitmachten, als die Revisionsfrage
in den Vordergrund trat, die sich in der “Assemblée nationale” ein
offizielles Tagesorgan geschaffen hatten, die sogar in diesem Augenblicke
(Februar 1852) wieder am Werke sind, erklärten sich die ganze
Schwierigkeit aus dem Widerstreben und der Rivalität der beiden Dynastien.
Die Versuche, die Familie Orléans mit Heinrich V. zu versöhnen, die seit
dem Tode Louis-Philippes begonnen, aber wie die dynastischen Intrigen
überhaupt nur während der Ferien der Nationalversammlung, in den
Zwischenakten, hinter den Kulissen gespielt, mehr sentimentale Koketterie
mit dem alten Aberglauben als ernstgemeintes Geschäft, wurden nun zu
Haupt- und Staatsaktionen und von der Ordnungspartei auf der öffentlichen
Bühne aufgeführt, statt wie bisher auf dem Liebhabertheater.
<179> Die Kuriere flogen von Paris nach Venedig,
von Venedig nach Claremont, von Claremont nach Paris. Der Graf von
Chambord erläßt ein Manifest, worin er “mit Hülfe aller Glieder seiner
Familie” nicht seine, sondern die “nationale” Restauration anzeigt. Der
Orleanist Salvandy wirft sich Heinrich V. zu Füßen. Die Legitimistenchefs
Berryer, Benoist d'Azy, St-Priest wandern nach Claremont, um die Orléans
zu überreden, aber vergeblich. Die Fusionisten gewahren zu spät, daß die
Interessen der beiden Bourgeoisfraktionen weder an Ausschließlichkeit
verlieren noch an Nachgiebigkeit gewinnen, wo sie in der Form von
Familieninteressen, von Interessen zweier Königshäuser sich zuspitzen.
Wenn Heinrich V. den Grafen von Paris als Nachfolger anerkannte - der
einzige Erfolg, den die Fusion im besten Fall erzielen konnte -, so gewann
das Haus Orléans keinen Anspruch, den ihm die Kinderlosigkeit Heinrichs V.
nicht schon gesichert hätte, aber es verlor alle Ansprüche, die es durch
die Julirevolution erobert hatte. Es verzichtete auf seine
Originalansprüche, auf alle Titel, die es in einem beinah hundertjährigen
Kampfe dem älteren Zweige der Bourbonen abgerungen, es tauschte seine
historische Prärogative, die Prärogative des modernen Königtums, gegen die
Prärogative seines Stammbaums aus. Die Fusion war also nichts als eine
freiwillige Abdankung des Hauses Orléans, die legitimistische Resignation
desselben, der reuige Rücktritt aus der protestantischen Staatskirche in
die katholische. Ein Rücktritt, der es dazu nicht einmal auf den Thron,
den es verloren hatte, sondern auf die Stufe des Throns brachte, auf der
es geboren war. Die alten orleanistischen Minister Guizot, Duchâtel etc.,
die ebenfalls nach Claremont eilten, um die Fusion zu bevorworten,
vertraten in der Tat nur den Katzenjammer über die Julirevolution, die
Verzweiflung am Bürgerkönigtum und am Königtum der Bürger, den Aberglauben
an die Legitimität als das letzte Amulett gegen die Anarchie. In ihrer
Einbildung Vermittler zwischen Orléans und Bourbon, waren sie in der
Wirklichkeit nur noch abgefallene Orleanisten, und als solche empfing sie
der Prinz von Joinville. Der lebensfähige, kriegerische Teil der
Orleanisten dagegen, Thiers, Baze usw., überzeugten die Familie
Louis-Philippes um so leichter, daß, wenn jede unmittelbar monarchistische
Restauration die Fusion der beiden Dynastien, jede solche Fusion aber die
Abdankung des Hauses Orléans voraussetzte, es dagegen ganz der Tradition
ihrer Vorfahren entspreche, vorläufig die Republik anzuerkennen und
abzuwarten, bis die Ereignisse erlaubten, den Präsidentenstuhl in einen
Thron zu verwandeln. Joinvilles Kandidatur wurde gerüchtsweise
ausgesprengt, die öffentliche Neugier in der Schwebe erhalten, und einige
Monate später, nach Verwerfung der Revision, im September öffentlich
proklamiert.
<180> Der Versuch einer royalistischen Fusion
zwischen Orleanisten und Legitimisten war so nicht nur gescheitert, er
hatte ihre parlamentarische Fusion, ihre republikanische Gemeinform
gebrochen und die Ordnungspartei wieder in ihre ursprünglichen
Bestandteile zersetzt; aber je mehr die Entfremdung zwischen Claremont und
Venedig wuchs, ihre Ausgleichung sich zerschlug, die Joinville-Agitation
um sich griff, desto eifriger, ernster wurden die Verhandlungen zwischen
Faucher, dem Minister Bonapartes, und den Legitimisten.
Die
Auflösung der Ordnungspartei blieb nicht bei ihren ursprünglichen
Elementen stehen. Jede der beiden großen Fraktionen zersetzte sich
ihrerseits von neuem. Es war, als wenn alle die alten Nuancen, die sich
früher innerhalb jedes der beiden Kreise, sei es des legitimen, sei es des
orleanistischen, bekämpft und gedrängt hatten, wieder aufgetaut wären, wie
vertrocknete Infusorien bei Berührung mit Wasser, als wenn sie von neuem
Lebenskraft genug gewonnen hätten, um eigne Gruppen und selbständige
Gegensätze zu bilden. Die Legitimisten träumten sich zurück in die
Streitfragen zwischen den Tuilerien und dem Pavillion Marsan, zwischen
Villèle und Poligniac. Die Orleanisten durchlebten von neuem die goldene
Zeit der Turniere zwischen Guizot, Molé, Broglie, Thiers und Odilon
Barrot.
Der
revisionslustige, aber über die Grenzen der Revision wieder uneinige Teil
der Ordnungspartei, zusammengesetzt aus den Legitimisten unter Berryer und
Falloux einerseits, unter La Rochejaquelein andererseits, und den
kampfmüden Orleanisten unter Molé, Broglie, Montalambert und Odilon
Barrot, vereinbarte sich mit den bonapartistischen Repräsentanten zu
folgendem unbestimmten und weitgefaßten Antrage:
“Die
unterzeichneten Repräsentanten, mit dem Zwecke, der Nation die volle
Ausübung ihrer Souveränität wiederzugeben, stellen die Motion, daß die
Verfassung revidiert werde.”
Gleichzeitig aber erklärten sie einstimmig durch ihren Berichterstatter
Toqueville, die Nationalversammlung habe nicht das Recht, die
Abschaffung der Republik zu beantragen, dies Recht stehe nur der
Revisionskammer zu. Übrigens könne die Verfassung nur auf “legale”
Weise revidiert werden, also nur, wenn das verfassungsmäßig
vorgeschriebene Dreiviertel der Stimmenzahl für Revision entscheide. Nach
sechtägigen stürmischen Debatten, am 19. Juli, wurde die Revision, wie
vorherzusehen, verworfen. Es stimmten 446 dafür, aber 278 dagegen. Die
entschiedenen Orleanisten Thiers, Changarnier etc. stimmten mit den
Republikanern und der Montagne.
Die
Majorität des Parlaments erklärte sich so gegen die Verfassung, aber
<181> diese Verfassung selbst erklärte sich für
die Minorität und ihren Beschluß für bindend. Hatte aber die
Ordnungspartei nicht am 31. Mai 1850, nicht am 13. Juni 1849 die
Verfassung der parlamentarischen Majorität untergeordnet? Beruhte ihre
ganze bisherige Politik nicht auf der Unterordnung der
Verfassungsparagraphen unter die parlamentarischen Majoritätsbeschlüsse?
Hatte sie den alttestamentarischen Aberglauben an den Buchstaben des
Gesetzes nicht den Demokraten überlassen und an den Demokraten gezüchtigt?
In diesem Augenblicke aber hieß Revision der Verfassung nichts andres als
Fortdauer der präsidentiellen Gewalt, wie Fortdauer der Verfassung nicht
andres hieß als Absetzung Bonapartes. Das Parlament hatte sich für ihn
erklärt, aber die Verfassung erklärte sich gegen das Parlament. Er
handelte also im Sinne des Parlaments, wenn er die Verfassung zerriß, und
er handelte im Sinne der Verfassung, wenn er das Parlament
auseinanderjagte.
Das
Parlament hatte die Verfassung und mit ihr seine eigene Herrschaft
“außerhalb der Majorität” erklärt, es hatte durch seinen Beschluß die
Verfassung aufgehoben und die präsidentielle Gewalt verlängert und
zugleich erklärt, daß weder die eine sterben, noch die andre leben könne,
solange es selbst fortbestehe. Die Füße derer, die es begraben sollten,
standen vor der Türe. Während es die Revision debattierte, entfernte
Bonaparte den General Baraguay d'Hilliers, der sich unschlüssig zeigte,
von dem Kommando der ersten Militärdivison und ernannte an seiner Stelle
den General Magnan, den Sieger von Lyon, den Helden der Dezembertage, eine
seiner Kreaturen, die sich schon unter Louis-Philippe bei Gelegenheit der
Expedition von Boulogne mehr oder minder für ihn kompromittiert hatte.
Die
Ordnungspartei bewies durch ihren Beschluß über die Revision, daß sie
weder zu herrschen noch zu dienen, weder zu leben noch zu sterben, weder
die Republik zu ertragen noch sie umzustürzen, weder die Verfassung
aufrechtzuerhalten noch sie über den Haufen zu werfen, weder mit dem
Präsidenten zusammenzuwirken noch mit ihm zu brechen verstand. Von wem
erwartete sie denn die Lösung aller Widersprüche? Von dem Kalender, von
dem Gang der Ereignisse. Sie hörte auf, sich die Gewalt über die
Ereignisse anzumaßen. Sie forderte also die Ereignisse heraus, ihr Gewalt
anzutun, und damit die Macht, woran sie im Kampfe mit dem Volke ein
Attribut nach dem andern abgetreten hatte, bis sie selbst ihr gewaltlos
gegenüberstand. Damit der Chef der Exekutivgewalt desto ungestörter den
Kampfplan gegen sie entwerfen, seine Arbeitsmittel verstärken, seine
Werkzeuge auswählen, seine Positionen befestigen könne, beschloß sie
mitten in diesem kritischen Augenblicke von der Bühne abzutreten und sich
auf drei Monate zu vertagen, vom 10. August bis 4. November.
<182> Die parlamentarische Partei war nicht nur
in ihre zwei großen Fraktionen, jede dieser Fraktionen war nicht nur
innerhalb ihrer selbst aufgelöst, sondern die Ordnungspartei im Parlamente
war mit der Ordnungspartei außerhalb des Parlaments zerfallen. Die
Wortführer und die Schriftgelehrten der Bourgeoisie, ihre Tribüne und ihre
Presse, kurz die Ideologen der Bourgeoisie und die Bourgeoisie selbst, die
Repräsentanten und die Repräsentierten, standen sich entfremdet gegenüber
und verstanden sich nicht mehr.
Die
Legitimisten in den Provinzen, mit ihrem beschränkten Horizont und ihrem
unbeschränkten Enthusiasmus, bezüchtigten ihre parlamentarischen Führer,
Berryer und Falloux, der Desertion ins bonapartistische Lager und des
Abfalls von Heinrich V. Ihr Lilienverstand glaubte an den Sündenfall, aber
nicht an die Diplomatie.
Ungleich verhängnisvoller und entscheidender war der Bruch der
kommerziellen Bourgeoisie mit ihren Politikern. Sie warf ihnen vor, nicht
wie die Legitimisten den ihren, von dem Prinzip abgefallen zu sein,
sondern umgekehrt, an unnütz gewordenen Prinzipien festzuhalten.
Ich
habe schon früher angedeutet, daß seit dem Eintritt Foulds ins Ministerium
der Teil der kommerziellen Bourgeoisie, der den Löwenanteil an
Louis-Philippes Herrschaft besessen hatte, daß die Finanzaristokratie
bonapartistisch geworden war. Fould vertrat nicht nur Bonapartes Interesse
an der Börse, er vertrat zugleich das Interesse der Börse bei Bonaparte.
Die Stellung der Finanzaristokratie schildert am schlagendsten ein Zitat
aus ihrem europäischen Organ, dem Londoner “Economist”. In seiner
Nummer vom 1. Februar 1851 läßt er aus Paris schreiben:
“Nun
haben wir es konstatiert von allen Seiten her, daß Frankreich vor allem
nach Ruhe verlangt. Der Präsident erklärt es in seiner Botschaft an die
legislative Versammlung, es tönt als Echo zurück von der nationalen
Rednertribüne, es wird beteuert von den Zeitungen, es wird verkündet von
der Kanzel, es wird bewiesen durch die Empfindlichkeit der
Staatspapiere bei der geringsten Aussicht auf Störung, durch ihre
Festigkeit, sooft die Exekutivgewalt siegt”.
In
seiner Nummer vom 29. November erklärt der “Economist” in seinem
eignen Namen:
“Auf allen Börsen Europas ist der Präsident nun als die Schildwache der
Ordnung anerkannt.”
Die
Finanzaristokratie verdammte also den parlamentarischen Kampf der
Ordnungspartei mit der Exekutivgewalt als eine Störung der Ordnung
und feierte jeden Sieg des Präsidenten über ihre angeblichen
Repräsentanten als einen Sieg der Ordnung. Man muß hier unter der
Finanzaristokratie nicht nur <183> die großen
Anleihunternehmer und Spekulanten in Staatspapieren verstehn, von denen es
sich sofort begreift, daß ihr Interesse mit dem Interesse der Staatsgewalt
zusammenfällt. Das ganze moderne Geldgeschäft, die ganze Bankwirtschaft
ist auf das innigste mit dem öffentlichen Kredit verwebt. Ein Teil ihres
Geschäftskapitals wird notwendig in schnell konvertiblen Staatspapieren
angelegt und verzinst. Ihre Depositen, das unter ihnen zur Verfügung
gestellte und von ihnen unter Kaufleute und Industrielle verteilte Kapital
strömt teilweis aus den Dividenden der Staatsrentner her. Der ganze
Geldmarkt und die Priester dieses Geldmarkts, wenn zu jeder Epoche die
Stabilität der Staatsgewalt Moses und die Propheten für sie bedeutet hat,
wie nicht erst heute, wo jede Sündflut mit den alten Staaten die alten
Staatsschulden wegzuschwemmen droht?
Auch
die industrielle Bourgeoisie ärgerte sich in ihrem
Ordnungsfanatismus über die Zänkereien der parlamentarischen
Ordnungspartei mit der Exekutivgewalt. Thiers, Anglès, Sainte-Beuve usw.
erhielten nach ihrem Votum vom 18. Januar, bei Gelegenheit der Absetzung
Changarniers, von ihren Mandatgebern gerade aus den industriellen Bezirken
öffentliche Zurechtweisungen, worin namentlich ihre Koalition mit der
Montagne als Hochverrat an der Ordnung gegeißelt wurde. Wenn wir gesehen
haben, daß die prahlerischen Neckereien, die kleinlichen Intrigen, worin
sich der Kampf der Ordnungspartei mit dem Präsidenten kundgab, keine
bessere Aufnahme verdienten, so war andererseits diese Bourgoeispartei,
die von ihren Vertretern verlangt, die Militärgewalt aus den Händen ihres
eignen Parlaments widerstandslos in die eines abenteuernden Prätendenten
übergehn zu lassen, nicht einmal der Intrigen wert, die in ihrem Interesse
verschwendet wurden. Sie bewies, daß der Kampf um die Behauptung ihres
öffentlichen Interesses, ihres eignen Klasseninteresses, ihrer
politischen Macht, sie als Störung des Privatgeschäfts nur
belästige und verstimme.
Die
bürgerlichen Honoratioren der Departemantalstädte, die Magistrate,
Handelsrichter usw. empfingen mit kaum einer Ausnahme Bonaparte überall
auf seinen Rundreisen in der servilsten Weise, selbst wenn er wie in Dijon
die Nationalversammlung und speziell die Ordnungspartei rückhaltlos
angriff.
Wenn
der Handel gut ging, wie noch Anfang 1851, tobte die kommerzielle
Bourgeoisie gegen jeden parlamentarischen Kampf, damit dem Handel ja nicht
der Humor ausgehe. Wenn der Handel schlecht ging, wie fortdauernd seit
Ende Februar 1851, klagte sie die parlamentarischen Kämpfe als Ursache der
Stockung an und schrie nach ihrem Verstummen, damit der Handel wieder laut
werde. Die Revisionsdebatten fielen gerade in diese schlechte Zeit.
<184> Da es sich hier um Sein oder Nichtsein der
bestehenden Staatsform handelte, fühlte sich die Bourgeoisie um so
berechtigter, von ihren Repräsentanten das Ende dieses folternden
Provisoriums und zugleich die Erhaltung des Status quo zu verlangen. Es
war dies kein Widerspruch. Unter dem Ende des Provisoriums verstand sie
gerade seine Fortdauer, das Hinausschieben des Augenblicks, wo es zu einer
Entscheidung kommen mußte, in eine blaue Ferne. Der Status quo konnte nur
auf zwei Wegen erhalten werden. Verlängerung der Gewalt Bonapartes oder
verfassungsmäßiger Abtritt desselben und Wahl Cavaignacs. Ein Teil der
Bourgeoisie wünschte die letztere Lösung und wußte seinen Repräsentanten
keinen bessern Rat zu geben, als zu schweigen, den brennenden Punkt
unberührt zu lassen. Wenn ihre Repräsentanten nicht sprächen, meinten sie,
werde Bonaparte nicht handeln. Sie wünschten sich ein Straußenparlament,
da seinen Kopf verstecke, um ungesehn zu bleiben. Ein andrer Teil der
Bourgeoisie wünschte Bonaparte, weil er einmal auf dem Präsidentenstuhl
saß, auf dem Präsidentenstuhl sitzenzulassen, damit alles im alten Gleise
bleibe. Es empörte sie, daß ihr Parlament nicht offen die Konstitution
brach und ohne Umstände abdankte.
Die
Generalräte der Departements, diese Provinzialvertretungen der großen
Bourgeoisie, die während der Ferien der Nationalversammlung vom 25. August
an tagten, erklärten sich fast einstimmig für die Revision, also gegen das
Parlament und für Bonaparte.
Noch
unzweideutiger als den Zerfall mit ihren parlamentarischen
Repräsentanten legte die Bourgeoisie ihre Wut über ihre literarischen
Vertreter, über ihre eigne Presse an den Tag. Die Verurteilungen zu
unerschwinglichen Geldsummen und zu schamlosen Gefängnisstrafen durch die
Bourgeois-Jurys für jeden Angriff der Bourgeois-Journalisten auf die
Usurpationsgelüste Bonapartes, für jeden Versuch der Presse, die
politischen Rechte der Bourgeoisie gegen die Exekutivgewalt zu
verteidigen, setzten nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa in
Erstaunen.
Wenn
die parlamentarische Ordnungspartei, wie ich gezeigt habe, durch
ihr Schreien nach Ruhe sich selbst zur Ruhe verwies, wenn sie die
politische Herrschaft der Bourgeoisie für unverträglich mit der Sicherheit
und dem Bestand der Bourgeoisie erklärte, indem sie im Kampfe gegen die
andern Klassen der Gesellschaft alle Bedingungen ihres eignen Regimes, des
parlamentarischen Regimes, mit eigner Hand vernichtete, so forderte
dagegen die außerparlamentarischen Masse der Bourgeoisie durch ihre
Servilität gegen den Präsidenten, durch ihre Schmähungen gegen das
Parlament, durch die brutale Mißhandlung der eignen Presse Bonaparte auf,
ihren sprechenden und schreibenden Teil, ihre Politiker und ihre
Literaten, ihre Rednertribüne und ihre <185>
Presse zu unterdrücken, zu vernichten, damit sie nun vertrauensvoll unter
dem Schutze einer starken und uneingeschränkten Regierung ihren
Privatgeschäften nachgehen könne. Sie erklärte unzweideutig, daß sie ihre
eigne politische Herrschaft loszuwerden schmachte, um die Mühen und
Gefahren der Herrschaft loszuwerden.
Und
sie, die sich schon gegen den bloß parlamentarischen und literarischen
Kampf für die Herrschaft der eignen Klasse empört und die Führer dieses
Kampfes verraten hatte, sie wagt jetzt nachträglich das Proletariat
anzuklagen, daß es nicht zum blutigen Kampfe, zum Kampfe auf Leben und Tod
für sie aufgestanden sei! Sie, die jeden Augenblick ihr allgemeines
Klasseninteresse, d.h. ihr politisches Interesse dem borniertesten,
schmutzigsten Privatinteresse aufopferte und an ihre Vertreter die
Zumutung eines ähnlichen Opfers stellte, sie jammert jetzt, das
Proletariat habe seine materiellen Interessen ihre idealen politischen
Interessen geopfert. Sie gebart sich als schöne Seele, die von dem durch
Sozialisten irregeleiteten Proletariat verkannt und im entscheidenden
Augenblicke verlassen worden sei. Und sie findet ein allgemeines Echo in
der bürgerlichen Welt. Ich spreche natürlich hier nicht von deutschen
Winkelpolitikern und Gesinnungslümmeln. Ich verweise z.B. auf denselben
“Economist”, der noch am 29. November 1851, also vier Tage vor dem
Staatsstreich, Bonaparte für die “Schildwache der Ordnung”, die Thiers und
Berryer aber für “Anarchisten” erklärt hatte und schon am 27. Dezember
1851, nachdem Bonaparte jene Anarchisten zur Ruhe gebracht hat, über den
Verrat schreit, den “ignorante, unerzogne, stupide Proletariermassen an
dem Geschick, der Kenntnis, der Disziplin, dem geistigen Einfluß, den
intellektuellen Hülfsquellen und dem moralischen Gewicht der mittleren und
höheren Gesellschaftsränge” verübt hätten. Die stupide, ignorante und
gemeine Masse war niemand anders als die Bourgeoisie selbst.
Frankreich hatte allerdings im Jahre 1851 eine Art von kleiner
Handelskrisis erlebt. Ende Februar zeigte sich Verminderung des Exports
gegen 1850, im März litt der Handel und schlossen sich die Fabriken, im
April schien der Stand der industriellen Departements so verzweifelt wie
nach den Februartagen, im Mai war das Geschäft noch nicht wieder
aufgelebt, noch am 28. Juni zeigte das Portefeuille der Bank von
Frankreich durch ein ungeheures Wachsen der Depositen und eine ebenso
große Abnahme der Vorschüsse auf Wechsel den Stillstand der Produktion,
und erst Mitte Oktober trat wieder eine progressive Besserung des
Geschäfts ein. Die französische Bourgeoisie erklärte sich diese
Handelsstockung aus rein politischen Gründen, aus dem Kampfe zwischen dem
Parlamente und der Exekutivgewalt, aus <186> der
Unsicherheit einer nur provisorischen Staatsform, aus der
Schreckensaussicht auf den zweiten [Sonntag des Monats] Mai 1852. Ich will
nicht leugnen, daß alle diese Umstände einige Industriezweige in Paris und
in den Departements herabdrückten. Jedenfalls war aber diese Einwirkung
der politischen Verhältnisse nur lokal und unerheblich. Bedarf es eines
andern Beweises, als daß die Besserung des Handels gerade in dem
Augenblicke eintrat, wo sich der politische Zustand verschlechterte, der
politische Horizont verdunkelte und jeden Augenblick ein Blitzstrahl aus
dem Elysium erwartet wurde, gegen Mitte Oktober? Der französische
Bourgeois, dessen “Geschick, Kenntnis, geistige Einsicht und
intellektuelle Hülfsquellen” nicht weiter reichen als seine Nase, konnte
übrigens während der ganzen Dauer der Industrieausstellung in London mit
der Nase auf die Ursache seiner Handelsmisere stoßen. Während in
Frankreich die Fabriken geschlossen wurden, brachen in England
kommerzielle Bankerutte aus. Während der industrielle Panik im April und
Mai einen Höhepunkt in Frankreich erreichte, erreichte der kommerzielle
Panik April und Mai einen Höhepunkt in England. Wie die französische litt
die englische Wollindustrie, wie die französische die englische
Seidenmanufaktur. Wenn die englischen Baumwollfabriken weiterarbeiteten,
geschah es nicht mehr mit demselben Profit wie 1849 und 1850. Der
Unterschied war nur der, daß die Krise in Frankreich industriell, in
England kommerziell, daß während in Frankreich die Fabriken stillsetzten,
sie sich in England ausdehnten, aber unter ungünstigeren Bedingungen als
in den vorhergehenden Jahren, daß in Frankreich der Export, in England der
Import die Hauptschläge erhielt. Die gemeinsame Ursache, die natürlich
nicht innerhalb der Grenzen des französisch-politischen Horizonts zu
suchen ist, war augenscheinlich. 1849 und 1850 waren Jahre der größten
materiellen Prosperität und einer Überproduktion, die erst 1851 als solche
hervortrat. Sie wurde im Anfang dieses Jahres durch die Aussicht auf die
Industrieausstellung noch besonders befördert. Als eigentümliche Umstände
kamen hinzu: erst der Mißwachs der Baumwollernte von 1850 und 1851, dann
die Sicherheit einer größern Baumwollernte als erwartet war, erst das
Steigen, dann das plötzliche Fallen, kurz die Schwankungen der
Baumwollpreise. Die Rohseidenernte war wenigstens in Frankreich noch unter
dem Durchschnittsertrag ausgefallen. Die Wollenmanufaktur endlich hatte
sich seit 1848 so sehr ausgedehnt, daß die Wollproduktion ihr nicht
nachfolgen konnte und der Preis der Rohwolle in einem großen
Mißverhältnisse zu dem Preise der Wollfabrikate stieg. Hier haben wir also
in dem Rohmaterial von drei Weltmarktsindustrien schon dreifaches Material
zu einer Handelsstockung. Von diesen besondern Umständen abgesehn, war die
scheinbare Krise des <187> Jahres 1851 nichts
anders als ein Halt, den Überproduktion und Überspekulation jedesmal in
der Beschreibung des industriellen Kreislaufes macht, bevor sie alle ihre
Kraftmittel zusammenrafft, um fieberhaft den letzten Kreisabschnitt zu
durchjagen und bei ihrem Ausgangspunkt, der allgemeinen Handelskrise,
wieder anzulangen. In solchen Intervallen der Handelsgeschichte brechen in
England kommerzielle Bankerutte aus, während in Frankreich die Industrie
selbst stillgesetzt wird, teils durch die gerade dann unerträglich
werdende Konkurrenz der Engländer auf allen Märkten zum Rückzug gezwungen,
teils als Luxusindustrie vorzugsweise von jeder Geschäftsstockung
angegriffen. So macht Frankreich außer den allgemeinen Krisen seine eignen
nationalen Handelskrisen durch, die jedoch weit mehr durch den allgemeinen
Stand des Weltmarktes als durch französische Lokaleinflüsse bestimmt und
bedingt werden. Es wird nicht ohne Interesse sein, dem Vorurteil des
französischen Bourgeois das Urteil des englischen Bourgeois
gegenüberzustellen. Eins der größten Liverpooler Häuser schreibt in seinem
Jahreshandelsbericht für 1851:
“Wenige Jahre haben die bei ihrem Beginn gehegten Antizipationen mehr
getäuscht als das eben abgelaufene; statt der großen Prosperität, der man
einstimmig entgegensah, bewies es sich als eins der entmutigendsten Jahre
seit einem Vierteljahrhundert. Es gilt dies natürlich nur von den
merkantilen, nicht von den industriellen Klassen. Und doch waren
sicherlich Gründe vorhanden, beim Beginne des Jahres auf das Gegenteil zu
schließen; die Produktenvorräte waren spärlich, Kapital überflüssig,
Nahrungsmittel wohlfeil, ein reicher Herbst war gesichert; ungebrochner
Friede auf dem Kontinent und keine politischen oder finanziellen Störungen
zu Hause: in der Tat, die Flügel des Handels waren nie fesselloser ... Wem
dies ungünstige Resultat zuschreiben? Wir glauben dem Überhandel
sowohl in Importen als Exporten. Wenn unsere Kaufleute nicht selbst ihre
Tätigkeit engere Grenzen ziehen, kann uns nichts im Gleise halten als alle
drei Jahr ein Panic.”
Man
stelle sich nun den französischen Bourgeois vor, wie mitten in diesem
Geschäftspanik sein handelskrankes Gehirn gefoltert, umschwirrt, betäubt
wird von Gerüchten über Staatsstreiche und Herstellung des allgemeinen
Wahlrechts, von dem Kampfe zwischen Parlament und Exekutivgewalt, von dem
Frondekrieg der Orleanisten und Legitimisten, von kommunistischen
Konspirationen in Südfrankreich, von angeblichen Jacquerien
<Bauernaufständen> in den Nièvre- und Cher-Departements, von den Reklamen
der verschiedenen Präsidentschaftskandidaten, von den marktschreierischen
Losungen der Journale, von den Drohungen der Republikaner, mit den Waffen
in der Hand die Konstitution und das allgemeine Stimmrecht behaupten zu
<188> wollen, von den Evangelien der emigrierten
Helden in partibus, die den Weltuntergang für den zweiten [Sonntag des
Monats] Mai 1852 anzeigten, und man begreift, daß der Bourgeois in dieser
unsäglichen, geräuschvollen Konfusion von Fusion, Revision, Prorogation,
Konstitution, Konspiration, Koalition, Emigration, Usurpation und
Revolution seiner parlamentarischen Republik toll zuschnaubt: “Lieber
ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohn' Ende!”
Bonaparte verstand diesen Schrei. Sein Begriffsvermögen wurde geschärft
durch den wachsenden Ungestüm von Gläubigern, die mit jedem
Sonnenuntergang, der den Verfallstag, den zweiten [Sonntag des Monats] Mai
1852 näherrückte, einen Protest der Gestirnbewegungen gegen ihre irdischen
Wechsel erblickten. Sie waren zu wahren Astrologen geworden. Die
Nationalversammlung hatte Bonaparte die Hoffnung auf konstitutionelle
Prorogation seiner Gewalt abgeschnitten, die Kandidatur des Prinzen von
Joinville gestattete kein längeres Schweigen.
Wenn
je ein Ereignis lange vor seinem Eintritt seinen Schatten vor sich
hergeworfen hat, so war es Bonapartes Staatsstreich. Schon am 29. Januar
1849, kaum einen Monat nach seiner Wahl, hatte er den Vorschlag dazu dem
Changarnier gemacht. Sein eigner Premierminister Odilon Barrot hatte im
Sommer 1849 verhüllt, Thiers im Winter 1850 offen die Politik der
Staatsstreiche denunziert. Persigny hatte im Mai 1851 Changarnier noch
einmal für den Coup zu gewinnen gesucht, der “Messager de l'Assemblée”
hatte diese Unterhandlung veröffentlicht. Die bonapartistischen Journale
drohten bei jedem parlamentarischen Sturme mit einem Staatsstreich, und je
näher die Krise rückte, desto lauter wurde ihr Ton. In den Orgien, die
Bonaparte jede Nacht mit männlichem und weiblichem swell mob
<Hochstaplergesindel> feierte, sooft die Mitternachtsstunde heranrückte
und reichliche Libationen die Zunge gelöst und die Phantasie erhitzt
hatten, wurde der Staatsstreich für den folgenden Morgen beschlossen. Die
Schwerter wurden gezogen, die Gläser klirrten, die Repräsentanten flogen
zum Fenster hinaus, der Kaisermantel fiel auf die Schultern Bonapartes,
bis der nächste Morgen wieder den Spuk vertrieb und das erstaunte Paris
von wenig verschlossenen Vestalinnen und indiskreten Paladinen die Gefahr
erfuhr, der es noch einmal entwischt war. In den Monaten September und
Oktober überstürzten sich die Gerüchte von einem coup d'état. Der Schatten
nahm zugleich Farbe an, wie ein buntes Daguerreotyp. Man schlage die
Monatsgänge für September und Oktober in den Organen der europäischen
Tagespresse nach, und man wird wörtlich Andeutungen
<189> wie folgende finden: “Staatsstreichgerüchte erfüllen Paris.
Die Hauptstadt soll während der Nacht mit Truppen gefüllt werden und der
andre Morgen Dekrete bringen, die die Nationalversammlung auflösen, das
Departement der Seine in Belagerungszustand versetzen, das allgemeine
Wahlrecht wiederherstellen, ans Volk appellieren. Bonaparte soll Minister
für die Ausführung dieser illegalen Dekrete suchen.” Die Korrespondenzen,
die diese Nachrichten bringen, enden stets verhängnisvoll mit
“aufgeschoben”. Der Staatsstreich war stets die fixe Idee Bonapartes.
Mit dieser Idee hatte er den französischen Boden wieder betreten. Sie
besaß ihn so sehr, daß er sie fortwährend verriet und ausplauderte. Er war
so schwach, saß er sie ebenso fortwährend wieder aufgab. Der Schatten des
Staatsstreiches war den Parisern als Gespenst so familiär geworden, daß
sie nicht an ihn glauben wollten, als er endlich in Fleisch und Blut
erschien. Es war also weder die verschlossene Zurückhaltung des Chefs der
Gesellschaft vom 10. Dezember, noch eine ungeahnte Überrumpelung von
seiten der Nationalversammlung, was den Staatsstreich gelingen ließ. Wenn
er gelang, gelang er trotz seiner Indiskretion und mit ihrem
Vorwissen, ein notwendiges, unvermeidliches Resultat der vorhergegangenen
Entwicklung.
Am
10. Oktober kündete Bonaparte seinen Ministern den Entschluß an, das
allgemeine Wahlrecht wiederherstellen zu wollen, am 16. gaben sie ihre
Entlassung, am 26. erfuhr Paris die Bildung des Ministeriums Thorigny. Der
Polizeipräfekt Carlier wurde gleichzeitig durch Maupas ersetzt, der Chef
der ersten Militärdivision, Magnan, zog die zuverlässigsten Regimenter in
der Hauptstadt zusammen. Am 4. November eröffnete die Nationalversammlung
wieder ihre Sitzungen. Sie hatte nichts mehr zu tun, als in einem kurzen
bündigen Repetitorium des Kursus, den sie durchgemacht hatte, zu
wiederholen und zu beweisen, das sie erst begraben wurde, nachdem sie
gestorben war.
Der
erste Posten, des sie im Kampf mit der Exekutivgewalt eingebüßt hatte, war
das Ministerium. Sie mußte diesen Verlust feierlich eingestehn, indem sie
das Ministerium Thorigny, ein bloßes Scheinministerium, als voll hinnahm.
Die Permanenzkommission hatte Herrn Giraud mit Lachen empfangen, als er
sich im Namen der neuen Minister vorstellte. Ein so schwaches Ministerium
für so starke Maßregeln wie die Wiederherstellung des allgemeinen
Wahlrechts! Aber es handelte sich eben darum, nichts im Parlament,
alles gegen das Parlament durchzusetzen.
Gleich am ersten Tag ihrer Wiedereröffnung erhielt die Nationalversammlung
die Botschaft Bonapartes, worin er Wiederherstellung des allgemeinen
Wahlrechts und Abschaffung des Gesetzes vom 31. Mai 1850
<190> verlangte. Seine Minister brachten an demselben Tage ein
Dekret in diesem Sinne ein. Die Versammlung verwarf den
Dringlichkeitsantrag der Minister sofort und das Gesetz selbst am 13.
November, mit 355 gegen 348 Stimmen. Sie zerriß so noch einmal ihr Mandat,
sie bestätigte noch einmal, daß sie sich aus der freigewählten
Repräsentation des Volkes in das usurpatorische Parlament einer Klasse
verwandelt, sie bekannte noch einmal, daß sie selbst die Muskeln
entzweigeschnitten hatte, die den parlamentarischen Kopf mit dem Körper
der Nation verbanden.
Wenn
die Exekutivgewalt durch ihren Antrag auf Wiederherstellung des
allgemeinen Wahlrechts von der Nationalversammlung an das Volk,
appellierte die gesetzgebende Gewalt durch ihre Quästorenbill von dem
Volke an die Armee. Diese Quästorenbill sollte ihr Recht auf unmittelbare
Requisition der Truppen, auf Bildung einer parlamentarischen Armee
festsetzen. Wenn sie so die Armee zum Schiedsrichter zwischen sich und dem
Volke, zwischen sich und Bonaparte ernannte, wenn sie die Armee als
entscheidende Staatsgewalt anerkannte, mußte sie andererseits bestätigen,
daß sie längst den Anspruch auf Herrschaft über dieselbe aufgegeben habe.
Indem sie, statt sofort Truppen zu requirieren, das Recht der Requisition
debattierte, verriet sie den Zweifel an ihrer eignen Macht. Indem sie die
Quästorenbill verwarf, gestand sie offen ihre Ohnmacht. Diese Bill fiel
durch mit einer Minorität von 108 Stimmen, die Montagne hatte so den
Ausschlag gegeben. Sie befand sich in der Lage von Buridans Esel, zwar
nicht zwischen zwei Säcken Heu, um zu entscheiden welcher der
anziehendere, wohl aber zwischen zwei Trachten Prügel, um zu entscheiden,
welche die härtere sei. Auf der einen Seite die Furcht vor Changarnier,
auf der andern die Furcht vor Bonaparte. Man muß gestehn, daß die Lage
keine heroische war.
Am
18. November wurde zu dem von der Ordnungspartei eingebrachten Gesetz über
die Kommunalwahl das Amendement gestellt, daß statt drei Jahre ein Jahr
Domizil für die Kommunalwähler genügen solle. Das Amendement fiel mit
einer einzigen Stimme durch, aber diese eine Stimme stellte sich sofort
als ein Irrtum heraus. Die Ordnungspartei hatte durch Zersplitterung in
ihre feindlichen Fraktionen längst ihre selbständig-parlamentarische
Majorität eingebüßt. Sie zeigte jetzt, daß überhaupt keine Majorität im
Parlament mehr vorhanden war. Die Nationalversammlung war
beschlußunfähig geworden. Ihre atomistischen Bestandteile hingen durch
keine Kohäsionskraft mehr zusammen, sie hatte ihren letzten Lebensatem
verbraucht, sie war tot.
Die
außerparlamentarische Masse der Bourgeoisie endlich sollte ihren Bruch mit
der Bourgeoisie im Parlamente noch einmal einige Tage vor der
<191> Katastrophe feierlich bestätigen. Thiers,
als parlamentarischer Held vorzugsweise von der unheilbaren Krankheit des
parlamentarischen Kretinismus angesteckt, hatte nach dem Tode des
Parlaments eine neue parlamentarische Intrige mit dem Staatsrate
ausgeheckt, ein Verantwortlichkeitsgesetz, das den Präsidenten in die
Schranken der Verfassung festbannen sollte. Wie Bonaparte am 15. September
bei Grundlegung zu den neuen Markthallen von Paris die dames des halles,
die Fischweiber, als zweiter Masinielllo bezaubert hatte - allerdings wog
ein Fischweib an realer Gewalt 17 Burggrafen auf -, wie er nach Vorlegung
der Quästorenbill die in dem Elysée traktierten Leutnants begeisterte, so
riß er jetzt am 25. November die industrielle Bourgeoisie mit sich fort,
die im Zirkus versammelt war, um aus seiner Hand Preismedaillen für die
Londoner Industrieausstellung entgegenzunehmen. Ich gebe den bezeichnenden
Teil seiner Rede nach dem “Journal des Débats”:
“Mit
solch unverhofften Erfolgen bin ich berechtigt zu wiederholen, wie groß
die französische Republik sein würde, wenn es ihr gestattet wäre, ihre
realen Interessen zu verfolgen und ihre Institutionen zu reformieren,
statt beständig gestört zu werden einerseits durch die Demagogen,
andererseits durch die monarchischen Halluzinationen. (Lauter, stürmischer
und wiederholter Applaus von jedem Teil des Amphitheaters.) Die
monarchischen Halluzinationen verhindern allen Fortschritt und alle
ernsten Industriezweige. Statt des Fortschritts nur Kampf. Man sieht
Männer, die früher die eifrigsten Stützen der königlichen Autorität und
Prärogative waren, Parteigänger eines Konvents werden, bloß um die
Autorität zu schwächen, die aus dem allgemeinen Stimmrecht entsprungen
ist. (Lauter und wiederholter Applaus.) Wir sehen Männer, die am meisten
von der Revolution gelitten und sie am meisten bejammert haben, eine neue
provozieren, und nur um den Willen der Nation zu fesseln ... Ich
verspreche Euch Ruhe für die Zukunft etc. etc. (Bravo, Bravo, stürmisches
Bravo)”
So
klatscht die industrielle Bourgeoisie dem Staatsstreich vom 2. Dezember,
der Vernichtung des Parlaments, dem Untergang ihrer eignen Herrschaft, der
Diktatur Bonapartes ihr serviles Bravo zu. Der Beifallsdonner vom 25.
November erhielt seine Antwort in dem Kanonendonner vom 4. Dezember, und
das Haus des Herrn Sallandrouze, der die meisten Bravos geklatscht hatte,
wurde von den meisten Bomben zerklatscht.
Cromwell, als er das Lange Parlament auflöste, begab sich allein in die
Mitte desselben, zog seine Uhr heraus, damit es keine Minute über die von
ihm festgesetzte Frist fortexistiere, und verjagte jedes einzelne
Parlamentsmitglied mit heiter humoristischen Schmähungen. Napoleon,
kleiner als sein Vorbild, begab sich am 18. Brumaire wenigstens in den
gesetzgebenden Körper und verlaß ihm, wenn auch mit beklommener Stimme,
sein Todesurteil. Der zweite Bonaparte, der sich übrigens im Besitz einer
ganz andern <192> Exekutivgewalt befand als
Cromwell oder Napoleon, suchte sein Vorbild nicht in den Annalen der
Weltgeschichte, sondern in den Annalen der Gesellschaft vom 10. Dezember,
in den Annalen der Kriminalgeschichte. Er bestiehlt die Bank von
Frankreich um 25 Millionen Francs, kauft den General Magnan mit einer
Million, die Soldaten Stück für Stück mit 15 Francs und mit Schnaps,
findet sich wie ein Dieb in der Nacht mit seinen Spießgesellen heimlich
zusammen, läßt in die Häuser der gefährlichsten Parlamentsführer
einbrechen und Cavaignac, Lamoricière, Le Flô, Changarnier, Charras,
Thiers, Baze etc. aus ihren Betten entführen, die Hauptplätze von Paris
sowie das Parlamentsgebäude mit Truppen besetzen und früh am Morgen
marktschreierische Plakate an allen Mauern anschlagen, worin die Auflösung
der Nationalversammlung und des Staatsrats, die Wiederherstellung des
allgemeinen Wahlrechts und die Versetzung des Seine-Departements in
Belagerungszustand verkündet werden. So rückt er kurz nachher ein falsche
Dokument in den “Moniteur” ein, wonach einflußreiche parlamentarische
Namen sich in einer Staatskonsulta um ihn gruppiert hätten.
Das
im Mairiegebäude des 10. Arrondissements versammelte Rumpfparlament,
hauptsächlich aus Legitimisten und Orleanisten bestehend, beschließt unter
dem wiederholten Rufe: “Es lebe die Republik”, die Absetzung Bonapartes,
harangiert umsonst die vor dem Gebäude gaffende Masse und wird endlich
unter dem Geleite afrikanischer Scharfschützen erst in die Kaserne d'Orsay
geschleppt, später in Zellenwagen verpackt und nach den Gefängnissen von
Mazas, Ham und Vincennes transportiert. So endet die Ordnungspartei, die
legislative Versammlung und die Februarrevolution. Ehe wir zum Schluß
eilen, kurz das Schema ihrer Geschichte:
Erste Periode. Vom 24. Februar bis 4. März 1848. Februarperiode.
Prolog. Allgemeiner Verbrüderungsschwindel.
Zweite Periode. Periode der Konstituierung der Republik und der
konstituierenden Nationalversammlung
4.
Mai bis 25. Juni 1848. Kampf sämtlicher Klassen gegen das Proletariat.
Niederlage des Proletariat in den Junitagen.
25.
Juni bis 10. Dezember 1848. Diktatur der reinen Bourgeois-Republikaner.
Entwerfung der Konstitution. Verhängung des Belagerungszustandes über
Paris. Die Bourgeoisdiktatur am 10. Dezember beseitigt durch die Wahl
Bonapartes zum Präsidenten.
20.
Dezember 1848 bis 28. Mai 1849. Kampf der Konstituante mit Bonaparte und
der mit ihm vereinigten Ordnungspartei. Untergang der Konstituante. Fall
der republikanischen Bourgeoisie.
Dritte Periode. Periode der konstitutionellen Republik und der
legislativen Nationalversammlung.
28.
Mai 1849 bis 13. Juni 1849. Kampf der Kleinbürger mit der Bourgeoisie und
mit Bonaparte. Niederlage der kleinbürgerlichen Demokratie.
13.
Juni 1849 bis 31. Mai 1850. Parlamentarische Diktatur der Ordnungspartei.
Vollendet ihre Herrschaft durch Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts,
verliert aber das parlamentarische Ministerium.
31.
Mai 1850 bis 2. Dezember 1851. Kampf zwischen der parlamentarischen
Bourgeoisie und Bonaparte.
31.
Mai 1850 bis 12. Januar 1851. Das Parlament verliert den Oberbefehl über
die Armee.
12.
Januar bis 11. April 1851. Es unterliegt in den Versuchen, sich der
Administrativgewalt wieder zu bemächtigen. Die Ordnungspartei verliert die
selbständige parlamentarische Majorität. Ihre Koalition mit den
Republikanern und der Montagne.
11.
April 1851 bis 9. Oktober 1851 Revisions-, Fusions-, Prorogationsversuche.
Die Ordnungspartei löst sich in ihre einzelnen Bestandteile auf. Der Bruch
des Bourgeoisparlaments und der Bourgeoispresse mit der Bourgeoismasse
konsolidiert sich.
9.
Oktober bis 2. Dezember 1851. Offner Bruch zwischen dem Parlament und der
Exekutivgewalt. Es vollzieht seinen Sterbeakt und unterliegt, von der
eigenen Klasse, von der Armee, von allen übrigen Klassen im Stiche
gelassen. Untergang des parlamentarischen Regimes und der
Bourgeoisherrschaft. Sieg Bonapartes. Imperialistische
Restaurationsparodie.
VII
<194> Die soziale Republik
erschien als Phrase, als Prophezeiung an der Schwelle der
Februarrevolution. In den Junitagen 1848 wurde sie im Blute des Pariser
Proletariats erstickt, aber sie geht in den folgenden Akten des Dramas
als Gespenst um. Die demokratische Republik kündigte sich an. Sie
verpufft am 13. Juni 1849 mit ihren davongelaufenen Kleinbürgern,
aber im Fliehen wirft sie doppelt renommierende Reklamen hinter sich. Die
parlamentarische Republik mit der Bourgeoisie bemächtigt sich der
ganzen Bühne, sie lebt sich aus in der vollen Breite ihrer Existenz, aber
der 2. Dezember 1851 begräbt sie unter dem Angstgeschrei der koalisierten
Royalisten: “Es lebe die Republik!”
Die
französische Bourgeoisie bäumte sich gegen die Herrschaft des arbeitenden
Proletariats, sie hat das Lumpenproletariat zur Herrschaft gebracht, an
der Spitze den Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember. Die Bourgeoisie
hielt Frankreich in atemloser Furcht vor den zukünftigen Schrecken der
roten Anarchie; Bonaparte eskomptierte ihr diese Zukunft, als er am 4.
Dezember die vornehmen Bürger des Boulevard Montmartre und des Boulevard
des Italiens durch die schnapsbegeisterte Armee der Ordnung von ihren
Fenstern herabschießen ließ. Sie apotheosierte den Säbel; der Säbel
beherrscht sie. Sie vernichtet die revolutionäre Presse; ihre eigne Presse
ist vernichtet. Sie stellte die Volksversammlungen unter Polizeiaufsicht;
ihre Salons stehen unter der Aufsicht der Polizei. Sie löste die
demokratischen Nationalgarden auf; ihre eigne Nationalgarde ist aufgelöst.
Sie verhing den Belagerungszustand; der Belagerungszustand ist über sie
verhängt. Sie verdrängt die Jurys durch Militärkommissionen, ihre Jurys
sind durch Militärkommissionen verdrängt. Sie unterwarf den
Volksunterricht den Pfaffen; die Pfaffen unterwerfen sie ihrem eignen
Unterricht. Sie transportierte ohne Urteil; sie wird ohne Urteil
transportiert. Sie unterdrückte jede Regung der Gesellschaft durch die
Staatsmacht; jede Regung ihrer Gesellschaft wird <195>
durch die Staatsmacht erdrückt. Sie rebellierte aus Begeisterung für ihren
Geldbeutel gegen ihre eignen Politiker und Literaten; ihre Politiker und
Literaten sind beseitigt, aber ihr Geldbeutel wird geplündert, nachdem
sein Mund geknebelt und seine Feder zerbrochen ist. Die Bourgeoisie rief
der Revolution unermüdlich zu wie der heilige Arsenius den Christen:
“Fuge, tace, quisce! Fliehe, schweige, ruhe!” Bonaparte ruft der
Bourgeoisie zu: “Fuge, tace, quisce! Fliehe, schweige, ruhe!”
Die
französische Bourgeoisie hatte längst das Dilemma Napoleons gelöst: “Dans
cinquante ans l'Europe sera républicaine ou cosaque.” <“In fünfzig Jahren
wird Europa republikanisch sein oder kosakisch.”> Sie hatte es gelöst in
der “république cosaque” <“kosakischen Republik”>. Keine Circe hat das
Kunstwerk der bürgerlichen Republik durch bösen Zauber in eine Ungestalt
verzerrt. Jene Republik hat nichts verloren als den Schein der
Respektabilität. Das jetzige Frankreich war fertig in der
parlamentarischen Republik enthalten. Es bedurfte nur eines
Bajonettstichs, damit die Blase platze und das Ungeheuer in die Augen
springe.
Warum hat sich das Pariser Proletariat nicht nach dem 2. Dezember erhoben?
Noch
war der Sturz der Bourgeoisie erst dekretiert, das Dekret war nicht
vollzogen. Jeder ernste Aufstand des Proletariats hätte sie sofort neu
belebt, mit der Armee ausgesöhnt und den Arbeitern eine zweite
Juniniederlage gesichert.
Am
4. Dezember wurde das Proletariat von Bourgeois und Épicier <Krämer> zum
Kampfe aufgestachelt. Am Abende dieses Tages versprachen mehrere Legionen
der Nationalgarde, bewaffnet und uniformiert auf dem Kampfplatze zu
erscheinen. Bourgeois und Épicier waren nämlich dahintergekommen, daß
Bonaparte in einem seiner Dekrete vom 2. Dezember das geheime Votum
abschaffte und ihnen anbefahl, in den offiziellen Registern hinter ihre
Namen ihr Ja oder nein einzutragen. Der Widerstand vom 4. Dezember
schüchterte Bonaparte ein. Während der Nacht ließ er an allen Straßenecken
von Paris Plakate anschlagen, welche die Wiederherstellung des geheimen
Votums verkündeten. Bourgeois und Épicier glaubten, ihren Zweck erreicht
zu haben. Wer nicht am andern Morgen erschien, waren Épicier und
Bourgeois.
Das
Pariser Proletariat war durch einen Handstreich Bonapartes während der
Nacht vom 1. auf den 2. Dezember seiner Führer, der Barrikadenchefs,
beraubt worden. Eine Armee ohne Offiziere, durch die Erinnerungen vom Juni
1848 und 1849 und vom Mai 1850 abgeneigt, unter dem Banner der
<196> Montagnards zu kämpfen, überließ es seiner
Avantgarde, den geheimen Gesellschaften, die Rettung der insurrektionellen
Ehre von Paris, welche die Bourgeoisie so widerstandslos der Soldateska
preisgab, daß Bonaparte später die Nationalgarde mit dem höhnischen Motive
entwaffnen konnte: Er fürchte, daß ihre Waffen gegen sie selbst von den
Anarchisten mißbraucht werden würden!
“C est le triomphe complet et définitif du socialisme!” <“Das ist der
vollständige und endgültige Triumph des Sozialismus!”> So charakterisierte
Guizot den 2. Dezember. Aber wenn der Sturz der parlamentarischen Republik
dem Keime nach den Triumph der proletarischen Revolution in sich enthält,
so war ihr nächstes handgreifliches Resultat der Sieg Bonapartes über
das Parlament, der Exekutivgewalt über die Legislativgewalt, der Gewalt
ohne Phrase über die Gewalt der Phrase. In dem Parlamente erhob die
Nation ihren allgemeinen Willen zum Gesetze, d.h. das Gesetz der
herrschenden Klasse zu ihrem allgemeinen Willen. Vor der Exekutivgewalt
dankt sie jeden eignen Willen ab und unterwirft sich dem Machtgebot des
fremden, der Autorität. Die Exekutivgewalt im Gegensatz zur Legislativen
drückt die Heteronomie der Nation im Gegensatz zu ihrer Autonomie aus.
Frankreich scheint also nur der Despotie einer Klasse entlaufen, um unter
die Despotie eines Individuums zurückzufallen, und zwar unter die
Autorität eines Individuums ohne Autorität. Der Kampf scheint so
geschlichtet, daß alle Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem
Kolben niederknien.
Aber
die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das
Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode. Bis zum 2.
Dezember 1851 hatte sie die eine Hälfte ihrer Vorbereitung absolviert, sie
absolviert jetzt die andre. Sie vollendete erst die parlamentarische
Gewalt, um sie stürzen zu können. Jetzt, wo sie dies erreicht, vollendet
sie die Exekutivgewalt, reduziert sie auf ihren reinsten Ausdruck,
isoliert sie, stellt sie sich als einzigen Vorwurf gegenüber, um alle ihre
Kräfte der Zerstörung gegen sie zu konzentrieren. Und wenn sie diese
zweite Hälfte ihrer Vorarbeit vollbracht hat, wird Europa von seinem Sitze
aufspringen und jubeln: Brav gewühlt, alter Maulwurf!
Diese Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bürokratischen und militärischen
Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie,
ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer
andern halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie
eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt und ihr
alle Poren verstopft, entstand in der Zeit der absoluten Monarchie, beim
Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half. Die herrschaftlichen
<197> Privilegien der Grundeigentümer und Städte
verwandelten sich in ebenso viele Attribute der Staatsgewalt, die feudalen
Würdenträger in bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der
widerstreitenden mittelalterlichen Machtvollkommenheiten in den geregelten
Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig geteilt und zentralisiert
ist. Die erste französische Revolution mit ihrer Aufgabe, alle lokalen,
territorialen, städtischen und provinziellen Sondergewalten zu brechen, um
die bürgerliche Einheit der Nation zu schaffen, mußte entwickeln, was die
absolute Monarchie begonnen hatte: die Zentralisation, aber zugleich den
Umfang, die Attribute und die Handlanger der Regierungsgewalt. Napoleon
vollendete diese Staatsmaschinerie. Die legitime Monarchie und die
Julimonarchie fügten nichts hinzu als eine größere Teilung der Arbeit, in
demselben Maße wachsend, als die Teilung der Arbeit innerhalb der
bürgerlichen Gesellschaft neue Gruppen von Interessen schuf, also neues
Material für die Staatsverwaltung. Jedes gemeinsame Interesse wurde
sofort von der Gesellschaft losgelöst, als höheres, allgemeines
Interesse ihr gegenübergestellt, der Selbsttätigkeit der
Gesellschaftsglieder entrissen und zum Gegenstand der Regierungstätigkeit
gemacht, von der Brücke, dem Schulhaus und dem Kommunalvermögen einer
Dorfgemeinde bis zu den Eisenbahnen, dem Nationalvermögen und der
Landesuniversität Frankreichs. Die parlamentarische Republik endlich sah
sich in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den
Repressivmaßregeln die Mittel und die Zentralisation der Regierungsgewalt
zu verstärken. Alle Umwälzungen vervollkommneten die Maschine statt sie zu
brechen. Die Parteien, die abwechselnd um die Herrschaft rangen,
betrachteten die Besitznahme dieses ungeheueren Staatsgebäudes als die
Hauptbeute des Siegers.
Aber
unter der absoluten Monarchie, während der ersten Revolution, unter
Napoleon war die Bürokratie nur das Mittel, die Klassenherrschaft der
Bourgeoisie vorzubereiten. Unter der Restauration, unter Louis-Philippe,
unter der parlamentarischen Republik war sie das Instrument der
herrschenden Klasse, so sehr sie auch nach Eigenmacht strebte.
Erst
unter dem zweiten Bonaparte scheint sich der Staat völlig verselbständigt
zu haben. Die Staatsmaschinerie hat sich der bürgerlichen Gesellschaft
gegenüber so befestigt, daß an der Spitze der Chef der Gesellschaft vom
10. Dezember genügt, ein aus der Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf
den Schild gehoben von einer trunkenen Soldateska, die er durch Schnaps
und Würste erkauft hat, nach der er stets von neuem mit der Wurst werfen
muß. Daher die kleinlaute Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten
Demütigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen
Atem stocken läßt. Es fühlt sich wie entehrt.
<198> Und dennoch schwebt die Staatsgewalt nicht
in der Luft. Bonaparte vertritt eine Klasse, und zwar die zahlreichste
Klasse der französischen Gesellschaft, die Parzellenbauern.
Wie
die Bourbons die Dynastie des großen Grundeigentums, wie die Orléans die
Dynastie des Geldes, so sind die Bonapartes die Dynastie der Bauern, d.h.
der französischen Volksmasse. Nicht der Bonaparte, der sich dem
Bourgeoisparlamente unterwarf, sondern der Bonaparte, der das
Bourgeoisparlament auseinanderjagte, ist der Auserwählte der Bauern. Drei
Jahre war es den Städten gelungen, den Sinn der Wahl vom 10. Dezember zu
verfälschen und die Bauern um die Wiederherstellung des Kaiserreichs zu
prellen. Die Wahl vom 10. Dezember 1848 ist erst erfüllt worden durch den
coup d'état vom 2. Dezember 1851.
Die
Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in gleicher
Situation leben, aber ohne in mannigfache Beziehung zueinander zu treten.
Ihre Produktionsweise isoliert sie voneinander, statt sie in
wechselseitigen Verkehr zu bringen. Die Isolierung wird gefördert durch
die schlechten französischen Kommunikationsmittel und die Armut der
Bauern. Ihr Produktionsfeld, die Parzelle, läßt in seiner Kultur keine
Teilung der Arbeit zu, keine Anwendung der Wissenschaft, also keine
Mannigfaltigkeit der Entwicklung, keine Verschiedenheit der Talente,
keinen Reichtum der gesellschaftlichen Verhältnisse. Jede einzelne
Bauernfamilie genügt beinah sich selbst, produziert unmittelbar selbst den
größten Teil ihres Konsums und gewinnt so ihr Lebensmaterial mehr im
Austausche mit der Natur als im Verkehr mit der Gesellschaft. Die
Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andre Parzelle, ein
andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf, und
ein Schock Dörfer macht ein Departement. So wird die große Masse der
französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleichnamiger
Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet.
Insofern Millionen von Familien unter ökonomischen Existenzbedingungen
leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und ihre Bildung, von denen
der andern Klassen trennen und ihnen feindlich gegenüberstellen, bilden
sie eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammenhang unter den
Parzellenbauern besteht, die Dieselbigkeit ihrer Interessen keine
Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische
Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind daher
unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein
Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich
nicht vertreten, sie müssen vertreten werden. Ihr Vertreter muß zugleich
als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine
unumschränkte Regierungs- <199> gewalt, die sie
vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein
schickt. Der politische Einfluß der Parzellenbauern findet also darin
seinen letzten Ausdruck, daß die Exekutivgewalt sich die Gesellschaft
unterordnet.
Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen
Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit
wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich für diesen
Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, infolge des Code Napoléon,
der anbefiehlt: “La recherche de la paternité est interdite.” <“Die
Nachforschung nach der Vaterschaft ist untersagt.”> Nach zwanzigjähriger
Vagabundage und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt sich die
Sage, und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe Idee des Neffen
verwirklicht sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse
der Franzosen zusammenfiel.
Aber, wird man mir einwerfen, die Bauernaufstände in halb Frankreich, die
Treibjagden der Armee auf die Bauern, die massenhafte Einkerkerung und
Transportation der Bauern?
Seit
Ludwig XIV. hat Frankreich keine ähnliche Verfolgung der Bauern “wegen
demagogischer Umtriebe” erlebt.
Aber
man verstehe wohl. Die Dynastie Bonaparte repräsentiert nicht den
revolutionären, sondern den konservativen Bauern, nicht den Bauern, der
über seine soziale Existenzbedingung, die Parzelle hinausdrängt, sondern
der sie vielmehr befestigen will, nicht das Landvolk, das durch eigne
Energie im Anschluß an die Städte die alte Ordnung umstürzen, sondern
umgekehrt dumpf verschlossen in dieser alten Ordnung sich mitsamt seiner
Parzelle von dem Gespenste des Kaisertums gerettet und bevorzugt sehen
will. Sie repräsentiert nicht die Aufklärung, sondern den Aberglauben des
Bauern, nicht sein Urteil, sondern sein Vorurteil, nicht seine Zukunft,
sondern seine Vergangenheit, nicht seine modernen Cevennen, sondern seine
moderne Vendée.
Die
dreijährige harte Herrschaft der parlamentarischen Republik hatte einen
Teil der französischen Bauern von der napoleonischen Illusion befreit und,
wenn auch nur oberflächlich, revolutioniert; aber die Bourgeoisie warf sie
gewaltsam zurück, sooft sie sich in Bewegung setzten. Unter der
parlamentarischen Republik rang das moderne mit dem traditionellen
Bewußtsein der französischen Bauern. Der Prozeß ging vor sich in der Form
eines unaufhörlichen Kampfes zwischen den Schulmeistern und den Pfaffen.
Die Bourgeoisie schlug die Schulmeister nieder. Die Bauern machten zum
<200> ersten Mal Anstrengungen, der
Regierungstätigkeit gegenüber sich selbständig zu verhalten. Es erschien
dies in dem fortgesetzten Konflikte der Maires mit den Präfekten. Die
Bourgeoisie setzte die Maires ab. Endlich erhoben sich die Bauern
verschiedener Orte während der Periode der parlamentarischen Republik
gegen ihre eigne Ausgeburt, die Armee. Die Bourgeoisie bestrafte sie mit
Belagerungszuständen und Exekutionen. Und dieselbe Bourgeoisie schreit
jetzt über die Stupidität der Massen, der vile multitude <des gemeinen
Pöbels>, die sie an Bonaparte verraten habe. Sie selbst hat den
Imperialismus der Bauernklasse gewaltsam befestigt, sie hielt die Zustände
fest, die die Geburtsstätte dieser Bauernreligion bilden. Allerdings muß
die Bourgeoisie die Dummheit der Massen fürchten, solange sie konservativ
bleiben, und die Einsicht der Massen, sobald sie revolutionär werden.
In
den Aufständen nach dem coup d'état protestierte in Teil der französischen
Bauern mit den Waffen in der Hand gegen sein eignes Votum vom 10. Dezember
1848. Die Schule seit 1848 hatte sie gewitzigt. Allein sie hatten sich der
geschichtlichen Unterwelt verschrieben, die Geschichte hielt sie beim
Worte, und noch war die Mehrzahl so befangen, daß gerade in den rotesten
Departements die Bauernbevölkerung öffentlich für Bonaparte stimmte. Die
Nationalversammlung hatte ihn nach ihrer Ansicht am Gehen verhindert. Er
hatte jetzt nur die Fessel gebrochen, die die Städte dem Willen des Landes
angelegt. Sie trugen sich stellenweise sogar mit der grotesken
Vorstellung: neben einem Napoleon ein Konvent.
Nachdem die erste Revolution die halbhörigen Bauern in freie
Grundeigentümer verwandelt hatte, befestigte und regelte Napoleon die
Bedingungen, worin sie ungestört den eben erst ihnen anheimgefallenen
Boden Frankreichs ausbeuten und die jugendliche Lust am Eigentum büßen
konnten. Aber woran der französische Bauer jetzt untergeht, es ist seine
Parzelle selbst, die Teilung des Grund und Bodens, die Eigentumsform, die
Napoleon in Frankreich konsolidierte. Es sind eben die materiellen
Bedingungen, die den französischen Feudalbauer zum Parzellenbauer und
Napoleon zum Kaiser machten. Zwei Generationen haben hingereicht, um das
unvermeidliche Resultat zu erzeugen: progressive Verschlechterung des
Ackerbaus, progressive Verschuldung des Ackerbauers. Die “Napoleonische”
Eigentumsform, die im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts die Bedingung
für die Befreiung und die Bereicherung des französischen Landvolks war,
hat sich im Laufe dieses Jahrhunderts als das Gesetz ihrer Sklaverei und
ihres Pauperismus entwickelt. Und eben dies Gesetz ist die erste der
“idées napo- <201> léoniennes”, die der zweite
Bonaparte zu behaupten hat. Wenn er mit den Bauern noch die Illusion
teilt, nicht im Parzelleneigentum selbst, sondern außerhalb, im Einflusse
sekundärer Umstände die Ursache ihres Ruins zu suchen, so werden seine
Experimente wie Seifenblasen an den Produktionsverhältnissen zerschellen.
Die
ökonomische Entwicklung des Parzelleneigentums hat das Verhältnis der
Bauern zu den übrigen Gesellschaftsklassen von Grund auf verkehrt. Unter
Napoleon ergänzte die Parzellierung des Grund und Bodens auf dem Lande die
freie Konkurrenz und die beginnende große Industrie in den Städten. Die
Bauernklasse war der allgegenwärtige Protest gegen die eben erst gestürzte
Grundaristokratie. Die Wurzeln, die das Parzelleneigentum in dem
französischen Grund und Boden schlug, entzogen dem Feudalismus jeden
Nahrungsstoff. Seine Grenzpfähle bildeten das natürliche Befestigungswerk
der Bourgeoisie gegen jeden Handstreich ihrer alten Oberherrn. Aber im
Laufe des neunzehnten Jahrhunderts trat an die Stelle des Feudalen der
städtische Wucherer, an die Stelle des aristokratischen Grundeigentums das
bürgerliche Kapital. Die Parzelle des Bauern ist nur noch der Vorwand, der
dem Kapitalisten erlaubt, Profit, Zinsen und Rente von dem Acker zu ziehn
und den Ackerbauer selbst zusehn zu lassen, wie er seinen Arbeitslohn
herausschlägt. Die auf dem französischen Boden lastende Hypothekarschuld
legt der französischen Bauernschaft einen Zins auf, so groß wie der
Jahreszins der gesamten britischen Nationalschuld. Das Parzelleneigentum
in dieser Sklaverei vom Kapital, wozu seine Entwicklung unvermeidlich
hindrängt, hat die Masse der französischen Nation in Troglodyten
verwandelt. Sechzehn Millionen Bauern (Frauen und Kinder eingerechnet)
hausen in Höhlen, wovon ein großer Teil nur eine Öffnung, der andre nur
zwei, und der bevorzugteste nur drei Öffnungen hat. Die Fenster sind an
einem Haus, was die fünf Sinne für den Kopf sind. Die bürgerliche Ordnung,
die im Anfange des Jahrhunderts den Staat als Schildwache vor die
neuentstandene Parzelle stellte und sie mit Lorbeeren düngte, ist zum
Vampyr geworden, der ihr Herzblut und Hirnmark aussaugt und sie in den
Alchimistenkessel des Kapitals wirft. Der Code Napoléon ist nur noch der
Kodex der Exekution, der Subhastation und der Zwangsversteigerung. Zu den
vier Millionen (Kinder usw. eingerechnet) offiziellen Paupers, Vagabunden,
Verbrecher und Prostituierten, die Frankreich zählt, kommen fünf Millionen
hinzu, die an dem Abgrunde der Existenz schweben und entweder auf dem
Lande selbst hausen oder beständig mit ihren Lumpen und ihren Kindern von
dem Lande in die Städte und von den Städten auf das Land desertieren. Das
Interesse <202> der Bauern befindet sich also nicht mehr, wie unter
Napoleon, im Einklange, sondern im Gegensatze mit den Interessen der
Bourgeoisie, mit dem Kapital. Sie finden also ihren natürlichen
Verbündeten und Führer in dem städtischen Proletariat, dessen
Aufgabe der Umsturz der bürgerlichen Ordnung ist. Aber die starke und
unumschränkte Regierung - und dies ist die zweite “idée
napoléonienne”, die der zweite Napoleon auszuführen hat - ist zur
gewaltsamen Verteidigung dieser “materiellen” Ordnung berufen. Auch gibt
dieser “ordre matériel” <diese “materielle Ordnung”> in allen
Proklamationen Bonapartes gegen die aufrührerischen Bauern das Stichwort
ab.
Neben der Hypothek, die das Kapital ihr auferlegt, lastet auf der Parzelle
die Steuer. Die Steuer ist die Lebensquelle der Bürokratie, der
Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz, des ganzen Apparats der
Exekutivgewalt. Starke Regierung und starke Steuer sind identisch. Das
Parzelleneigentum eignet sich seiner Natur nach zur Grundlage einer
allgewaltigen und zahllosen Bürokratie. Es schafft ein gleichmäßiges
Niveau der Verhältnisse und der Personen über der ganzen Oberfläche des
Landes. Es erlaubt also auch die gleichmäßige Einwirkung nach allen
Punkten dieser gleichmäßigen Masse von einem obersten Zentrum aus. Es
vernichtet die aristokratischen Mittelstufen zwischen der Volksmasse und
der Staatsgewalt. Es ruft also von allen Seiten das direkte Eingreifen
dieser Staatsgewalt und das Zwischenschieben ihrer unmittelbaren Organe
hervor. Es erzeugt endlich eine unbeschäftigte Überbevölkerung, die weder
auf dem Lande noch in den Städten Platz findet und daher nach den
Staatsämtern als einer Art von respektablem Almosen greift und die
Schöpfung von Staatsämtern provoziert. Napoleon gab in den neuen Märkten,
die er mit dem Bajonette eröffnete, in der Plünderung des Kontinents, die
Zwangssteuer mit Zinsen zurück. Sie war ein Stachel für die Industrie des
Bauern, während sie jetzt seine Industrie der letzten Hülfsquellen
beraubt, seine Widerstandslosigkeit gegen den Pauperismus vollendet. Und
eine enorme Bürokratie, wohlgaloniert und wohlgenährt, ist die “idée
napoléonienne”, die dem zweiten Bonaparte von allen am meisten zusagt. Wie
sollte sie auch nicht, da er gezwungen ist, neben den wirklichen Klassen
der Gesellschaft eine künstliche Kaste zu schaffen, für welche die
Erhaltung seines Regimes zur Messer- und Gabelfrage wird. Eine seiner
ersten Finanzoperationen war daher auch die Wiedererhöhung der
Beamtengehalte auf ihren alten Betrag und die Schöpfung neuer Sinekuren.
Eine
andre “idée napoléonienne” ist die Herrschaft der Pfaffen als
Regierungsmittel. Aber wenn die neuentstandene Parzelle in ihrem Einklang
<203> mit der Gesellschaft, in ihrer Abhängigkeit von den
Naturgewalten und ihrer Unterwerfung unter die Autorität, die sie von oben
beschützte, natürlich religiös war, wird die schuldzerrüttete, mit der
Gesellschaft und der Autorität zerfallene, über ihre eigne Beschränktheit
hinausgetriebene Parzelle natürlich irreligiös. Der Himmel war eine ganz
schöne Zugabe zu dem eben gewonnenen schmalen Erdstrich, zumal da er das
Wetter macht; er wird zum Insult, sobald er als Ersatz für die Parzelle
aufgedrängt wird. Der Pfaffe erscheint dann nur noch als der gesalbte
Spürhund der irdischen Polizei - eine andre “idée napoléonienne”. Die
Expedition gegen Rom wird das nächste Mal in Frankreich selbst
stattfinden, aber im umgekehrten Sinne des Herrn von Montalembert.
Der
Kulminationspunkt der “idées napoléoniennes” endlich ist das Übergewicht
der Armee. Die Armee war der point d'honneur <Ehrenpunkt> der
Parzellenbauern, sie selbst in Heroen verwandelt, nach außen hin den neuen
Besitz verteidigend, ihre eben erst errungene Nationalität verherrlichend,
die Welt plündernd und revolutionierend. Die Uniform war ihr eignes
Staatskostüm, der Krieg ihre Poesie, die in der Phantasie verlängerte und
abgerundete Parzelle das Vaterland und der Patriotismus die ideale Form
des Eigentumssinnes. Aber die Feinde, wogegen der französische Bauer jetzt
sein Eigentum zu verteidigen hat, es sind nicht die Kosaken, es sind die
Huissiers <Gerichtsvollzieher> und die Steuerexekutoren. Die Parzelle
liegt nicht mehr im sogenannten Vaterland, sondern im Hypothekenbuch. Die
Armee selbst ist nicht mehr sie Blüte der Bauernjugend, sie ist die
Sumpfblüte des bäuerlichen Lumpenproletariats. Sie besteht größtenteils
aus Remplaçants, aus Ersatzmännern, wie der zweite Bonaparte selbst nur
Remplaçant, der Ersatzmann für Napoleon ist. Ihre Heldentaten verrichtet
sie jetzt in den Gems- und Treibjagden auf die Bauern, im Gendarmendienst,
und wenn die innern Widersprüche seines Systems den Chef der Gesellschaft
des 10. Dezember über die französischen Grenze jagen, wird sie nach
einigen Banditenstreichen keine Lorbeeren, sondern Prügel ernten.
Man
sieht: Alle “idées napoléoniennes” sind Ideen der unentwickelten,
jugendfrischen Parzelle, sie sind ein Widersinn für die überlebte
Parzelle. Sie sind nur die Halluzinationen ihres Todeskampfes, Worte, die
in Phrasen, Geister, die in Gespenster verwandelt. Aber die Parodie des
Imperialismus war notwendig, um die Masse der französischen Nation von der
Wucht der Tradition zu befreien und den Gegensatz der Staatsgewalt zur
Gesellschaft rein herauszuarbeiten. Mit der fortschreitenden Zerrüttung
des Parzellen- <204> eigentums bricht das auf
ihm aufgeführte Staatsgebäude zusammen. Die staatliche Zentralisation,
deren die moderne Gesellschaft bedarf, erhebt sich nur auf den Trümmern
der militärisch-bürokratischen Regierungsmaschinerie, die im Gegensatz zum
Feudalismus geschmiedet ward.
<In
der Erstausgabe New York 1852, endet dieser Absatz mit folgenden Zeilen,
die 1869 von Marx weggelassen wurden: Die Zertrümmerung der
Staatsmaschinerie wird die Zentralisation nicht gefährden. Die Bürokratie
ist nur die niedrige und brutale Form einer Zentralisation, die noch mit
ihrem Gegensatze, dem Feudalismus, behaftet ist. Mit der Verzweiflung an
der napoleonischen Restauration scheidet der französische Bauer von dem
Glauben an seine Parzelle, stürzt das ganze auf diese Parzelle aufgeführte
Staatsgebäude zusammen und erhält die proletarische Revolution das
Chor, ohne das ihr Sologesang in allen Bauernnationen zum Sterbelied wird.>
Die
französischen Bauernverhältnisse enthüllen uns das Rätsel der
allgemeinen Wahlen vom 20. und 21. Dezember, die den zweiten Bonaparte
auf den Berg Sinai, führten, nicht um Gesetze zu erhalten, sondern um sie
zu geben.
Die
Bourgeoisie hatte jetzt offenbar keine andere Wahl, als Bonaparte zu
wählen. Als die Puritaner auf dem Konzile von Konstanz über das
lasterhafte Leben der Päpste klagten und über die Notwendigkeit der
Sittenreform jammerten, donnerte der Kardinal Pierre d'Ailly ihnen zu:
“Nur noch der Teufel in eigner Person kann die katholische Kirche retten,
und ihr verlangt Engel.” So rief die französische Bourgeoisie nach dem
coup d'état: Nur noch der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember kann die
bürgerliche Gesellschaft retten! Nur noch der Diebstahl das Eigentum, der
Meineid die Religion, das Bastardtum die Familie, die Unordnung die
Ordnung!
Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen
Beruf, die “bürgerliche Ordnung” sicherzustellen. Aber die Stärke dieser
bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse, Er weiß sich daher als
Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist
jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelschicht
gebrochen hat und täglich von neuem bricht. Er weiß sich daher als Gegner
der politischen und literarischen Macht der Mittelklasse. Aber indem er
ihre materielle Macht beschützt, erzeugt er von neuem ihre politische
Macht. Die Ursache muß daher am Leben erhalten, aber die Wirkung, wo sie
sich zeigt, aus der Welt geschafft werden. Aber ohne kleine Verwechslungen
von Ursache und Wirkung kann dies nicht abgehn, da beide in der
Wechselwirkung ihre Unterscheidungsmerkmale verlieren. Neue Dekrete, die
die Grenzlinie verwischen. Bonaparte weiß sich zugleich gegen die
Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und des Volkes überhaupt, der
innerhalb der bürgerlichen <205> Gesellschaft
die untern Volksklassen beglücken will. Neue Dekrete, die die “wahren
Sozialisten” im voraus um ihre Regierungsweiheit prellen. Aber Bonaparte
weiß sich vor allem als Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember, als
Repräsentanten des Lumpenproletariats, dem er selbst, seine entourage
<Umgebung>, seine Regierung und seine Armee angehören und für das es sich
vor allem darum handelt, sich wohlzutun und kalifornische Lose aus dem
Staatsschatze zu ziehn. Und er bestätigt sich als Chef der Gesellschaft
vom 10. Dezember mit Dekreten, ohne Dekrete und trotz der Dekrete.
Diese widerspruchsvolle Aufgabe des Mannes erklärt die Widersprüche seiner
Regierung, das unklare Hinundhertappen, das bald diese, bald jene Klasse
zu gewinnen, bald zu demütigen sucht und alle gleichmäßig gegen sich
aufbringt, dessen praktische Unsicherheit einen hochkomischen Kontrast
bildet zu dem gebieterischen, kategorischen Stile der Regierungsakte, der
dem Onkel folgsam nachkopiert wird.
Industrie und Handel, also die Geschäfte der Mittelklasse, sollen unter
der starken Regierung treibhausmäßig aufblühn. Verleihen einer Unzahl von
Eisenbahnkonzessionen. Aber das bonapartistische Lumpenproletariat soll
sich bereichern. Tripotage mit den Eisenbahnkonzessionen auf der Börse von
den vorher Eingeweihten. Aber es zeigt sich kein Kapital für die
Eisenbahnen. Verpflichtung der Bank, auf Eisenbahnaktien vorzuschießen.
Aber die Bank soll zugleich persönlich exploitiert und daher kajoliert
werden. Entbindung der Bank von der Pflicht, ihren Bericht wöchentlich zu
veröffentlichen. Leoninischer Vertrag der Bank mit der Regierung. Das Volk
soll beschäftigt werden. Anordnungen von Staatsbauten. Aber die
Staatsbauten erhöhen die Steuerpflichten des Volkes. Also Herabsetzung der
Steuern durch Angriff auf die Rentiers, durch Konvertierung der
fünfprozentigen Renten in viereinhalbprozentige. Aber der Mittelstand muß
wieder ein douceur <Zuckerbrot> erhalten. Also Verdoppelung der Weinsteuer
für das Volk, das ihn en détail kauft, und Herabsetzung um die Hälfte für
den Mittelstand, der ihn en gros trinkt. Auflösung der wirklichen
Arbeiterassoziationen, aber Verheißung von künftigen Assoziationswundern.
Den Bauern soll geholfen werden. Hypothekenbanken, die ihre Verschuldung
und die Konzentration des Eigentums beschleunigen. Aber diese Banken
sollen benutzt werden, um Geld aus den konfiszierten Gütern des Hauses
Orléans herauszuschlagen. Kein Kapitalist will sich zu dieser Bedingung
verstehn, die nicht in dem Dekrete steht, und die Hypothekenbank bleibt
ein bloßes Dekret usw. usw.
<206> Bonaparte möchte als der patriarchalische
Wohltäter aller Klassen erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der
andern zu nehmen. Wie man zur Zeit der Fronde vom Herzog von Guise sagte,
das er der obligeanteste Mann von Frankreich sei, weil er alle seine Güter
in Obligationen seiner Partisanen gegen sich verwandelt habe, so möchte
Bonaparte der obligeanteste Mann von Frankreich sein und alles Eigentum,
alle Arbeit Frankreichs in eine persönliche Obligation gegen sich
verwandeln. Er möchte ganz Frankreich stehlen, um es an Frankreich
verschenken, oder vielmehr um Frankreich mit französischen Gelde
wiederkaufen zu können, denn als Chef des Gesellschaft vom 10. Dezember
muß er kaufen, was ihm gehören soll. Und zu dem Institute des Kaufens
werden alle Staatsinstitute, der Senat, der Staatsrat, der gesetzgebende
Körper, die Ehrenlegion, die Soldatenmedaille, die Waschhäuser, die
Staatsbauten, die Eisenbahnen, der état-major <Stab> der Nationalgarde
ohne Gemeine, die konfiszierten Güter des Hauses Orléans. Zum Kaufmittel
wird jeder Platz in der Armee und der Regierungsmaschine. Das wichtigste
aber bei diesem Prozesse, wo Frankreich genommen wird, um ihm zu geben,
sind die Prozente, die während des Umsatzes auf das Haupt und die Glieder
der Gesellschaft vom 10. Dezember abfallen. Das Witzwort, womit die Gräfin
L., die Mätresse des Herrn de Morny, die Konfiskation der orleanistischen
Güter charakterisierte: “C'est le premier vol de l'aigle” <Das ist der
erste Flug (Diebstahl) des Adlers>[i],
paßt auf jeden Flug dieses Adlers, der mehr Rabe ist. Er
selbst und seine Anhänger rufen sich täglich zu, wie jener italienische
Kartäuser dem Geizhals, der prunkend die Güter aufzählte, an denen er noch
für Jahre zu zehren habe: “Tu fai conto sopra i beni, bisogna prima far il
conto sopra gli anni.”[ii]
Um sich in den Jahren nicht zu verrechnen, zählen sie nach Minuten. An den
Hof, in die Ministerien, an die Spitze der Verwaltung und der Armee drängt
sich ein Haufe von Kerlen, von deren bestem zu sagen ist, daß man nicht
weiß, von wannen er kommt, eine geräuschvolle, anrüchige,
plünderungslustige Boheme, die mit derselben grotesken Würde in galonierte
Röcke kriecht wie Soulouques Großwürdenträger. Man kann diese höhere
Schichte der Gesellschaft vom 10. Dezember sich anschaulich machen, wenn
man erwägt, daß Véron-Crevel[iii]
ihr Sittenprediger ist und Granier de Cassagnac <207> ihr
Denker. Als Guizot zur Zeit seines Ministeriums diesen Granier in einem
Winkelblatte gegen die dynastische Opposition verwandte, pflegte er ihn
mit der Wendung zu rühmen: “C'est le roi des drôles”, “das ist der
Narrenkönig”. Man hätte unrecht, bei dem Hofe und der Sippe Louis
Bonapartes an die Regentschaft oder Ludwig XV, zu erinnern. Denn “schon
oft hat Frankreich eine Mätressenregierung erlebt, aber noch nie eine
Regierung von hommes entretenus <ausgehaltenen Männern>.[iv]
Von
den widersprechenden Forderungen dieser Situation gejagt, zugleich wie ein
Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die
Augen des Publikums auf sich als den Ersatzmann Napoleons gerichtet zu
halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten,
bringt Bonaparte die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet
alles an, was der Revolution von 1848 unantastbar schien, macht die einen
revolutionsgeduldig, die andern revolutionslustig und erzeugt die Anarchie
selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine
den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und
lächerlich macht. Den Kultus des heiligen Rocks zu Trier wiederholt er zu
Paris im Kultus des napoleonischen Kaisermantels. Aber wenn der
Kaisermantel endlich auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird das
eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendôme-Säule herabstürzen.
[i]
Vol heißt Flug und Diebstahl.
[ii]
“Du berechnest deine Güter, du solltest vorher deine Jahre berechnen.”
[iii]
Balzac in der “Cousine Bette” stellt in Crevel, den er nach Dr. Véron,
dem Eigentümer des “Constitutionnel”, entwarf, den grundliederlichen
Pariser Philister dar.
[iv]
Worte der Frau Girardin.
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