Der
achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
Karl Marx

I
<115> Hegel bemerkte
irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich
sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal
als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidière für Danton, Louis
Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848-1851 für die Montagne von
1793-1795, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karikatur in den
Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten Brumaire
herausgegeben wird!
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber
sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten,
sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten
Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf
dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen,
sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade
in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die
Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen,
Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit
dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen. So
maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die
Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik
und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts
besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von
1793-1795 zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache
erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der
neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren
vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die
ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.
Bei Betrachtung jener weltgeschichtlichen
Totenbeschwörungen zeigt sich sofort ein springender Unterschied. Camille
Desmoulins, Danton, Robespierre, <116>
St-Just, Napoleon, die Heroen, wie die Parteien und die Masse der
alten französischen Revolution, vollbrachten in dem römischen Kostüme und
mit römischen Phrasen die Aufgaben ihrer Zeit, die Entfesselung und
Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Die einen
schlugen den feudalen Boden in Stücke und mähten die feudalen Köpfe ab,
die darauf gewachsen waren. Der andere schuf im Innern von Frankreich die
Bedingungen, worunter erst die freie Konkurrenz entwickelt, das
parzellierte Grundeigentum ausgebeutet, die entfesselte industrielle
Produktivkraft der Nation verwandt werden konnte, und jenseits der
französischen Grenzen fegte er überall die feudalen Gestaltungen weg,
soweit es nötig war, um der bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich eine
entsprechende, zeitgemäße Umgebung auf dem europäischen Kontinent zu
verschaffen. Die neue Gesellschaftsformation einmal hergestellt,
verschwanden die vorsündflutlichen Kolosse und mit ihnen das wieder
auferstandene Römertum – die Brutusse, Gracchusse, Publicolas, die
Tribunen, die Senatoren und Cäsar selbst. Die bürgerliche Gesellschaft in
ihrer nüchternen Wirklichkeit hatte sich ihre wahren Dolmetscher und
Sprachführer erzeugt in den Says, Cousins, Royer-Collards, Benjamin
Constants und Guizots, ihre wirklichen Heerführer
saßen hinter dem Kontortisch, und der Speckkopf Ludwigs XVIII. war ihr
politisches Haupt. Ganz absorbiert in die Produktion des Reichtums und in
den friedlichen Kampf der Konkurrenz begriff sie nicht mehr, daß die
Gespenster der Römerzeit ihre Wiege gehütet hatten. Aber unheroisch, wie
die bürgerliche Gesellschaft ist, hatte es jedoch des Heroismus bedurft,
der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs und der
Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen. Und ihre Gladiatoren
fanden in den klassisch strengen Überlieferungen der römischen Republik
die Ideale und die Kunstformen, die Selbsttäuschungen, deren sie bedurfte,
um den bürgerlich beschränkten Inhalt ihrer Kämpfe sich selbst zu
verbergen und ihre Leidenschaft auf der Höhe der großen geschichtlichen
Tragödie zu halten. So hatten auf einer andern Entwicklungsstufe, ein
Jahrhundert früher, Cromwell und das englische Volk dem Alten Testament
Sprache, Leidenschaften und Illusionen für ihre bürgerliche Revolution
entlehnt. Als das wirkliche Ziel erreicht, als die bürgerliche
Umgestaltung der englischen Gesellschaft vollbracht war, verdrängte Locke
den Habakuk.
Die Totenerweckung in jenen Revolutionen
diente also dazu, die neuen Kämpfe zu verherrlichen, nicht die alten zu
parodieren, die gegebene Aufgabe in der Phantasie zu übertreiben, nicht
vor ihrer Lösung in der Wirklichkeit zurückzuflüchten, den Geist der
Revolution wiederzufinden, nicht ihr Gespenst wieder umgehen zu machen.
<117> 1848-1851 ging nur das Gespenst der alten
Revolution um, von Marrast, dem Républicain en gants jaunes, <Republikaner
in gelben Handschuhen> der sich in den alten Bailly verkleidete, bis auf
den Abenteurer, der seine trivial-widrigen Züge unter der eisernen
Totenlarve Napoleons versteckte. Ein ganzes Volk, das sich durch eine
Revolution eine beschleunigte Bewegungskraft gegeben zu haben glaubt,
findet sich plötzlich in eine verstorbene Epoche zurückversetzt, und damit
keine Täuschung über den Rückfall möglich ist, stehn die alten Data wieder
auf, die alte Zeitrechnung, die alten Namen, die alten Edikte, die längst
der antiquarischen Gelehrsamkeit verfallen, und die alten Schergen, die
längst verfault schienen. Die Nation kömmt sich vor wie jener närrische
Engländer in Bedlam <Londoner Psychatrie>, der zur Zeit der alten
Pharaonen zu leben meint und täglich über die harten Dienste jammert, die
er in den äthiopischen Bergwerken als Goldgräber verrichten muß,
eingemauert in dies unterirdische Gefängnis, eine spärlich leuchtende
Lampe auf dem eigenen Kopfe befestigt, hinter ihm der Sklavenaufseher mit
langer Peitsche und an den Ausgängen ein Gewirr von barbarischen
Kriegsknechten, die weder die Zwangsarbeiter in den Bergwerken, noch sich
untereinander verstehn, weil sie keine gemeinsame Sprache reden. “Und dies
alles wird mir” – seufzt der närrische Engländer – “mir, dem freigebornen
Briten, zugemutet, um Gold für die alten Pharaonen zu machen.” “Um die
Schulden der Familie Bonaparte zu zahlen” – seufzt die französische
Nation. Der Engländer, solange er bei Verstand war, konnte die fixe Idee
des Goldmachens nicht loswerden. Die Franzosen, solange sie
revolutionierten, nicht die napoleonische Erinnerung, wie die Wahl vom 10.
Dezember bewies. Sie sehnten sich aus den Gefahren der Revolution zurück
nach den Fleischtöpfen Ägyptens, und der 2. Dezember 1851 war die Antwort.
Sie haben nicht nur die Karikatur des alten Napoleons, sie haben den alten
Napoleon selbst karikiert, wie er sich ausnehmen muß in der Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts.
Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre
Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern
nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie
allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren
Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um über
ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des neunzehnten
Jahrhunderts muß die Toten ihre Toten begraben lassen, um bei ihrem eignen
Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase über den Inhalt, hier geht der
Inhalt über die Phrase hinaus.
Die Februarrevolution war eine Überrumpelung, eine Überraschung
der <118> alten Gesellschaft, und das
Volk proklamierte diesen unverhofften Handstreich als eine
weltgeschichtliche Tat, womit die neue Epoche eröffnet sei. Am 2. Dezember
wird die Februarrevolution eskamotiert durch die Volte eines falschen
Spielers, und was umgeworfen scheint, ist nicht mehr die Monarchie, es
sind die liberalen Konzessionen, die ihr durch jahrhundertelange Kämpfe
abgetrotzt waren. Statt daß die Gesellschaft selbst sich einen
neuen Inhalt erobert hätte, scheint nur der Staat zu seiner
ältesten Form zurückgekehrt, zur unverschämt einfachen Herrschaft von
Säbel und Kutte. So antwortet auf den coup de main <Handstreich> vom
Februar 1848 der coup de tête <frech von oben geführter Streich> vom
Dezember 1851. Wie gewonnen, so zerronnen. Unterdessen ist die
Zwischenzeit nicht unbenutzt vorübergegangen. Die französische
Gesellschaft hat während der Jahre 1848-1851 die Studien und Erfahrungen
nachgeholt, und zwar in einer abkürzenden, weil revolutionären Methode,
die bei regelmäßiger, sozusagen schulgerechter Entwicklung der
Februarrevolution hätten vorhergehn müssen, sollte sie mehr als eine
Erschütterung der Oberfläche sein. Die Gesellschaft scheint jetzt hinter
ihren Ausgangspunkt zurückgetreten; in Wahrheit hat sie sich erst den
revolutionären Ausgangspunkt zu schaffen, die Situation, die Verhältnisse,
die Bedingungen, unter denen allein die moderne Revolution ernsthaft wird.
Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen
rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich,
Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der
Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt
erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die
Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.
Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts,
kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem
eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von
neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen
und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur
niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich
riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem
zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis
die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die
Verhältnisse selbst rufen
Hic
Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze!
<119> Jeder erträgliche Beobachter
übrigens, selbst wenn er nicht Schritt vor Schritt den Gang der
französischen Entwicklung gefolgt war, mußte ahnen, daß der Revolution
eine unerhörte Blamage bevorstehe. Es genügte, das selbstgefällige
Siegesgekläffe zu hören, womit die Herren Demokraten sich wechselweis zu
den Gnadenwirkungen des zweiten [Sonntags des Monats] Mai 1852
beglückwünschten. Der zweite [Sonntag des Monats] Mai 1852 war in den
Köpfen zur fixen Idee geworden, zum Dogma, wie der Tag, an dem Christus
wiedererscheinen und das Tausendjährige Reich beginnen sollte, in den
Köpfen der Chiliasten. Die Schwäche hatte sich wie immer in den
Wunderglauben gerettet, glaubte den Feind überwunden, wenn sie ihn in der
Phantasie weghexte, und verlor alles Verständnis der Gegenwart über die
tatlosen Verhimmelung der Zukunft, die ihr bevorstehe, und der Taten, die
sie in petto habe, aber nur noch nicht an den Mann bringen wolle. Jene
Helden, die ihre bewiesene Unfähigkeit dadurch zu widerlegen suchen, daß
sie sich wechselseitig ihr Mitleiden schenken und sich zu einem Haufen
zusammentun, hatten ihre Bündel geschnürt, strichen ihre Lorbeerkronen auf
Vorschuß ein und waren eben damit beschäftigt, auf dem Wechselmarkt die
Republiken in partibus diskontieren zu lassen, für die sie bereits in
aller Stille ihres anspruchslosen Gemüts das Regierungspersonal
vorsorglich organisiert hatten. Der 2. Dezember traf sie wie ein
Blitzstrahl aus heiterm Himmel, und die Völker, die in Epochen
kleinmütiger Verstimmung sich gern ihre innere Angst von den lautesten
Schreiern übertäuben lassen, werden sich vielleicht überzeugt haben, daß
die Zeiten vorüber sind, wo das Geschnatter von Gänsen das Kapitol retten
konnte.
Die Konstitution, die Nationalversammlung, die dynastischen Parteien, die
blauen und die roten Republikaner, die Helden von Afrika, der Donner der
Tribüne, das Wetterleuchten der Tagespresse, die
gesamte Literatur, die politischen Namen und die geistigen Renommeen, das
bürgerliche Gesetz und das peinliche Recht, die liberté, égalité,
fraternité <Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit> und der zweite [Sonntag
des Monats] Mai 1852 – alles ist verschwunden wie eine Phantasmagorie vor
der Bannformel eines Mannes, den seine Feinde selbst für keinen
Hexenmeister ausgeben. Das allgemeine Wahlrecht scheint nur einen
Augenblick überlebt zu haben, damit es eigenhändig vor den Augen aller
Welt sein Testament mache und im Namen des Volkes selbst erkläre: “Alles,
was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht”.
Es genügt nicht zu sagen, wie die Franzosen tun, daß ihre Nation
überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbewachte
Stunde <120> nicht verziehen, worin
der erste beste Abenteurer ihnen Gewalt antun konnte. Das Rätsel wird
durch dergleichen Wendungen nicht gelöst, sondern nur anders formuliert.
Es bliebe zu erklären, wie eine Nation von 36 Millionen durch drei
Industrieritter überrascht und widerstandslos in die Gefangenschaft
abgeführt werden kann.
Rekapitulieren wir in allgemeinen Zügen die Phasen, die die französische
Revolution vom 24. Februar 1848 bis zum Dezember 1851 durchlaufen hat.
Drei Hauptperioden sind unverkennbar: die Februarperiode; 4.
Mai 1848 bis zum 28. Mai 1849: Periode der Konstituierung der
Republik oder der konstituierenden Nationalversammlung; 28.
Mai 1849 bis zum 2. Dezember 1851: Periode der konstitutionellen
Republik oder der legislativen Nationalversammlung.
Die erste Periode vom 24. Februar oder dem Sturze Louis-Philippes
bis zum 4. Mai, dem Zusammentritt der konstituierenden Versammlung, die
eigentliche Februarperiode, kann als der Prolog der
Revolution bezeichnet werden. Ihr Charakter sprach sich offiziell darin
aus, daß die von ihr improvisierte Regierung sich selbst für
provisorisch erklärte, und wie die Regierung gab alles, was in dieser
Periode angeregt, versucht, ausgesprochen wurde, sich nur für
provisorisch aus. Niemand und nichts wagte das Recht des Bestehens
und der wirklichen Tat für sich in Anspruch zu nehmen. Alle Elemente, die
die Revolution vorbereitet oder bestimmt hatten, dynastische Opposition,
republikanische Bourgeoisie, demokratisch-republikanisches Kleinbürgertum,
sozial-demokratisches Arbeitertum, fanden provisorisch ihren Platz in der
Februar-Regierung.
Es konnte nicht anders sein. Die Februartage bezweckten ursprünglich eine
Wahlreform, wodurch der Kreis der politisch Privilegierten unter der
besitzenden Klasse selbst erweitert und die ausschließliche Herrschaft der
Finanzaristokratie gestürzt werden sollte. Als es aber zum wirklichen
Konflikt kam, das Volk auf die Barrikaden stieg, die Nationalgarde sich
passiv verhielt, die Armee keinen ernstlichen Widerstand leistete und das
Königtum davonlief, schien sich die Republik von selbst zu verstehn. Jede
Partei deutete sie in ihrem Sinn. Von dem Proletariat, die Waffen in der
Hand, ertrotzt, prägte es ihr seinen Stempel auf und proklamierte sie als
soziale Republik. So wurde der allgemeine Inhalt der
modernen Revolution angedeutet, der in sonderbarstem Widerspruch stand zu
allem, was mit dem vorliegenden Material, mit der erreichten Bildungsstufe
der Masse, unter den gegebenen Umständen und Verhältnissen zunächst
unmittelbar ins Werk gesetzt werden konnte. Andererseits wurde der
Anspruch aller übrigen Elemente, die zur Februarrevolution mitgewirkt
hatten, anerkannt in dem Löwenanteil, den sie <121>
an der Regierung erhielten. In keiner Periode finden wir daher ein
bunteres Gemisch von überfliegenden Phrasen und tatsächlicher Unsicherheit
und Unbeholfenheit, von enthusiastischerem Neuerungsstreben und von
gründlicherer Herrschaft der alten Routine, von mehr scheinbarer Harmonie
der ganzen Gesellschaft und von tieferer Entfremdung ihrer Elemente.
Während das Pariser Proletariat noch in dem Anblicke der großen
Perspektive, die sich ihm eröffnet hatte, schwelgte und sich in
ernstgemeinten Diskussionen über die sozialen Probleme erging, hatten sich
die alten Mächte der Gesellschaft gruppiert, gesammelt, besonnen und
fanden eine unerwartete Stütze an der Masse der Nation, den Bauern und
Kleinbürgern, die alle auf einmal auf die politische Bühne stürzten,
nachdem die Barrieren der Julimonarchie gefallen waren.
Die zweite Periode vom 4. Mai 1848 bis Ende Mai 1849 ist die
Periode der Konstituierung, der Begründung der bürgerlichen Republik.
Unmittelbar nach den Februartagen war nicht nur die dynastische Opposition
überrascht worden durch die Republikaner, die Republikaner durch die
Sozialisten, sondern ganz Frankreich durch Paris. Die Nationalversammlung,
die am 4. Mai 1848 zusammentrat, aus den Wahlen der Nation hervorgegangen,
repräsentierte die Nation. Sie war ein lebendiger Protest gegen die
Zumutungen der Februartage und sollte die Resultate der Revolution auf den
bürgerlichen Maßstab zurückführen. Vergebens versuchte das Pariser
Proletariat, das den Charakter dieser Nationalversammlung sofort begriff,
ihre Existenz gewaltsam wegzuleugnen, sie aufzulösen, die organische
Gestalt, worin der reagierende Geist der Nation es bedrohte, wieder in
ihre einzelne Bestandteile zu zerstreuen. Der 15. Mai hatte bekanntlich
kein anderes Resultat, als Blanqui und Genossen, d.h. die wirklichen
Führer der proletarischen Partei, für die ganze Dauer des Zyklus, den wir
betrachten, vom öffentlichen Schauplatz zu entfernen.
Auf die bürgerliche Monarchie Louis-Philippes kann nur die
bürgerliche Republik folgen, d.h., wenn unter dem Namen des Königs
ein beschränkter Teil der Bourgeoisie geherrscht hat, so wird jetzt im
Namen des Volks die Gesamtheit der Bourgeoisie herrschen. Die Forderungen
des Pariser Proletariats sind utopistische Flausen, womit geendet werden
muß. Auf diese Erklärung der konstituierenden Nationalversammlung
antwortete das Pariser Proletariat mit der Juni-Insurrektion, dem
kolossalsten Ereignis in der Geschichte der europäischen Bürgerkriege. Die
bürgerliche Republik siegte. Auf ihrer Seite stand die Finanzaristokratie,
die industrielle Bourgeoisie, der Mittelstand, die Kleinbürger, die Armee,
das als Mobilgarde organisierte Lumpenproletariat, die geistigen
Kapazitäten, die Pfaffen und die Landbevölkerung.
<122> Auf der Seite des Pariser Proletariats stand niemand
als es selbst. Über 3.000 Insurgenten wurden niedergemetzelt nach dem
Siege, 15.000 ohne Urteil transportiert. Mit dieser Niederlage tritt das
Proletariat in den Hintergrund der revolutionären Bühne. Es
versucht sich jedesmal wieder vorzudrängen, sobald die Bewegung einen
neuen Anlauf zu nehmen scheint, aber mit immer schwächerem Kraftaufwand
und stets geringerem Resultat. Sobald eine der höher über ihm liegenden
Gesellschaftsschichten in revolutionäre Gärung gerät, geht es eine
Verbindung mit ihr ein und teilt so alle Niederlagen, die die
verschiedenen Parteien nacheinander erleiden. Aber diese nachträglichen
Schläge schwächen sich immer mehr ab, je mehr sie sich auf die ganze
Oberfläche der Gesellschaft verteilen. Seine bedeutenderen Führer in der
Versammlung und in der Presse fallen der Reihe nach den Gerichten als
Opfer, und immer zweideutigere Figuren treten an seine Spitze. Zum Teil
wirft es sich auf doktrinäre Experimente, Tauschbanken und
Arbeiterassoziationen, also in eine Bewegung, worin es darauf verzichtet,
die alte Welt mit ihren eigenen großen Gesamtmitteln umzuwälzen, vielmehr
hinter dem Rücken der Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb seiner
beschränkten Existenzbedingungen, seine Erlösung zu vollbringen sucht,
also notwendig scheitert. Es scheint weder in sich selbst die
revolutionäre Größe wiederfinden noch aus den neu eingegangenen
Verbindungen neue Energie gewinnen zu können, bis alle Klassen,
womit es im Juni gekämpft, neben ihm selbst platt darniederliegen. Aber
wenigstens erliegt es mit den Ehren des großen weltgeschichtlichen
Kampfes; nicht nur Frankreich, ganz Europa zittert vor dem Juni-Erdbeben,
während die nachfolgenden Niederlagen der höhern Klassen so wohlfeil
erkauft werden, daß sie der frechen Übertreibung von seiten der siegenden
Partei bedürfen, um überhaupt als Ereignisse passieren zu können, und um
so schmachvoller werden, je weiter die unterliegende Partei von der
proletarischen entfernt ist.
Die Niederlage der Juni-Insurgenten hatte nun allerdings das Terrain
vorbereitet, geebnet, worauf die bürgerliche Republik begründet,
aufgeführt werden konnte; aber sie hatte zugleich gezeigt, daß es sich in
Europa um andre Fragen handelt als um “Republik oder Monarchie”. Sie hatte
offenbart, daß bürgerliche Republik hier die uneingeschränkte
Despotie einer Klasse über andere Klassen bedeute. Sie hatte bewiesen, daß
in altzivilisierten Ländern mit entwickelter Klassenbildung, mit modernen
Produktionsbedingungen und mit einem geistigen Bewußtsein, worin alle
überlieferten Ideen durch jahrhundertelange Arbeit aufgelöst sind, die
Republik überhaupt nur die politische Umwälzungsform der bürgerlichen
Gesellschaft bedeutet und nicht ihre konservative Lebensform,
wie z.B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo zwar schon Klassen
bestehn, aber sich noch nicht fixiert haben, sondern in
<123> beständigem Flusse fortwährend ihre
Bestandteile wechseln und aneinander abtreten, wo die modernen
Produktionsmittel, statt mit einer stagnanten Übervölkerung
zusammenzufallen, vielmehr den relativen Mangel an Köpfen und Händen
ersetzen, und wo endlich die fieberhaft jugendliche Bewegung der
materiellen Produktion, die eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit
noch Gelegenheit ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen.
Alle Klassen und Parteien hatten sich während der Junitage zur Partei
der Ordnung vereint gegenüber der proletarischen Klasse, als der
Partei der Anarchie, des Sozialismus, des Kommunismus. Sie hatten die
Gesellschaft “gerettet” gegen “die Feinde der Gesellschaft”. Sie
hatten die Stichworte der alten Gesellschaft, “Eigentum, Familie,
Religion, Ordnung”, als Parole unter ihr Heer ausgeteilt und der
kontrerevolutionären Kreuzfahrt zugerufen: “Unter diesem Zeichen wirst du
siegen!” Von diesem Augenblick, sobald eine der zahlreichen Parteien, die
sich unter diesem Zeichen gegen die Juni-Insurgenten geschart hatten, in
ihrem eigenen Klasseninteresse den revolutionären Kampfplatz zu behaupten
sucht, unterliegt sie vor dem Rufe: “Eigentum, Familie, Religion,
Ordnung”. Die Gesellschaft wird ebensooft gerettet, als sich der Kreis
ihrer Herrscher verengt, als ein exklusiveres Interesse dem weiteren
gegenüber behauptet wird. Jede Forderung der einfachsten bürgerlichen
Finanzreform, des ordinärsten Liberalismus, des formalsten
Republikanertums, der plattesten Demokratie, wird gleichzeitig als
“Attentat auf die Gesellschaft” bestraft und als “Sozialismus”
gebrandmarkt. Und schließlich werden die Hohenpriester der “Religion und
Ordnung” selbst mit Fußtritten von den Pythiastühlen verjagt, bei Nacht
und Nebel aus ihren Betten geholt, in Zellenwagen gesteckt, in Kerker
geworfen oder ins Exil geschickt, ihr Tempel wird der Erde gleichgemacht,
ihr Mund wird versiegelt, ihre Feder zerbrochen, ihr Gesetz zerrissen, im
Namen der Religion, des Eigentums, der Familie, der Ordnung.
Ordnungsfanatische Bourgeoisie auf ihren Balkonen werden von besoffenen
Soldatenhaufen zusammengeschossen, ihre Häuser werden zum Zeitvertreib
bombardiert – im Namen des Eigentums, der Familie, der Religion und der
Ordnung. Der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft bildet schließlich die
heilige Phalanx der Ordnung, und Held Krapülinski zieht in die
Tuilerien ein als “Retter der Gesellschaft”.
II
<124> Nehmen wir den Faden der
Entwicklung wieder auf.
Die
Geschichte der konstituierenden Nationalversammlung seit den
Junitagen ist die Geschichte der Herrschaft und Auflösung der
republikanischen Bourgeoisfraktion, jener Fraktion, die man unter dem
Namen trikolore Republikaner, reine Republikaner, politische Republikaner,
formalistische Republikaner usw. kennt.
Sie
hatte unter der bürgerlichen Monarchie Louis-Philippes die offizielle
republikanische Opposition und daher einen anerkannten Bestandteil
der damaligen politischen Welt gebildet. Sie besaß ihre Vertreter in den
Kammern, und in der Presse einen bedeutenden Wirkungskreis. Ihr Pariser
Organ, der "National", galt in seiner Weise für ebenso respektabel als das
"Journal des Débats". Dieser Stellung unter der konstitutionellen
Monarchie entsprach ihr Charakter. Es war dies keine durch große
gemeinsame Interessen zusammengehaltene und durch eigentümliche
Produktionsbedingungen abgegrenzte Fraktion der Bourgeoisie. Es war eine
Koterie von republikanisch gesinnten Bourgeois, Schriftstellern,
Advokaten, Offizieren und Beamten, deren Einfluß auf den persönlichen
Antipathien des Landes gegen Louis-Philippe, auf Erinnerungen an die alte
Republik, auf dem republikanischen Glauben einer Anzahl von Schwärmern,
vor allem aber auf dem französischen Nationalismus beruhte, dessen
Haß gegen die Wiener Verträge und gegen die Allianz mit England sie
fortwährend wachhielt. Einen großen Teil des Anhangs, den der "National"
unter Louis-Philippe besaß, schuldete er diesem versteckten Imperialismus,
der ihm daher später unter der Republik als ein vernichtender Konkurrent
in der Person Louis Bonaparte gegenübertreten konnte. Die
Finanzaristokratie bekämpfte er, wie die ganze übrige bürgerliche
Opposition es tat. Die Polemik gegen das Budget, die in Frankreich genau
mit der Bekämpfung der Finanzaristokratie zusammenhing, verschaffte eine
zu wohlfeile Popularität und zu reichhaltigen Stoff zu puritanischen
leading <125> articles <Leitartikeln>, um nicht
ausgebeutet zu werden. Die industrielle Bourgeoisie war ihm dankbar für
seine sklavische Verteidigung des französischen Schutzzollsystems, das er
indes auf mehr nationale als nationalökonomischen Gründe hin aufnahm, die
Gesamtbourgeoisie für seine gehässigen Denunziationen des Kommunismus und
Sozialismus. Im übrigen war die Partei des "National" rein
republikanisch, d.h. sie verlangte eine republikanische statt einer
monarchischen Form der Bourgeoisherrschaft und vor allem ihren Löwenanteil
an dieser Herrschaft. Über die Bedingungen dieser Umwandlung war sie sich
durchaus nicht klar. Was ihr dagegen sonnenklar war und auf den
Reformbanketten in der letzten Zeit Louis-Philippes öffentlich erklärt
wurde, war ihre Unpopularität bei den demokratischen Kleinbürgern und
insbesondere bei dem revolutionären Proletariat. Diese reinen
Republikaner, wie reine Republikaner denn sind, standen auch schon auf dem
Sprunge, sich zunächst mit einer Regentschaft der Herzogin von Orléans zu
begnügen, als die Februarrevolution ausbrach und ihren bekanntesten
Vertretern einen Platz in der provisorischen Regierung anwies. Sie besaßen
natürlich von vorn herein das Vertrauen der Bourgeoisie und die Majorität
der konstituierenden Versammlung. Aus der Exekutivkommision, welche die
Nationalversammlung bei ihrem Zusammentritt bildete, wurde sofort die
sozialistischen Elemente der provisorischen Regierung ausgeschlossen,
und die Partei des "National" benutzte den Ausbruch der Juni-Insurrektion,
um auch die Exekutivkommission abzudanken und damit ihre nächsten
Rivalen, die kleinbürgerlichen oder demokratischen Republikaner
(Ledru-Rollin usw.) loszuwerden. Cavaignac, der General der
bourgeois-republikanischen Partei, der die Junischlacht kommandierte, trat
an die Stelle der Exekutivkommission mit einer Art diktatorischer Gewalt.
Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des "National", wurde der
perpetuierliche Präsident der konstituierenden Nationalversammlung, und
die Ministerien, wie sämtliche übrigen bedeutenden Posten, fielen den
reinen Republikanern anheim.
Die
republikanische Bourgeoisfraktion, die sich seit lange als legitime Erbin
der Julimonarchie betrachtet hatte, fand sich so in ihrem Ideal
übertroffen, aber sie gelangte zur Herrschaft, nicht, wie sie unter
Louis-Philippe geträumt hatte, durch eine liberale Revolte der Bourgeoisie
gegen den Thron, sondern durch eine niederkartätschte Emeute des
Proletariats gegen das Kapital. Was sie als das revolutionärste
Ereignis sich vorgestellt hatte, trug sich in Wirklichkeit zu als das
kontrerevolutionärste. Die Frucht fiel ihr in den Schoß, aber sie fiel
vom Baum der Erkenntnis, nicht vom Baum des Lebens.
<126> Die ausschließliche Herrschaft
der Bourgeois-Republikaner währte nur vom 24. Juni bis zum 10.
Dezember 1848. Sie resümiert sich in der Abfassung einer
republikanischen Konstitution und im Belagerungszustand von Paris.
Die
neue Konstitution war im Grunde nur die republikanisierte Ausgabe
der konstitutionellen Charte von 1830. Der enge Wahlzensus der
Julimonarchie, der selbst einen großen Teil der Bourgeoisie von der
politischen Herrschaft ausschloß, war unvereinbar mit der Existenz der
bürgerlichen Republik. Die Februarrevolution hatte sofort an der Stelle
dieses Zensus das direkte allgemeine Wahlrecht proklamiert. Die
Bourgeois-Republikaner konnten dieses Ereignis nicht ungeschehen machen.
Sie mußten sich damit begnügen, die beschränkende Bestimmung eines
sechsmonatlichen Domizils am Wahlorte hinzuzufügen. Die alte Organisation
der Verwaltung, des Gemeindewesens, der Rechtspflege, der Armee usw. blieb
unversehrt bestehen, oder wo die Konstitution sie änderte, betraf die
Änderung das Inhaltsregister, nicht den Inhalt, den Namen, nicht die
Sache.
Der
unvermeidliche Generalstab der Freiheiten von 1848, persönliche Freiheit,
Preß-, Rede-, Assoziations-, Versammlungs-, Lehr- und Religionsfreiheit
usw. erhielt eine konstitutionelle Uniform, die sie unverwundbar machte.
Jede dieser Freiheiten wird nämlich als das unbedingte Recht des
französischen Citoyen proklamiert, aber mit der beständigen Randglosse,
daß sie schrankenlos sei, soweit sie nicht durch die "gleichen Rechte
anderer und die öffentliche Sicherheit" beschränkt werde, oder
durch "Gesetze", die eben diese Harmonie der individuellen Freiheiten
untereinander und mit der öffentlichen Sicherheit vermitteln sollen. Z.B.:
"Die Bürger haben das Recht, sich zu assoziieren, sich friedlich und
unbewaffnet zu versammeln, zu petitionieren und ihre Meinungen durch die
Presse oder wie sonst immer auszudrücken. Der Genuß dieser Rechte hat
keine andre Schranke als die gleichen Rechte andrer und die öffentliche
Sicherheit."(Kap. II der französischen Konstitution, § 8.) – "Der
Unterricht ist frei. Die Freiheit des Unterrichts soll genossen
werden unter den vom Gesetze fixierten Bedingungen und unter der
Oberaufsicht des Staats." (A.a.O., § 9.) – "Die Wohnung jedes Bürgers ist
unverletzlich außer in den vom Gesetz vorgeschriebenen Formen."
(Kap. II, § 3.) Usw. usw. – Die Konstitution weist daher beständig auf
zukünftige organische Gesetze hin, die jene Randglossen ausführen
und den Genuß dieser unbeschränkten Freiheiten so regulieren sollen, daß
sie werde untereinander noch mit der öffentlichen Sicherheit anstoßen. Und
später sind diese organischen Gesetze von den Ordnungsfreunden ins Lebens
gerufen und alle jene Freiheiten so reguliert worden, daß die Bourgeoisie
in deren Genuß an den gleichen Rechten der andern Klassen keinen Anstoß
findet. Wo sie "den andern" diese Freiheiten <127>
ganz untersagt oder ihren Genuß unter Bedingungen erlaubt, die ebenso
viele Polizeifallstricke sind, geschah dies immer nur im Interesse der
"öffentlichen Sicherheit", d.h. der Sicherheit der Bourgeoisie, wie
die Konstitution vorschreibt. Beide Seiten berufen sich daher in der Folge
mit vollem Recht auf die Konstitution, sowohl die Ordnungsfreunde, die
alle jene Freiheiten aufhoben, wie die Demokraten, die sie alle
herausverlangten. Jeder Paragraph der Konstitution enthält nämlich seine
eigene Antithese, sein eignes Über- und Unterhaus in sich, nämlich in der
allgemeinen Phrase die Freiheit, in der Randglosse die Aufhebung der
Freiheit. Solange also der Name der Freiheit respektiert und nur
die wirkliche Ausführung derselben verhindert wurde, auf gesetzlichem Wege
versteht sich, blieb das konstitutionelle Dasein der Freiheit unversehrt,
unangetastet, mochte ihr gemeines Dasein noch so sehr totgeschlagen
sein.
Diese auf so sinnige Weise unverletzlich gemachte Konstitution war indes
wie Achilles an einem Punkte verwundbar, nicht an der Ferse, aber am Kopfe
oder vielmehr an den zwei Köpfen, worin sie sich verlief -
gesetzgebende Versammlung einerseits, Präsident andererseits.
Man durchfliege die Konstitution, und man wird finden, daß nur die
Paragraphen, worin das Verhältnis des Präsidenten zur gesetzgebenden
Versammlung bestimmt wird, absolut, positiv, widerspruchslos, unverdrehbar
sind. Hier galt es nämlich für die Bourgeois-Republikaner, sich selbst
sicherzustellen. §§ 45 – 70 der Konstitution sind so abgefaßt, daß die
Nationalversammlung den Präsidenten konstitutionell, der Präsident die
Nationalversammlung nur inkonstitutionell beseitigen kann, nur indem er
die Konstitution selbst beseitigt. Hier fordert sie also ihre gewaltsame
Vernichtung heraus. Sie heiligte nicht nur wie die Charte von 1830 die
Teilung der Gewalten, sie erweiterte sie bis zum unerträglichen
Widerspruch. Das Spiel der konstitutionellen Gewalten, wie Guizot
den parlamentarischen Krakeel zwischen gesetzgebender und vollziehender
Gewalt nannte, spielt in der Konstitution von 1848 beständig va banque.
Auf der einen Seite 750 durch allgemeines Stimmrecht gewählte und wieder
wählbare Volksrepräsentanten, die eine unkontrollierbare, unauflösbare,
unteilbare Nationalversammlung bilden, eine Nationalversammlung, welche
gesetzgeberische Allmacht genießt, über Krieg, Frieden und Handelsverträge
in letzter Instanz entscheidet, allein das Recht der Amnestie besitzt und
durch ihre Permanenz unaufhörlich den Vordergrund der Bühne behauptet.
Andrerseits der Präsident, mit allen Attributen der königlichen Macht, mit
der Befugnis, seine Minister unabhängig von der Nationalversammlung ein-
und abzusetzen, mit allen Mitteln der exekutiven Gewalt in seinen Händen,
alle Stellen vergebend und d.h. in Frankreich wenigsten 1 ½ Millionen
<128> Existenzen entscheidend, denn so viel
hängen an den 500.000 Beamten und an den Offizieren aller Grade. Er hat
die ganze bewaffnete Macht hinter sich. Er genießt das Privilegium,
einzelne Verbrecher zu begnadigen, Nationalgarden zu suspendieren, die von
den Bürgern selbst erwählten General-, Kantonal- und Gemeinderäte im
Einverständnis mit dem Staatsrat abzusetzen. Initiative und Leitung aller
Verträge mit dem Ausland sind ihm vorbehalten. Während die Versammlung
beständig auf den Brettern spielt und dem kritisch gemeinen Tageslicht
ausgesetzt ist, führt er ein verborgenes Leben in den elyseeischen
Gefilden, und zwar mit dem Artikel 45 der Konstitution vor Augen und im
Herzen, der ihm täglich zuruft: "Frère, il faut mourir!" <"Bruder, es
heißt sterben!"> Deine Macht hört auf am zweiten Sonntag des schönen
Monats Mai im vierten Jahr deiner Wahl! Dann ist die Herrlichkeit am Ende,
das Stück spielt nicht zweimal, und wenn du Schulden hast, siehe beizeiten
zu, daß du sie mit den dir von der Konstitution ausgeworfenen 600.000
Franken abzahlst, ziehst du nicht etwa vor, am zweiten Montag des schönen
Monats Mai nach Clichy zu wandern! – Wenn die Konstitution so dem
Präsidenten die faktische Macht beilegt, sucht sie der Nationalversammlung
die moralische Macht zu sichern. Abgesehen davon, daß es unmöglich ist,
durch Gesetzesparagraphen eine moralische Macht zu schaffen, hebt die
Konstitution sich hierin wieder selbst auf, indem sie den Präsidenten von
allen Franzosen durch direktes Stimmrecht wählen läßt. Während die Stimmen
Frankreichs sich auf die 750 Mitglieder der Nationalversammlung
zersplittern, konzentrieren sie sich dagegen hier auf ein
Individuum. Während jeder einzelne Volksrepräsentant nur diese oder jene
Partei, diese oder jene Stadt, diesen oder jenen Brückenkopf oder auch nur
die Notwendigkeit vertritt, einen beliebigen Siebenhundertfünfzigsten zu
wählen, bei dem man sich weder die Sache noch den Mann so genau ansieht,
ist er der Erwählte der Nation, und der Akt seiner Wahl ist der
große Trumpf, den das souveräne Volk alle vier Jahre einmal ausspielt. Die
erwählte Nationalversammlung steht in einem metaphysischen, aber der
erwählte Präsident in einem persönlichen Verhältnis zur Nation. Die
Nationalversammlung stellt wohl in ihren einzelnen Repräsentanten die
mannigfaltigen Seiten des Nationalgeistes dar, aber in dem Präsidenten
inkarniert er sich. Er besitzt ihr gegenüber eine Art von göttlichem
Recht, er ist von Volkes Gnaden.
Thetis, die Meergöttin, hatte dem Achilles prophezeit, daß er in der Blüte
der Jugend sterben werde. Der Konstitution, die ihren faulen Fleck hat,
wie Achilles, hatte auch ihre Ahnung, wie Achilles, daß sie frühen Todes
abgehen <129> müsse. Es genügte den
konstituierenden reinen Republikanern, einen Blick aus dem Wolkenhimmel
ihrer idealen Republik auf die profane Welt zu werfen, um zu erkennen, wie
der Übermut der Royalisten, der Bonapartisten, der Demokraten, der
Kommunisten und ihr eigner Mißkredit täglich stiegen, in demselben Maße,
als sie sich der Vollendung ihres großen gesetzgeberischen Kunstwerks
näherten, ohne daß Thetis deshalb das Meer zu verlassen und ihnen das
Geheimnis mitzuteilen brauchte. Sie suchten das Verhängnis
konstitutionell-pfiffig zu überlisten durch § 111 der Konstitution, wonach
jeder Vorschlag zur Revision der Verfassung in drei sukzessiven
Debatten, zwischen denen immer ein ganzer Monat zu liegen hat, von
wenigsten ¾ der Stimmen votiert werden muß, vorausgesetzt noch, daß nicht
weniger als 500 Mitglieder der Versammlung stimmen. Sie machten damit nur
den ohnmächtigen Versuch, noch als parlamentarische Minorität, als welche
sie sich schon prophetisch im Geiste erblickten, eine Macht auszuüben, die
in diesem Augenblicke, wo sie über die parlamentarische Majorität
verfügten und über alle Mittel der Regierungsgewalt, täglich mehr ihren
schwachen Händen entschlüpfte.
Endlich vertraute die Konstitution, in einem melodramatischen Paragraphen,
sich selbst "der Wachsamkeit und dem Patriotismus des ganzen französischen
Volkes wie jedes einzelnen Franzosen" an, nachdem sie vorher schon in
einem andern Paragraphen die "Wachsamen" und "Patriotischen" der zarten,
hochnotpeinlichen Aufmerksamkeit des eigens von ihr erfundenen
Hochgerichts, "haute cour" anvertraut hatte.
Das
war die Konstitution von 1848, die am 2. Dezember 1851 nicht von einem
Kopfe umgeworfen wurde, sondern vor der Berührung mit einem bloßen Hute
umfiel; allerdings war dieser Hut ein dreieckiger Napoleonshut.
Während die Bourgeois-Republikaner in der Versammlung damit beschäftigt
waren, diese Konstitution auszuspintisieren, zu diskutieren und zu
votieren, hielt Cavaignac außerhalb der Versammlung den
Belagerungszustand von Paris aufrecht. Der Belagerungszustand von
Paris war der Geburtshelfer der Konstituante bei ihren republikanischen
Schöpfungswehen. Wenn die Konstitution später durch Bajonette aus der Welt
geschafft wird, so darf man nicht vergessen, daß sie ebenfalls durch
Bajonette, und zwar gegen das Volk gekehrte, schon im Mutterleib beschützt
und durch Bajonette auf die Welt gesetzt werden mußte. Die Vorfahren der
"honetten Republikaner" hatten ihr Symbol, die Trikolore, die Tour durch
Europa machen lassen. Sie ihrerseits machten auch eine Erfindung, die von
selbst den Weg über den ganzen Kontinent fand, aber mit immer erneuter
Liebe nach Frankreich zurückkehrte, bis sie jetzt in der Hälfte seiner
Departements Bürgerrecht erworben hat - <130>
den Belagerungszustand. Treffliche Erfindung, periodisch angewandt
in jeder nachfolgenden Krise im Laufe der französischen Revolution. Aber
Kaserne und Biwak, die man so der französischen Gesellschaft periodisch
auf den Kopf legte, um ihr das Gehirn zusammenzupressen und sie zu stillen
Manne zu machen; Säbel und Muskete, die man periodisch richten und
verwalten, bevormunden und zensieren, Polizei üben und Nachtwächterdienst
verrichten ließ; Schnurrbart und Kommißrock, die man periodisch als
höchste Weisheit der Gesellschaft und als Rektor der Gesellschaft
ausposaunte – mußten Kaserne und Biwak, Säbel und Muskete, Schnurrbart und
Kommißrock nicht schließlich auf den Einfall kommen, lieber ein für
allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie ihr eigenes Regime als das
oberste ausriefen und die bürgerliche Gesellschaft ganz von der Sorge
befreiten, sich selbst zu regieren? Kaserne und Biwak, Säbel und Muskete,
Schnurrbart und Kommißrock mußten um so mehr auf diesen Einfall kommen,
als sie dann auch bessere bare Zahlung für ihr erhöhtes Verdienst erwarten
konnten, während bei dem bloß periodischen Belagerungszustand und den
vorübergehenden Gesellschaftsrettungen im Geheiß dieser oder jener
Bourgeoisiefraktion wenig Solides abfiel außer einigen Toten und
Verwundeten und einigen freundlichen Bürgergrimassen. Sollte das Militär
nicht endlich auch einmal in seinem eigenen Interesse und für sein eignes
Interesse Belagerungszustand spielen und zugleich die bürgerlichen Börsen
belagern? Man vergesse übrigens nicht, im Vorbeigehn sei es bemerkt, daß
Oberst Bernhard, derselbe Militärkommisions-Präsident, der unter
Cavaignac 15.000 Insurgenten zur Deportation ohne Urteil verhalf, sich in
diesem Augenblick wieder an der Spitze der in Paris tätigen
Militärkommissionen bewegt.
Wenn
die honetten, die reinen Republikaner, mit dem Belagerungszustand in Paris
die Pflanzschule anlegte, worin die Prätorianer des 2. Dezember 1851
großwachsen sollten, verdienen sie dagegen das Lob, daß sie, statt wie
unter Louis-Philippe das Nationalgefühl zu übertreiben, jetzt, wo sie über
die nationale Macht geboten, vor dem Auslande kriechen und, statt Italien
frei zu machen, es von Österreichern und Neapolitanern wiedererobern
lassen. Louis Bonapartes Wahl zum Präsidenten am 10. Dezember 1848 machte
der Diktatur Cavaignacs und der Konstituante ein Ende.
In §
44 der Konstitution heißt es: "Der Präsident der Französischen Republik
darf nie seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren haben." Der
erste Präsident der Französischen Republik, L.-N. Bonaparte, hatte nicht
allein seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren, war nicht nur
englischer Spezial-Konstabler gewesen, er war sogar ein naturalisierter
Schweizer.
<131> Ich habe an einem andern Orte die
Bedeutung der Wahl vom 10. Dezember entwickelt. (MEW Bd. 7, S. 44/45) Ich
komme hier nicht darauf zurück. Es genügt hier zu bemerken, daß sie eine
Reaktion der Bauern, die die Kosten der Februarrevolution hatten
zahlen müssen, gegen die übrigen Klassen der Nation, eine Reaktion des
Landes gegen die Stadt war. Sie fand großen Anklang in der Armee, der
die Republikaner des "National" keinen Ruhm verschafft hatten, noch
Zulage, unter der großen Bourgeoisie, die den Bonaparte als Brücke zur
Monarchie, unter den Proletariern und Kleinbürgern, die ihn als Geißel für
Cavaignac begrüßten. Ich werde später Gelegenheit finden, auf das
Verhältnis der Bauern zur französischen Revolution näher einzugehn.
Die
Epoche vom 20. Dezember 1848 bis zur Auflösung der Konstituante im Mai
1849 umfaßt die Geschichte des Untergangs der Bourgeois-Republikaner.
Nachdem sie eine Republik für die Bourgeoisie gegründet, das revolutionäre
Proletariat von dem Terrain vertrieben und das demokratische
Kleinbürgertum einstweilen zum Schweigen gebracht haben, werden sie selbst
von der Masse der Bourgeoisie beiseite geschoben, die diese Republik mit
Recht als ihr Eigentum mit Beschlag belegt. Diese Bourgeoisiemasse
war aber royalistisch. Ein Teil derselben, die großen
Grundeigentümer, hatte unter der Restauration geherrscht und war
daher legitimistisch. Der andre, die Finanzaristokraten und großen
Industriellen, hatte unter der Julimonarchie geherrscht und war daher
orleanistisch. Die Großwürdenträger der Armee, der Universität, der
Kirche, des Barreaus <Advokatenstandes> , der Akademie und der Presse
verteilten sich auf beide Seiten, wenn auch in verschiedener Proportion.
Hier in der bürgerlichen Republik, die weder den Namen Bourbon noch
den Namen Orléans trug, sondern den Namen Kapital, hatten
sie die Staatsform gefunden, worin sie gemeinsam herrschen konnten.
Schon die Juni-Insurrektion hatte sie zur "Partei der Ordnung" vereinigt.
Jetzt galt es zunächst, die Koterie der Bourgeois-Republikaner zu
beseitigen, die noch die Sitze der Nationalversammlung innehielt. Ebenso
brutal, wie diese reinen Republikaner dem Volke gegenüber die physische
Gewalt mißbraucht hatten, ebenso feig, kleinlaut, mutlos, gebrochen,
kampfunfähig wichen sie jetzt zurück, wo es galt, der exekutiven Gewalt
und den Royalisten gegenüber ihr Republikanertum und ihr gesetzgeberisches
Recht zu behaupten. Ich habe hier nicht die schmähliche Geschichte ihrer
Auflösung zu erzählen. Es war ein Vergehen, kein Untergehen. Ihre
Geschichte hat für immer ausgespielt, und in der folgenden Periode
figurieren sie, sei es innerhalb, sei es außerhalb der Versammlung, nur
noch als Erinnerungen, Erinnerungen, die wieder lebendig zu
<132> werden scheinen, sobald es sich wieder um den bloßen
Namen Republik handelt und sooft der revolutionäre Konflikt auf das
niedrigste Niveau herabzusinken droht. Ich bemerke im Vorbeigehn, daß das
Journal, welches der Partei ihren Namen gab, der "National", sich in der
folgenden Periode zum Sozialismus bekehrte.
Ehe
wir mit dieser Periode abschließen, müssen wir noch einen Rückblick auf
die beiden Mächte werfen, von denen die eine die andere am 2. Dezember
1851 vernichtet, während sie vom 20. Dezember 1848 bis zum Abtritt der
Konstituante in ehelichem Verhältnisse lebten. Wir meinen Louis Bonaparte
einerseits und die Partei der koalisierten Royalisten, der Ordnung, der
großen Bourgeoisie anderseits. Beim Antritt seiner Präsidentschaft bildete
Bonaparte sofort ein Ministerium der Partei der Ordnung, an dessen Spitze
er Odilon Barrot stellte, notabene den alten Führer der liberalsten
Fraktion der parlamentarischen Bourgeoisie. Herr Barrot hatte endlich das
Ministerium erjagt, dessen Gespenst ihn seit 1830 verfolgte, und noch
mehr, die Präsidentschaft in diesem Ministerium; aber nicht, wie er sich
unter Louis-Philippe eingebildet, als der avancierteste Chef der
parlamentarischen Opposition, sondern mit der Aufgabe, ein Parlament
totzumachen, und als Verbündeter mit allen seinen Erzfeinden, Jesuiten und
Legitimisten. Er führte endlich die Braut heim, aber erst nachdem sie
prostituiert war. Bonaparte selbst eklipsierte sich scheinbar vollständig.
Jene Partei handelte für ihn.
Gleich im ersten Ministerkonseil wurde die Expedition nach Rom
beschlossen, die man hinter dem Rücken der Nationalversammlung auszuführen
und wofür man ihr die Mittel unter falschem Vorwande zu entreißen
übereinkam. So wurde begonnen mit einer Prellerei der Nationalversammlung
und einer heimlichen Konspiration mit den absoluten Mächten des Auslandes
gegen die revolutionäre Römische Republik. Bonaparte bereitete auf
dieselbe Weise und durch dieselben Manöver seinen Coup vom 2. Dezember
gegen die royalistische Legislative und ihre konstitutionelle Republik
vor. Vergessen wir nicht, daß dieselbe Partei, die am 20. Dezember 1848
Bonapartes Ministerium, am 2. Dezember 1851 die Majorität der legislativen
Nationalversammlung bildete.
Die
Konstituante hatte im August beschlossen, sich erst aufzulösen, nachdem
sie eine ganze Reihe organischer Gesetze, die die Konstituante ergänzen
sollten, ausgearbeitet und promulgiert habe. Die Ordnungspartei ließ ihr
durch den Repräsentanten Rateau am 6. Januar 1849 vorschlagen, die
organischen Gesetze laufen zu lassen und vielmehr ihre eigene Auflösung
zu beschließen. Nicht nur das Ministerium, Herr Odilon Barrot an der
Spitze, sämtliche royalistischen Mitglieder der Nationalversammlung
herrschten <133> ihr in diesem
Augenblicke zu, ihre Auflösung sei notwendig zur Herstellung des Kredits,
zur Konsolidierung der Ordnung, um dem unbestimmten Provisorium ein Ende
zu machen und einen definitiven Zustand zu gründen, sie hindre die
Produktivität der neuen Regierung und suche ihr Dasein bloß aus Ranküne zu
fristen, das Land sei ihrer müde. Bonaparte merkte sich alle diese
Invektiven gegen die gesetzgebende Gewalt, lernte sie auswendig und bewies
den parlamentarischen Royalisten am 2. Dezember 1851, daß er von ihnen
gelernt habe. Er wiederholte ihre eignen Stichworte gegen sie.
Das
Ministerium Barrot und die Ordnungspartei gingen weiter. Sie riefen
Petitionen an die Nationalversammlung in ganz Frankreich hervor, worin
diese freundlichst gebeten wurde zu verschwinden. So führten sie gegen die
Nationalversammlung, den konstitutionell organisierten Ausdruck des
Volkes, seine unorganischen Massen ins Feuer. Sie lehrten Bonaparte von
den parlamentarischen Versammlungen an des Volk zu appellieren. Endlich am
29. Januar 1849 war der Tag gekommen, an dem die Konstituante über ihre
eigene Auflösung beschließen sollte. Die Nationalversammlung fand ihren
Sitzungsgebäude militärisch besetzt; Changarnier, der General der
Ordnungspartei, in dessen Händen der Oberbefehl über Nationalgarde und
Linientruppen vereinigt war, hielt große Truppenschau in Paris, als wenn
eine Schlacht bevorstehe, und die koalisierten Royalisten erklärten der
Konstituante drohend, daß man Gewalt anwenden werde, wenn sie nicht willig
sei. Sie war willig und marktete sich nur noch eine ganz kurze Lebensfrist
aus. Was war der 29. Januar anders als der coup d’état <Staatsstreich> vom
2. Dezember 1851, nur mit Bonaparte von den Royalisten gegen die
republikanische Nationalversammlung ausgeführt? Die Herren bemerkten nicht
oder wollten nicht merken, daß Bonaparte den 29. Januar 1849 benutzte, um
einen Teil der Truppen vor den Tuilerien an sich vorbeidefilieren zu
lassen und gerade dies erste öffentliche Aufgebot der Militärmacht gegen
die parlamentarische Macht begierig aufgriff, um den Caligula anzudeuten.
Sie sahen allerdings nur ihren Changarnier.
Ein
Motiv, das die Partei der Ordnung noch insbesondere bewog, die Lebensdauer
die Konstituante gewaltsam abzukürzen, waren die organischen, die
Konstitution ergänzenden Gesetze, wie das Unterrichtsgesetz, Kultusgesetz
usw. Den koalisierten Royalisten lag alles daran, diese Gesetze selbst zu
machen und nicht von den mißtrauisch gewordenen Republikanern machen zu
lassen. Unter diesen organischen Gesetzen befand sich indes auch ein
Gesetz über die Verantwortlichkeit des Präsidenten der Republik. 1851 war
die legislative Versammlung eben mit der Abfassung eines solchen Gesetzes
<134> beschäftigt, als Bonaparte diesem Coup
durch den Coup vom 2. Dezember zuvorkam. Was hätten die koalisierten
Royalisten in ihrem parlamentarischen Winterfeldzug von 1851 darum
gegeben, wenn sie das Verantwortlichkeitsgesetz fertig vorgefunden, und
zwar verfaßt von einer mißtrauischen, gehässigen, republikanischen
Versammlung!
Nachdem am 29. Januar 1849 die Konstituante ihre letzte Waffe selbst
zerbrochen hatte, hetzten das Ministerium Barrot und die Ordnungsfreunde
sie zu Tode, ließen nichts ungeschehn, was sie demütigen konnte, und
trotzten ihrer an sich selbst verzweifelnden Schwäche Gesetze ab, die sie
den letzten Rest von Achtung bei dem Publikum kosteten. Bonaparte, mit
seiner fixen napoleonischen Idee beschäftigt, war keck genug, diese
Herabwürdigung der parlamentarischen Macht öffentlich zu exploitieren. Als
nämlich die Nationalversammlung am 8. Mai 1849 dem Ministerium ein
Tadelsvotum wegen der Besetzung Civitaveccias durch Oudinot erteilte und
die römische Expedition zu ihrem angeblichen Zweck zurückzuführen befahl,
publizierte Bonaparte denselben Abend im "Moniteur" einen Brief an
Oudinot, worin er ihm zu seinen Heldentaten Glück wünscht und sich schon
im Gegensatz zu den federfuchsenden Parlamentären als den großmütigen
Protekteur der Armee gebärdet. Die Royalisten lächelten dazu. Sie hielten
ihn einfach für ihren dupe <Gimpel>. Endlich als Marrast, der Präsident
der Konstituante, einen Augenblick die Sicherheit der Nationalversammlung
gefährdet glaubte und auf die Konstitution gestützt einen Oberst mit
seinem Regimente requirierte, weigerte sich der Oberst, bezog sich auf die
Disziplin und verwies Marrast an Changarnier, der ihn höhnisch abwies mit
der Bemerkung, er liebe nicht die bayonettes intelligentes <denkenden
Bajonette>. November 1851, als die koalisierten Royalisten den
entscheidenden Kampf mit Napoleon beginnen wollten, suchten sie in ihrer
berüchtigten Quästorenbill das Prinzip der direkten Requisition der
Truppen durch den Präsidenten der Nationalversammlung durchzusetzen. Einer
ihrer Generale, Le Flô, hatte den Gesetzesvorschlag unterzeichnet.
Vergebens stimmte Changarnier für den Vorschlag und huldigte Thiers der
umsichtigen Weisheit der ehemaligen Konstituante. Der Kriegsminister
St-Arnaud antwortete ihm, wie dem Marrast Changarnier geantwortet
hatte, und – unter dem Beifall der Montagne!
So
hatte die Partei der Ordnung selbst, als sie noch nicht
Nationalversammlung, als sie nur noch Ministerium war, das
parlamentarische Regime gebrandmarkt. Und sie schreit auf, als der 2.
Dezember 1851 es aus Frankreich verbannt!
Wir
wünschen ihm glückliche Reise.
III
<135> Am 28. Mai 1849 trat die
gesetzgebende Nationalversammlung zusammen. Am 2. Dezember 1851 ward sie
gesprengt. Diese Periode umfaßt die Lebensdauer der konstitutionellen
oder parlamentarischen Republik.
In
der ersten französischen Revolution folgt auf die Herrschaft der
Konstitutionellen die Herrschaft der Girondins und auf die
Herrschaft der Girondins die Herrschaft der Jakobiner. Jede
dieser Parteien stützt sich auf die fortgeschrittenere. Sobald sie die
Revolution weit genug geführt hat, um ihr nicht mehr zu folgen, noch
weniger ihr vorangehen zu können, wird sie von dem kühneren Verbündeten,
der hinter ihr steht, beiseite geschoben und auf die Guillotine geschickt.
Die Revolution bewegt sich so in aufsteigender Linie.
Umgekehrt die Revolution von 1848. Die proletarische Partei erscheint als
Anhang der kleinbürgerlich-demokratischen. Sie wird von ihr verraten und
fallengelassen am 16. April, am 15. Mai und in den Junitagen. Die
demokratische Partei ihrerseits lehnt sich auf die Schultern der
bourgeois-republikanischen. Die Bourgeois-Republikaner glauben kaum fest
zu stehen, als sie den lästigen Kameraden abschütteln und sich selbst auf
die Schultern der Ordnungspartei stützen. Die Ordnungspartei zieht ihre
Schultern ein, läßt die Bourgeois-Republikaner purzeln und wirft sich auf
die Schultern der bewaffneten Gewalt. Sie glaubt noch auf ihren Schultern
zu sitzen, als sie an einem schönen Morgen bemerkt, daß sich die Schultern
in Bajonette verwandelt haben. Jede Partei schlägt von hinten aus nach der
weiterdrängenden und lehnt sich von vorn über auf die zurückdrängende.
Kein Wunder, daß sie in dieser lächerlichen Positur das Gleichgewicht
verliert und, nachdem sie die unvermeidlichen Grimassen geschnitten, unter
seltsamen Kapriolen zusammenstürzt. Die Revolution bewegt sich so in
absteigender Linie. Sie befindet sich in dieser rückgängigen Bewegung, ehe
die letzte Februarbarrikade weggeräumt und die erste Revolutionsbehörde
konstituiert ist.
Die
Periode, die wir vor uns haben, umfaßt das bunteste Gemisch
<136> schreiender Widersprüche: Konstitutionelle, die offen
gegen die Konstitution konspirieren, Revolutionäre, die
eingestandenermaßen konstitutionell sind, eine Nationalversammlung, die
allmächtig sein will und stets parlamentarisch bleibt; eine Montagne, die
im Dulden ihren Beruf findet und durch die Prophezeiung künftiger Siege
ihre gegenwärtige Niederlagen pariert; Royalisten, die die patres
conscripti <erwählten Väter (Ehrenname der altrömischen Senatoren)> der
Republik bilden und durch die Situation gezwungen werden, die feindlichen
Königshäuser, denen sie anhängen, im Auslande, und die Republik, die sie
hassen, in Frankreich zu halten; eine Exekutivgewalt, die in ihrer
Schwäche selbst ihre Kraft und in der Verachtung, die sie einflößt, ihre
Respektabilität findet, eine Republik; die nichts anderes ist als die
zusammengesetzte Infamie zweier Monarchien, der Restauration und der
Julimonarchie, mit einer imperialistischen Etikette – Verbindungen, deren
erste Klausel die Trennung, Kämpfe, deren erstes Gesetz die
Entscheidungslosigkeit ist, im Namen der Ruhe wüste,
inhaltslose Agitation, im Namen der Revolution feierlichstes Predigen der
Ruhe, Leidenschaften ohne Wahrheit, Wahrheiten ohne Leidenschaft, Helden
ohne Heldentaten, Geschichte ohne Ereignisse; Entwickelung, deren einzige
Triebkraft der Kalender scheint, durch beständige Wiederholung derselben
Spannungen und Abspannung ermüdend; Gegensätze, die sich selbst periodisch
nur auf die Höhe zu treiben scheinen, um sich abzustumpfen und
zusammenzufallen, ohne sich auflösen zu können; prätentiös zur Schau
getragene Anstrengungen und bürgerliche Schrecken vor der Gefahr des
Weltunterganges, und von den Weltrettern gleichzeitig die kleinlichsten
Intrigen und Hofkomödien gespielt, die in ihrem laisser-aller <ihrer
Unbekümmertheit> weniger an den Jüngsten Tag als an die Zeiten der Fronde
erinnern – das offizielle Gesamtgenie Frankreichs von der pfiffigen
Dummheit eines einzelnen Individuums zuschanden gemacht; der Gesamtwille
der Nation, sooft er im allgemeinen Wahlrecht spricht, in den verjährten
Feinden der Masseninteressen seinen entsprechenden Ausdruck suchend, bis
er ihn endlich in dem Eigenwillen eines Flibustiers findet.
Wenn irgendein Geschichtsausschnitt grau in grau gemalt ist, so ist es
dieser. Menschen und Ereignisse erscheinen als umgekehrte Schlemihle, als
Schatten, denen die Körper abhanden gekommen ist. Die Revolution selbst
paralysiert ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Gegner mit
leidenschaftlicher Gewaltsamkeit aus. Wenn das "rote Gespenst", von den
Kontrerevolutionären beständig heraufbeschworen und gebannt, endlich
erscheint, so erscheint es nicht mit anarchischer Phrygiermütze auf dem
Kopfe, sondern in der Uniform der Ordnung, in roten Plumphosen.
<137> Wir haben gesehen: Das Ministerium, das
Bonaparte am 20. Dezember 1848, am Tage seiner Himmelfahrt <Einzug in das
Elysée, den Wohnsitz des Präsidenten> installierte, war ein Ministerium
der Ordnungspartei, der legitimistischen und orleanistischen Koalition.
Dies Ministerium Barrot-Falloux hatte die republikanische Konstituante,
deren Lebensdauer es mehr oder minder gewaltsam abkürzte, überwintert und
befand sich noch am Ruder. Changarnier, der General der verbündeten
Royalisten, vereinigte fortwährend in seiner Person das Generalkommando
der ersten Militärdivison und der Pariser Nationalgarde. Die allgemeinen
Wahlen endlich hatten der Ordnungspartei die große Majorität in der
Nationalversammlung gesichert. Hier begegneten die Deputierten und Pairs
Louis-Philippes einer heiligen Schar von Legitimisten, für welche
zahlreiche Wahlzettel der Nation sich in Eintrittskarten auf die
politische Bühne verwandelt hatten. Die bonapartistischen
Volksrepräsentanten waren zu dünn gesät, um eine selbständige
parlamentarische Partei bilden zu können. Sie erschienen nur als mauvaise
queue <übles Anhängsel> der Ordnungspartei. So war die Ordnungspartei im
Besitz der Regierungsgewalt, der Armee und des gesetzgebenden Körpers,
kurz der Gesamtmacht des Staats, moralisch gekräftigt durch die
allgemeinen Wahlen, die ihre Herrschaft als den Willen des Volkes
erscheinen ließen, und durch den gleichzeitigen Sieg der Kontrerevolution
auf dem gesamten Kontinent.
Nie
eröffnete eine Partei mit größern Mittel und unter günstigern Auspizien
ihren Feldzug.
Die
schiffbrüchigen reinen Republikaner fanden sich in der
gesetzgebenden Nationalversammlung auf eine Clique von ungefähr 50 Mann
zusammengeschmolzen, an ihrer Spitze die afrikanischen Generale Cavaignac,
Lamoricière, Bedeau. Die große Oppositionspartei aber wurde gebildet durch
die Montagne. Diesen parlamentarischen Taufnamen hatte sich die
sozial-demokratische Partei gegeben. Sie verfügte über mehr als 200
von 750 Stimmen der Nationalversammlung und war daher wenigstens ebenso
mächtig als irgendeine der drei Fraktionen der Ordnungspartei für sich
genommen. Ihre relative Minorität gegen die gesamte royalistische
Koalition schien durch besondere Umstände aufgewogen. Nicht nur zeigten
die Departementswahlen, daß sie einen bedeutenden Anhang unter der
Landbevölkerung gewonnen hatte. Sie zählte beinah alle Deputierten von
Paris unter sich, die Armee hatte durch die Wahl von drei Unteroffizieren
ein demokratisches Glaubensbekenntnis abgelegt, und der Chef der Montagne,
Ledru-Rollin, war im Unterschied von allen Repräsentanten der Ordnungs-
<138> partei in den parlamentarischen Adelstand
erhoben worden durch fünft Departements, die ihre Stimmen auf ihn
vereinigt. Die Montagne schien also am 28. Mai 1849, bei den
unvermeidlichen Kollisionen der Royalisten unter sich und der gesamten
Ordnungspartei mit Bonaparte, alle Elemente des Erfolgs vor sich zu haben.
Vierzehn Tage später hatte sie alles verloren, die Ehre eingerechnet.
Ehe
wir der parlamentarischen Geschichte weiter folgen, sind einige
Bemerkungen nötig, um die gewöhnliche Täuschungen über den ganzen
Charakter der Epoche, die uns vorliegt, zu vermeiden. In der
demokratischen Manier zu sehn, handelt es sich während der Periode der
gesetzgebenden Nationalversammlung, um was es sich in der Periode der
konstituierenden handelte, um den einfachen Kampf zwischen Republikanern
und Royalisten. Die Bewegung selbst aber fassen sie in ein
Stichwort zusammen: "Reaktion", Nacht, worin alle Katzen grau sind,
und die ihnen erlaubt, ihre nachtwächterlichen Gemeinplätze abzuleiern.
Und allerdings, auf den ersten Blick zeigt die Ordnungspartei einen Knäuel
von verschiedenen royalistischen Fraktionen, die nicht nur gegeneinander
intrigieren, um jede ihren eigenen Prätendenten auf den Thron zu erheben
und den Prätendenten der Gegenpartei auszuschließen, sondern auch sich
alle vereinigen in gemeinschaftlichem Haß und gemeinschaftlichen Angriffen
gegen die "Republik". Die Montagne ihrerseits erscheint im Gegensatze zu
dieser royalistischen Konspiration als Vertreterin der "Republik". Die
Ordnungspartei erscheint beständig beschäftigt mit einer "Reaktion", die
sich nicht mehr nicht minder als in Preußen gegen Presse, Assoziation u.
dgl. richtet und in brutalen Polizeieinmischungen der Bürokratie, der
Gendarmerie und der Parkette <Gerichtshöfe> sich vollstreckt wie in
Preußen. Die "Montagne" ihrerseits wieder ist ebenso fortwährend
beschäftigt, diese Angriffe abzuwehren und so die "ewigen Menschenrechte"
zu verteidigen, wie jede sogenannte Volkspartei mehr oder minder seit
anderthalb Jahrhunderten getan hat. Vor einer nähern Betrachtung der
Situation und der Parteien verschwindet indes dieser oberflächliche
Schein, der den Klassenkampf und die eigentümliche Physiognomie
dieser Periode verschleiert.
Legitimisten und Orleanisten bildeten, wie gesagt, die zwei großen
Fraktionen der Ordnungspartei. Was diese Fraktionen an ihren Prätendenten
festhielt und sie wechselseitig auseinanderhielt, war es nichts andres als
Lilie und Trikolore, Haus Bourbon und Haus Orléans, verschiedene
Schattierungen des Royalismus, war es überhaupt das Glaubensbekenntnis des
Royalismus? Unter den Bourbonen hatte das große Grundeigentum
regiert <139> mit seinen Pfaffen und
Lakaien, unter den Orléans die hohe Finanz, die große Industrie, der große
Handel, d.h. das Kapital mit seinem Gefolge von Advokaten,
Professoren und Schönrednern. Das legitime Königtum war bloß der
politische Ausdruck für die angestammte Herrschaft der Herren von Grund
und Boden, wie die Julimonarchie nur der politische Ausdruck für die
usurpierte Herrschaft des bürgerlichen Parvenüs. Was also diese Fraktionen
auseinanderhielt, es waren keine sogenannten Prinzipien, es waren ihre
materiellen Existenzbedingungen, zwei verschiedene Arten des Eigentums, es
war der alte Gegensatz von Stadt und Land, die Rivalität zwischen Kapital
und Grundeigentum. Daß gleichzeitig alte Erinnerungen, persönliche
Feindschaften, Befürchtungen und Hoffnungen, Vorurteile und Illusionen,
Sympathien und Antipathien, Überzeugungen, Glaubensartikel und Prinzipien
sie an das eine oder das andere Königshaus banden, wer leugnet es? Auf den
verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen
erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter
Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze
Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus
und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne
Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich
einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den
Ausgangspunkt seines Handelns bilden. Wenn Orleanisten, Legitimisten, jede
Fraktion sich selbst und der anderen vorzureden suchte, daß die
Anhänglichkeit an ihre zwei Königshäuser sie trenne, bewies später die
Tatsache, daß vielmehr ihr gespaltenes Interesse die Vereinigung der zwei
Königshäuser verbot. Und wie man im Privatleben unterscheidet zwischen
dem, was ein Mensch von sich meint und sagt, und dem was er wirklich ist
und tut, so muß man noch mehr in geschichtlichen Kämpfen die Phrasen und
Einbildungen der Parteien von ihrem wirklichen Organismus und ihren
wirklichen Interessen, ihre Vorstellungen von ihrer Realität
unterscheiden. Orleanisten und Legitimisten fanden sich in der Republik
nebeneinander mit gleichen Ansprüchen. Wenn jede Seite gegen die andre die
Restauration ihres eignen Königshauses durchsetzen wollte,
so hieß das nichts andres, als daß die zwei großen Interessen,
worin die Bourgeoisie sich spaltete – Grundeigentum und Kapital -,
jedes seine eigene Suprematie und die Unterordnung des andern zu
restaurieren suchte. Wir sprechen von zwei Interessen der Bourgeoisie,
denn das große Grundeigentum, trotz seiner feudalen Koketterie und seines
Racenstolzes, war durch die Entwicklung der modernen Gesellschaft
vollständig verbürgerlicht. So haben die Tories in England sich lange
eingebildet, daß sie für das Königtum, die Kirche und die Schönheiten der
<140> altenglischen Verfassung schwärmten, bis
der Tag der Gefahr ihnen das Geständnis entriß, daß sie nur für die
Grundrente schwärmen. <Siehe MEW, Bd. 8, S. 336-341>
Die
koalisierten Royalisten spielten ihre Intrige gegeneinander in der Presse,
in Ems, in Claremont, außerhalb des Parlaments. Hinter den Kulissen zogen
sie ihre alten orleanistischen und legitimistischen Livreen wieder an und
führten ihre alten Turniere wieder auf. Aber auf der öffentlichen Bühne,
in ihren Haupt- und Staatsaktionen, als große parlamentarische Partei,
fertigten sie ihre respektiven Königshäuser mit bloßen Reverenzen ab und
vertagten die Restauration der Monarchie ad infinitum <ins Unendliche>.
Sie verrichteten ihr wirkliches Geschäft als Partei der Ordnung,
d.h. unter einem gesellschaftlichen, nicht unter einem
politischen Titel, als Vertreter der bürgerlichen Weltordnung, nicht
als Ritter fahrender Prinzessinnen, als Bourgeoisklasse gegen alle andern
Klassen, nicht als Royalisten gegenüber den Republikanern. Und als Partei
der Ordnung haben sie eine unumschränktere und härtere Herrschaft über die
andern Klassen der Gesellschaft ausgeübt als je zuvor unter der
Restauration oder unter der Julimonarchie, wie sie überhaupt nur unter der
Form der parlamentarischen Republik möglich war, denn nur unter dieser
Form konnten die zwei großen Abteilungen der französischen Bourgeoisie
sich vereinigen, also die Herrschaft ihrer Klasse statt des Regimes einer
privilegierten Fraktion derselben auf die Tagesordnung setzen. Wenn sie
trotzdem auch als Partei der Ordnung die Republik insultieren und ihren
Widerwillen gegen sie aussprechen, so geschah das nicht nur aus
royalistischer Erinnerung. Es lehrte sie der Instinkt, daß die Republik
zwar ihre politische Herrschaft vollendet, aber zugleich deren
gesellschaftliche Grundlage unterwühlt, indem sie nun ohne Vermittlung,
ohne den Versteck der Krone, ohne das nationale Interesse durch ihre
untergeordneten Kämpfe untereinander und mit dem Königtum ableiten zu
können, den unterjochten Klassen gegenüberstehn und mit ihnen ringen zu
müssen. Es war Gefühl der Schwäche, das sie vor den reinen Bedingungen
ihrer eignen Klassenherrschaft zurückbeben und sich nach den
unvollständigern, unterentwickelteren und eben darum gefahrloseren Formen
derselben zurücksehnen ließ. Sooft die koalisierten Royalisten dagegen in
Konflikt mit dem Prätendenten geraten, der ihnen gegenübersteht, mit
Bonaparte, sooft sie ihre parlamentarische Allmacht von der Exekutivgewalt
gefährdet glauben, sooft sie also den politischen Titel ihrer Herrschaft
herauskehren müssen, treten sie als Republikaner auf und nicht als
Royalisten, von dem Orleanisten Thiers, der die Nationalversammlung
warnt, daß die Republik sie am wenigsten trenne, bis auf den Legitimisten
Berryer, <141> der am 2. Dezember 1851, die
dreifarbige Schärpe umgewunden, das vor dem Mairiegebäude des zehnten
Arrondissements versammelte Volk als Tribun im Namen der Republik
harrangiert. Allerdings ruft ihm das Echo spottend zurück: Henri V! Henri
V!
Der
koalisierten Bourgeoisie gegenüber hatte sich eine Koalition zwischen
Kleinbürgern und Arbeitern gebildet, die sogenannte
sozial-demokratische Partei. Die Kleinbürger sahen sich nach den
Junitagen 1848 schlecht belohnt, ihre materiellen Interessen gefährdet und
die demokratischen Garantien, die ihnen die Geltendmachung dieser
Interessen sichern sollten, von der Kontrerevolution in Frage gestellt.
Sie näherten sich daher den Arbeitern. Ihre parlamentarische
Repräsentation andererseits, die Montagne, während der Diktatur der
Bourgeois-Republikaner beiseite geschoben, hatte in der letzten
Lebenshälfte der Konstituante durch den Kampf mit Bonaparte und den
royalistischen Ministern ihre verlorene Popularität wieder erobert. Sie
hatte mit den sozialistischen Führern eine Allianz geschlossen. Februar
1849 wurden Versöhnungsbankette gefeiert. Ein gemeinschaftliches Programm
wurde entworfen, gemeinschaftliche Wahlkomitees wurden gestiftet und
gemeinschaftliche Kandidaten aufgestellt. Den sozialen Forderungen des
Proletariats ward die revolutionäre Pointe abgebrochen und eine
demokratische Wendung gegeben, den demokratischen Ansprüchen des
Kleinbürgertums die bloß politische Form abgestreift und ihre
sozialistische Pointe herausgekehrt. So entstand die Sozial-Demokratie.
Die neue Montagne, das Ergebnis dieser Kombination, enthielt,
einige Figuranten aus der Arbeiterklasse und einige sozialistische
Sektierer abgerechnet, dieselben Elemente wie die alte Montagne, nur
numerisch stärker. Aber im Laufe der Entwicklung hatte sie sich verändert
mit der Klasse, die sie vertrat. Der eigentümliche Charakter der
Sozial-Demokratie faßte sich dahin zusammen, daß
demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden,
nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern
um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln. Wie
verschiedene Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes vorgeschlagen werden
mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstellungen sich
verbrämen mag, der Inhalt bleibt derselbe. Dieser Inhalt ist die
Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem Wege, aber eine Umänderung
innerhalb der Grenzen des Kleinbürgertums. Man muß sich nur nicht die
bornierte Vorstellung machen, als wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein
egoistisches Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß
die besondern Bedingungen seiner Befreiung die allgemeinen
Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet
und der Klassenkampf ver- <142> mieden werden
kann. Man muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demokratischen
Repräsentanten nun alle shopkeepers <Krämer> sind oder für dieselben
schwärmen. Sie können ihre Bildung und ihrer individuellen Lage nach
himmelweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu Vertretern des Kleinbürgers
macht, ist, daß sie im Kopfe nicht über die Schranken hinauskommen,
worüber jener nicht im Leben hinauskommt, daß sie daher zu denselben
Aufgaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das
materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben.
Dies ist überhaupt das Verhältnis der politischen und
literarischen Vertreter einer Klasse zu der Klasse, die sie vertreten.
Nach
der gegebenen Auseinandersetzung versteht sich von selbst, daß, wenn die
Montagne mit der Ordnungspartei fortwährend um die Republik und die
sogenannten Menschenrechte ringt, weder die Republik noch die
Menschenrechte ihr letzter Zweck sind, sowenig eine Armee, die man der
Waffen berauben will und die sich zur Wehr setzt, auf den Kampfplatz
getreten ist, um im Besitz ihrer eigenen Waffen zu bleiben.
Die
Partei der Ordnung provozierte gleich beim Zusammentritt der
Nationalversammlung die Montagne. Die Bourgeoisie fühlte jetzt die
Notwendigkeit, mit den demokratischen Kleinbürgern fertig zu werden, wie
sie ein Jahr vorher die Notwendigkeit begriffen hatten, mit dem
revolutionären Proletariat zu enden. Nur war die Situation des Gegners
eine verschiedene. Die Stärke der proletarischen Partei war auf der
Straße, die der Kleinbürger in der Nationalversammlung selbst. Es galt
also, sie aus der Nationalversammlung auf die Straße zu locken und sie
selbst ihre parlamentarische Macht zerbrechen zu lassen, ehe Zeit und
Gelegenheit sie konsolidieren konnten. Die Montagne sprengte mit
verhängtem Zügel in die Falle.
Das
Bombardement Roms durch die französischen Truppen war der Köder, der ihr
hingeworfen wurde. Es verletzte Artikel V der Konstitution, der der
Französischen Republik untersagt, ihre Streitkräfte gegen die Freiheiten
eines anderen Volks zu verwenden. Zudem verbot auch Artikel 54 jede
Kriegserklärung von seiten der Exekutivgewalt ohne Zustimmung der
Nationalversammlung, und die Konstituante hatte durch ihren Beschluß vom
8. Mai die römische Expedition mißbilligt. Auf diese Gründe hin deponierte
Ledru-Rollin am 11. Juni 1849 einen Anklageakt gegen Bonaparte und seine
Minister. Durch die Wespenstiche von Thiers aufgereizt, ließ er sich sogar
zu der Drohung fortreißen, die Konstitution mit allen Mitteln verteidigen
zu wollen, selbst mit den Waffen in der Hand. Die Montagne erhob sich wie
ein Mann <143> und wiederholte diesen
Waffenruf. Am 12. Juni verwarf die Nationalversammlung den Anklageakt, und
die Montagne verließ das Parlament. Die Ereignisse des 13. Juni sind
bekannt: die Proklamation eines Teils der Montagne, wodurch Bonaparte und
seine Minister "außerhalb der Konstitution" erklärt wurden; die
Straßenprozession der demokratischen Nationalgarden, die waffenlos, wie
sie waren, bei dem Zusammentreffen mit den Truppen Changarniers
auseinanderstoben usw. usw. Ein Teil der Montagne flüchtete ins Ausland,
ein anderer wurde dem Hochgericht in Bourges überwiesen, und ein
parlamentarisches Reglement unterwarf den Rest der schulmeisterlichen
Aufsicht des Präsidenten der Nationalversammlung. Paris wurde wieder in
Belagerungszustand versetzt und der demokratische Teil seiner
Nationalgarde aufgelöst. So war der Einfluß der Montagne im Parlament und
die Macht der Kleinbürger in Paris gebrochen.
Lyon, wo der 13. Juni das Signal zu einem blutigen Arbeiteraufstand
gegeben hatte, wurde mit den fünf umliegenden Departements ebenfalls in
Belagerungszustand erklärt, ein Zustand, der bis auf diesen Augenblick
fortdauert.
Das
Gros der Montagne hatte seine Avantgarde im Stiche gelassen, indem es
ihrer Proklamation die Unterschriften verweigerte. Die Presse war
desertiert, indem nur zwei Journale das Pronunziamento zu veröffentlichen
wagten. Die Kleinbürger verrieten ihre Repräsentanten, indem die
Nationalgarden ausblieben oder, wo sie erschienen, den Barrikadenbau
verhinderten. Die Repräsentanten hatten die Kleinbürger düpiert, indem die
angeblichen Affiliierten von der Armee nirgends zu erblicken waren.
Endlich, statt von ihm Kraftzuschuß zu gewinnen, hatte die demokratische
Partei das Proletariat mit ihrer eignen Schwäche angesteckt, und, wie
gewöhnlich bei demokratischen Hochtaten, hatten die Führer die Genugtuung,
ihr "Volk" der Desertion, und das Volk die Genugtuung, seine Führer der
Prellerei beschuldigen zu können.
Selten war eine Aktion mit größerem Geräusch verkündet worden als der
bevorstehende Feldzug der Montagne, selten ein Ereignis mit mehr
Sicherheit und länger vorher austrompetet als der unvermeidliche Sieg der
Demokratie. Ganz gewiß: Die Demokraten glauben an die Posaunen, vor deren
Stößen die Mauern Jerichos einstürzten. Und sooft sie den Wällen des
Despotismus gegenüberstehen, suchen sie das Wunder nachzumachen. Wenn die
Montagne im Parlamente siegen wollte, durfte sie nicht zu den Waffen
rufen. Wenn sie im Parlamente zu den Waffen rief, durfte sie sich auf der
Straße nicht parlamentarisch verhalten. Wenn die friedliche Demonstration
ernst gemeint war, so war es albern, nicht vorherzusehen, daß sie
kriegerisch empfan- <144> gen werden würde. Wenn
es auf den wirklichen Kampf abgesehn war, so war es originell, die Waffen
abzulegen, mit denen er geführt werden mußte. Aber die revolutionären
Drohungen der Kleinbürger und ihrer demokratischen Vertreter sind bloße
Einschüchterungsversuche des Gegners. Und wenn sie sich in eine Sackgasse
verrannt, wenn sie sich hinlänglich kompromittiert haben, um zur
Ausführung ihrer Drohungen gezwungen zu sein, so geschieht es in einer
zweideutigen Weise, die nichts mehr vermeidet als die Mittel zum Zwecke
und nach Vorwänden zum Unterliegen hascht. Die schmetternde Ouvertüre, die
den Kampf verkündete, verliert sich in ein kleinlautes Knurren, sobald er
beginnen soll, die Schauspieler hören auf, sich au sérieux <ernst> zu
nehmen, und die Handlung fällt platt zusammen wie ein luftgefüllter
Ballon, den man mit der Nadel pickt.
Keine Partei übertreibt sich mehr ihre Mittel als die demokratische, keine
täuscht sich leichtsinniger über die Situation. Wenn ein Teil der Armee
für sie gestimmt hatte, war die Montagne nun auch überzeugt, daß die Armee
für sie revoltieren werde. Und bei welchem Anlasse? Bei einem Anlasse, der
vom Standpunkt der Truppen keinen anderen Sinn hatte, als daß die
Revolutionäre für die römischen gegen die französischen Soldaten Partei
ergriffen. Andererseits waren die Erinnerungen an den Juni 1848 noch zu
frisch, als daß nicht eine tiefe Abneigung des Proletariats gegen die
Nationalgarde und ein durchgreifendes Mißtrauen der Chefs der geheimen
Gesellschaften gegen die demokratischen Chefs existieren mußten. Um diese
Differenzen auszugleichen, dazu bedurfte es großer gemeinschaftlicher
Interessen, die auf dem Spiele standen. Die Verletzung eines abstrakten
Verfassungsparagraphen konnte das Interesse nicht bieten. War die
Verfassung nicht schon wiederholt verletzt worden nach der Versicherung
der Demokraten selbst? Hatten die populärsten Journale sie nicht als ein
kontrerevolutionäres Machwerk gebrandmarkt? Aber der Demokrat, weil er das
Kleinbürgertum vertritt, also eine Übergangsklasse, worin die
Interessen zweier Klassen sich zugleich abstumpfen, dünkt sich über den
Klassengegensatz überhaupt erhaben. Die Demokraten geben zu, daß eine
privilegierte Klasse ihnen gegenübersteht, aber sie mit der ganzen übrigen
Umgebung der Nation bilden das Volk. Was sie vertreten ist das
Volksrecht; was sie interessiert ist das Volksinteresse. Sie
brauchen daher bei einem bevorstehenden Kampfe die Interessen und
Stellungen der verschiedenen Klassen nicht zu prüfen. Sie brauchen ihre
eigenen Mittel nicht allzu bedenklich abzuwägen. Sie haben eben nur das
Signal zu geben, damit das Volk mit allen <145>
seinen unerschöpflichen Ressourcen über die Dränger herfalle.
Stellen sich nun in der Ausführung ihre Interessen als uninteressant und
ihre Macht als Ohnmacht heraus, so liegt das entweder an verderblichen
Sophisten, die das unteilbare Volk in verschiedene feindliche Lager
spalten, oder die Armee war zu vertiert und zu verblendet, um die reinen
Zwecke der Demokratie als ihr eignes Beste zu begreifen, oder an einem
Detail der Ausführung ist das Ganze gescheitert, oder aber ein
unvorhergesehener Zufall hat für diesmal die Partie vereitelt. Jedenfalls
geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage
heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen
Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den
alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm
entgegenzureifen haben.
Man
muß sich daher die dezimierte, gebrochene und durch das neue
parlamentarische Reglement gedemütigte Montagne nicht gar zu unglücklich
vorstellen. Wenn der 13. Juni ihre Chefs beseitigt hatte, so macht er
andererseits untergeordneteren Kapazitäten Platz, denen diese neue
Stellung schmeichelt. Wenn ihre Machtlosigkeit im Parlamente nicht mehr
bezweifelt werden konnte, so waren sie nun auch berechtigt, ihre Tat auf
Ausbrüche sittlicher Entrüstung und polternde Deklamationen zu
beschränken. Wenn die Ordnungspartei in ihnen als den letzten offiziellen
Repräsentanten der Revolution alle Schrecken der Anarchie verkörpert zu
sehen vorgab, so konnten sie in der Wirklichkeit desto platter und
bescheidener sein. Über den 13. Juni aber vertrösteten sie sich mit der
tiefen Wendung: Aber wenn man das allgemeine Wahlrecht anzugreifen wagt,
aber dann! Dann werden wir zeigen, wer wir sind. Nous verrons <Wir werden
sehen>.
Was
die ins Ausland geflüchteten Montagnards betrifft, so genügt es hier zu
bemerken, daß Ledru-Rollin, weil es ihm gelungen war, in kaum zwei Wochen
die mächtige Partei, an deren Spitze er stand, rettungslos zu ruinieren,
sich nun berufen fand, eine französische Regierung in partibus zu bilden;
daß seine Figur, in der Ferne, vom Boden der Aktion weggehoben, im Maßstab
als das Niveau der Revolution sank und die offiziellen Größen des
offiziellen Frankreich zwerghafter wurden, an Größe zu wachsen schien; daß
er als republikanischer Prätendent für 1852 fungieren konnte, daß er
periodische Rundschreiben an die Walachen und andere Völker erließ, worin
den Despoten des Kontinents mit seinen und seiner Verbündeten Taten
gedroht wird. Hatte Proudhon ganz unrecht, wenn er diesen Herren zurief:
"Vous n’êtes que des blagueurs" <"Ihr seid nichts als Aufschneider"> ?
<146> Die Ordnungspartei hatte am 13. Juni nicht
nur die Montagne gebrochen, sie hatte die Unterordnung der Konstitution
unter die Majoritätsbeschlüsse der Nationalversammlung durchgesetzt.
Und so verstand sie die Republik: daß die Bourgeoisie hier in
parlamentarischen Formen herrsche, ohne wie in der Monarchie an dem Veto
der Exekutivgewalt oder an der Auflösbarkeit des Parlaments eine Schranke
zu finden. Das war die parlamentarische Republik, wie Thiers sie
nannte. Aber wenn die Bourgeoisie am 13. Juni ihre Allmacht innerhalb des
Parlamentsgebäudes sicherte, schlug sie nicht das Parlament selbst, der
Exekutivgewalt und dem Volke gegenüber, mit unheilbarer Schwäche, indem
sie den populärsten Teil desselben ausstieß? Indem sie zahlreiche
Deputierte ohne weitere Zeremonien der Requisition der Parkette preisgab,
hob sie ihre eigne parlamentarische Unverletzlichkeit auf. Das demütigende
Reglement, dem sie die Montagne unterwarf, erhöht in demselben Maße den
Präsidenten der Republik, als es den einzelnen Repräsentanten des Volks
herabdrückt. Indem sie die Insurrektion zum Schutz der konstitutionellen
Verfassung als anarchische, auf den Umsturz der Gesellschaft abzweckende
Tat brandmarkt, verbot sie sich selbst den Appell an die Insurrektion,
sobald die Exekutivgewalt ihr gegenüber die Verfassung verletzen würde.
Und die Ironie der Geschichte will, daß der General, der im Auftrage
Bonapartes Rom bombardiert und so den unmittelbaren Anlaß zu der
konstitutionellen Emeute vom 13. Juni gegeben hat, daß Oudinot am
2. Dezember 1851 dem Volke von der Ordnungspartei flehentlich und
vergeblich als der General der Konstitution gegen Bonaparte angeboten
werden muß. Ein andrer Held des 13. Juni, Vieyra, der von der
Tribüne der Nationalversammlung Lob einerntet für die Brutalitäten, die er
in demokratischen Zeitungslokalen an der Spitze einer der hohen Finanz
angehörigen Rotte von Nationalgarden verübt hatte, dieser selbe Vieyra war
in die Verschwörung Bonapartes eingeweiht und trug wesentlich dazu bei, in
ihrer Todesstunde der Nationalversammlung jeden Schutz von seiten der
Nationalgarde abzuschneiden.
Der
13. Juni hatte noch einen anderen Sinn. Die Montagne hatte Bonapartes
Versetzung in Anklagezustand ertrotzen wollen. Ihre Niederlage war also
ein direkter Sieg Bonapartes, sein persönlicher Triumph über seine
demokratischen Feinde. Die Partei der Ordnung erfocht den Sieg, Bonaparte
hatte ihn nur einzukassieren. Er tat es. Am 14. Juni war eine Proklamation
an den Mauern von Paris zu lesen, worin der Präsident, gleichsam ohne sein
Zutun, widerstrebend, durch die bloße Macht der Ereignisse gezwungen, aus
seiner klösterlichen Abgeschiedenheit hervortritt, als verkannte Tugend
über die Verleumdungen seiner Widersacher klagt, und während er seine
Person mit <147> der Sache der Ordnung zu
identifizieren scheint, vielmehr die Sache der Ordnung mit seiner Person
identifiziert. Zudem hatte die Nationalversammlung die Expedition gegen
Rom zwar nachträglich gebilligt, aber Bonaparte hatte die Initiative dazu
ergriffen. Nachdem er den Hohepriester Samuel in den Vatikan wieder
eingeführt, konnte er hoffen, als König David die Tuilerien zu beziehen.
Er hatte die Pfaffen gewonnen.
Die
Emeute vom 13. Juni beschränkte sich, wie wir gesehn, auf eine friedliche
Straßenprozession. Es waren also keine kriegerischen Lorbeeren gegen sie
zu gewinnen. Nichtsdestoweniger, in dieser helden- und ereignisarmen Zeit
verwandelte die Ordnungspartei diese Schlacht ohne Blutvergießen in ein
zweites Austerlitz. Tribüne und Presse priesen die Armee als die Macht der
Ordnung gegenüber den Volksmassen als der Ohnmacht der Anarchie und den
Changarnier als das "Bollwerk der Gesellschaft". Mystifikation, an die er
schließlich selbst glaubte. Unterderhand aber wurden die Korps, die
zweideutig schienen, aus Paris verlegt, aus Frankreich nach Algier
verbannt, die unruhigen Köpfe unter den Truppen in Strafabteilungen
verwiesen, endlich die Absperrung der Presse von der Kaserne und der
Kaserne von der bürgerlichen Gesellschaft systematisch durchgeführt.
Wir
sind hier bei dem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der
französischen Nationalgarde angelangt. 1830 hatte sie den Sturz der
Restauration entschieden. Unter Louis-Philippe mißglückte jede Emeute,
worin die Nationalgarde auf Seiten der Truppen stand. Als sie in den
Februartagen 1848 sich passiv gegen den Aufstand und zweideutig gegen
Louis-Philippe zeigte, gab er sich verloren und war er verloren. So schlug
die Überzeugung Wurzel, daß die Revolution nicht ohne und die Armee
nicht gegen die Nationalgarde siegen könne. Es war dies der
Aberglaube der Armee an die bürgerliche Allmacht. Die Junitage 1848, wo
die gesamte Nationalgarde mit den Linientruppen die Insurrektion
niederwarf, hatten den Aberglauben befestigt. Nach Bonapartes
Regierungsantritt sank die Stellung der Nationalgarde einigermaßen durch
die konstitutionswidrige Vereinigung ihres Kommandos mit dem Kommando der
ersten Militärdivison in der Person Changarniers.
Wie
das Kommando über die Nationalgarde hier als ein Attribut des
militärischen Oberbefehlshabers erschien, so sie selbst nur nach als
Anhang der Linientruppen. Am 13. Juni endlich wurde sie gebrochen: nicht
nur durch ihre teilweise Auflösung, die sich seit dieser Zeit periodisch
an allen Punkten Frankreichs wiederholte und nur Trümmer von ihr
zurückließ. Die Demonstration des 13. Juni war vor allem eine
Demonstration der demokratischen Nationalgarden. Sie hatten zwar nicht
ihre Waffen, wohl aber ihre Uniformen <148> der
Armee gegenübergeführt, aber gerade in dieser Uniform saß der Talisman.
Die Armee überzeugte sich, daß diese Uniform ein wollener Lappen wie ein
andrer war. Der Zauber ging verloren. In den Junitagen 1848 waren
Bourgeoisie und Kleinbürgertum als Nationalgarde mit der Armee gegen das
Proletariat vereinigt, am 13. Juni 1849 ließ die Bourgeoisie die
kleinbürgerliche Nationalgarde durch die Armee auseinandersprengen, am 2.
Dezember 1851 war die Nationalgarde der Bourgeoisie selbst verschwunden,
und Bonaparte konstatierte nur dies Faktum, als er nachträglich ihr
Auflösungsdekret unterschrieb. So hatte die Bourgeoisie selbst ihre letzte
Waffe gegen die Armee zerbrochen, aber sie mußte sie zerbrechen von dem
Augenblicke, wo das Kleinbürgertum nicht mehr als Vasall hinter, sondern
als Rebell vor ihr stand, wie sie überhaupt alle ihre Verteidigungsmittel
gegen den Absolutismus mit eigner Hand zerstören mußte, sobald sie selbst
absolut geworden war.
Die
Ordnungspartei feierte unterdes die Wiedereroberung einer Macht, die 1848
nur verloren schien, um 1849 von ihren Schranken befreit wiedergefunden zu
werden, durch Invektiven gegen die Republik und die Konstitution, durch
die Verfluchung aller zukünftigen, gegenwärtigen und vergangenen
Revolutionen, die eingerechnet, welche ihre eigenen Führer gemacht hatten,
und in Gesetzen, wodurch die Presse geknebelt, die Assoziation vernichtet
und der Belagerungszustand als organisches Institut reguliert wurde. Die
Nationalversammlung vertagte sich dann von Mitte August bis Mitte Oktober,
nachdem sie eine Permanenzkommission für die Zeit ihrer Abwesenheit
ernannt hatte. Während dieser Ferien intrigierten die Legitimisten mit
Ems, die Orleanisten mit Claremont, Bonaparte durch prinzliche Rundreisen
und die Departementalräte in Beratungen über die Revision der Verfassung –
Vorfälle, die in den periodischen Ferien der Nationalversammlung
regelmäßig wiederkehren und auf die ich erst eingehen will, sobald sie zu
Ereignissen werden. Hier sei nur noch bemerkt, daß die Nationalversammlung
unpolitisch handelte, als sie für längere Intervalle von der Bühne
verschwand und auf der Spitze der Republik nur noch eine, wenn auch
klägliche Gestalt erblicken ließ, die Louis Bonapartes, während die Partei
der Ordnung zum Skandale des Publikums in ihre royalistischen Bestandteile
auseinander- und ihren sich widerstreitenden Restaurationsgelüsten
nachging. Sooft während dieser Ferien der verwirrende Lärm des
Parlaments verstummte und sei Körper sich in die Nation auflöste,
zeigte sich unverkennbar, daß nur noch eins fehle, um die wahre
Gestalt dieser Republik zu vollenden: seine Ferien permanent machen
und ihre Aufschrift: liberté, égalité, fraternité, ersetzen durch
die unzweideutigen Worte: Infanterie, Kavallerie, Artillerie!
IV
<149> Mitte Oktober 1849 trat die
Nationalversammlung wieder zusammen. Am 1. November überraschte Bonaparte
sie mit einer Botschaft, worin er die Entlassung des Ministeriums
Barrot-Falloux und die Bildung eines neuen Ministeriums anzeigte. Man hat
Lakaien nie mit weniger Zeremonien aus dem Dienste gejagt als Bonaparte
seine Minister. Die Fußtritte, die der Nationalversammlung bestimmt waren,
erhielt vorläufig Barrot u. Komp.
Das
Ministerium Barrot war, wie wir gesehen haben, aus Legitimisten und
Orleanisten zusammengesetzt, ein Ministerium der Ordnungspartei. Bonaparte
hatte desselben bedurft, um die republikanische Konstituante aufzulösen,
die Expedition gegen Rom zu bewerkstelligen und die demokratische Partei
zu brechen. Hinter diesem Ministerium hatte er sich scheinbar eklipsiert,
die Regierungsgewalt in die Hände der Ordnungspartei abgetreten und die
bescheidene Charaktermaske angelegt, die unter Louis-Philippe der
verantwortliche Gerant der Zeitungspresse trug, die Maske des homme de
paille <Strohmannes>. Jetzt warf er eine Larve weg, die nicht mehr der
leichte Vorhang war, worunter er seine Physiognomie verstecken konnte,
sondern die eiserne Maske, die ihn verhinderte, eine eigne Physiognomie zu
zeigen. Er hatte das Ministerium Barrot eingesetzt, um im Namen der
Ordnungspartei die republikanische Nationalversammlung zu sprengen; er
entließ es, um seinen eignen Namen von der Nationalversammlung der
Ordnungspartei unabhängig zu erklären.
An
plausiblen Vorwänden zu dieser Entlassung fehlte es nicht. Das Ministerium
Barrot vernachlässigte selbst die Anstandsformen, die den Präsidenten der
Republik als eine Macht neben der Nationalversammlung hätten erscheinen
lassen. Während der Ferien der Nationalversammlung veröffentlichte
Napoleon einen Brief an Edgar Ney, worin er das illiberale Auftreten
<150> des Papstes zu mißbilligen schien, wie er
im Gegensatz zur Konstituante einen Brief veröffentlicht hatte, worin er
Oudinot für den Angriff auf die römische Republik belobte. Als nun die
Nationalversammlung das Budget für die römische Expedition votierte,
brachte Victor Hugo aus angeblichem Liberalismus jenen Brief zur Sprache.
Die Ordnungspartei erstickte den Einfall, als ob Bonapartes Einfälle
irgendein Gewicht haben könnten, unter verächtlich ungläubigen
Ausrufungen. Keiner der Minister nahm den Handschuh für ihn auf. Bei einer
andern Gelegenheit ließ Barrot mit seinem bekannten hohlen Pathos Worte
der Entrüstung von der Rednertribüne auf die “abominablen Umtriebe”
fallen, die nach seiner Aussage in der nächsten Umgebung des Präsidenten
vorgingen. Endlich verweigerte das Ministerium, während es der Herzogin
von Orléans einen Witwengehalt von der Nationalversammlung erwirkte, jeden
Antrag auf Erhöhung der präsidentiellen Zivilliste. Und in Bonaparte
verschmolz der kaiserliche Prätendent so innig mit dem heruntergekommenen
Glücksritter, daß die eine große Idee, er sei berufen, das Kaisertum zu
restaurieren, stets von der anderen ergänzt ward, das französische Volk
sei berufen, seine Schulden zu zahlen.
Das
Ministerium Barrot-Falloux war des erste und letzte parlamentarische
Ministerium, das Bonaparte ins Leben rief. Die Entlassung desselben
bildete daher einen entscheidenden Wendepunkt. Mit ihm verlor die
Ordnungspartei, um ihn nie wieder zu erobern, einen unentbehrlichen Posten
für die Behauptung des parlamentarischen Regimes, die Handhabe der
Exekutivgewalt. Man begreift sogleich, daß in einem Lande wie Frankreich,
wo die Exekutivgewalt über ein Beamtenheer von mehr als einer halben
Million von Individuen verfügt, also eine ungeheure Masse von Interessen
und Existenzen beständig in der unbedingtesten Abhängigkeit erhält, wo der
Staat die bürgerliche Gesellschaft von ihren umfassendsten
Lebensäußerungen bis zu ihren unbedeutendsten Regungen hinab, von ihren
allgemeinsten Daseinsweisen bis zur Privatexistenz der Individuen
umstrickt, kontrolliert, maßregelt, überwacht und bevormundet, wo dieser
Parasitenkörper durch die außerordentlichste Zentralisation eine
Allgegenwart, Allwissenheit, eine beschleunigte Bewegungsfähigkeit und
Schnellkraft gewinnt, die nur in der hülflosen Unselbständigkeit, in der
zerfahrenen Unförmlichkeit des wirklichen Gesellschaftskörpers ein
Analogen finden, daß in einem solchen Lande die Nationalversammlung mit
der Verfügung über die Ministerstellen jeden wirklichen Einfluß verloren
gab, wenn sie nicht gleichzeitig die Staatsverwaltung vereinfachte, das
Beamtenheer möglichst verringerte, endlich die bürgerliche Gesellschaft
und die öffentliche Meinung ihre eignen von der Regierungsgewalt
unabhängigen Organe erschaffen ließ. Aber das materielle Interesse
der <151> französischen Bourgeoisie ist gerade
auf das innigste mit der Erhaltung jener breiten und vielverzweigten
Staatsmaschine verwebt. Hier bringt sie ihre überschüssige Bevölkerung
unter und ergänzt in der Form von Staatsgehalten, was sie nicht in der
Form von Profiten, Zinsen, Renten und Honoraren einstecken kann.
Andererseits zwang ihr politisches Interesse sie, die Repression,
also die Mittel und das Personal der Staatsgewalt, täglich zu vermehren,
während sie gleichzeitig einen ununterbrochenen Krieg gegen die
öffentliche Meinung führen und die selbständigen Bewegungsorgane der
Gesellschaft mißtrauisch verstümmeln, lähmen mußte, wo es ihr nicht
gelang, sie gänzlich zu amputieren. So war die französische Bourgeoisie
durch ihre Klassenstellung gezwungen, einerseits die Lebensbedingungen
einer jeden, also auch ihrer eigenen parlamentarischen Gewalt zu
vernichten, andererseits die ihr feindliche Exekutivgewalt unwiderstehlich
zu machen.
Das
neue Ministerium hieß das Ministerium d'Hautpoul. Nicht als hätte General
d'Hautpoul den Rang eines Ministerpräsidenten erhalten. Mit Barrot
schaffte Bonaparte vielmehr zugleich diese Würde ab, die den Präsidenten
der Republik allerdings zur legalen Nichtigkeit eines konstitutionellen
Königs verdammte, aber eines konstitutionellen Königs ohne Thron und ohne
Krone, ohne Zepter und ohne Schwert, ohne Unverantwortlichkeit, ohne den
unverjährbaren Besitz der höchsten Staatswürde und, was das fatalste war,
ohne Zivilliste. Das Ministerium d'Hautpoul besaß nur einen Mann von
parlamentarischem Rufe, den Juden Fould, eines der berüchtigsten
Glieder der hohen Finanz. Ihm fiel das Finanzministerium anheim. Man
schlage die Pariser Börsennotationen nach, und man wird finden, daß vom 1.
November 1849 an die französischen Fonds steigen und fallen mit dem
Steigen und Fallen der bonapartistischen Aktien. Während Bonaparte so
seinen Affiliierten in der Börse gefunden hatte, bemächtigte er sich
zugleich der Polizei durch Carliers Ernennung zum Polizeipräfekten von
Paris.
Indes konnten sich die Folgen des Ministerwechsels erst im Laufe der
Entwicklung herausstellen. Zunächst hatte Bonaparte nur einen Schritt
vorwärts getan, um desto augenfälliger rückwärts getrieben zu werden.
Seiner barschen Botschaft folgte die servilste Untertänigkeitserklärung an
die Nationalversammlung. Sooft die Minister den schüchternen Versuch
wagten, seine persönlichen Marotten als Gesetzesvorschläge einzubringen,
schienen sie selbst nur widerwillig und durch ihre Stellung gezwungen, die
komischen Aufträge zu erfüllen, von deren Erfolglosigkeit sie im voraus
überzeugt waren. Sooft Bonaparte im Rücken der Minister seine Absichten
ausplauderte und mit seinen “idées napoléoniennes “ spielte, desavouierten
ihn die eignen Minister von der Tribüne der Nationalversammlung herab.
Seine Usurpations- <152> gelüste schienen nur
laut zu werden, damit das schadenfrohe Gelächter seiner Gegner nicht
verstumme. Er gebärdete sich als ein verkanntes Genie, das alle Welt für
einen Simpel ausgibt. Nie genoß er in vollerem Maße die Verachtung aller
Klassen als während dieser Periode. Nie herrschte die Bourgeoisie
unbedingter, nie trug sie prahlerischer die Insignien der Herrschaft zu
Schau.
Ich
habe hier nicht die Geschichte ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit zu
schreiben, die sich wahrend dieser Periode in zwei Gesetzen resümiert: in
dem Gesetze, das die Weinsteuer wiederherstellte, in dem
Unterrichtsgesetze, das den Unglauben abschafft. Wenn den Franzosen
das Weintrinken erschwert, ward ihnen desto reichlicher vom Wasser des
wahren Lebens geschenkt. Wenn die Bourgeoisie in dem Gesetze über die
Weinsteuer das alte gehässige französische Steuersystem für unantastbar
erklärt, suchte sie durch das Unterrichtsgesetz den alten Gemütszustand
der Massen zu sichern, der es ertragen ließ. Man ist erstaunte, die
Orleanisten, die liberalen Bourgeoisie, diese alten Apostel des
Voltairianismus und der eklektischen Philosophie, ihren Stammfeinden, den
Jesuiten, die Verwaltung des französischen Geistes anvertrauen zu sehen.
Aber Orleanisten und Legitimisten konnten in Beziehung auf den
Kronprätendenten auseinandergehen, sie begriffen, daß ihre vereinte
Herrschaft die Unterdrückungsmittel zweier Epochen zu vereinigen gebot,
daß die Unterjochungsmittel der Julimonarchie durch die
Unterjochungsmittel der Restauration ergänzt und verstärkt werden mußten.
Die
Bauern, in allen ihren Hoffnungen getäuscht, durch den niedrigen Stand der
Getreidepreise einerseits, durch die wachsende Steuerlast und
Hypothekenschuld andererseits mehr als je erdrückt, begannen sich in den
Departements zu regen. Man antwortete ihnen durch eine Hetzjagd auf die
Schulmeister, die den Geistlichen, durch eine Hetzjagd auf die Maires, die
den Präfekten, und durch ein System der Spionage, dem alle unterworfen
wurden. In Paris und den großen Städten trägt die Reaktion selbst die
Physiognomie ihrer Epoche und fordert mehr heraus, als sie niederschlägt.
Auf dem Lande wird sie platt, gemein, kleinlich, ermüdend, plackend, mit
einem Worte Gendarm. Man begreift, wie drei Jahre vom Regime des
Gendarmen, eingesegnet durch das Regime des Pfaffen, unreife Massen
demoralisieren mußten.
Welche Summe von Leidenschaft und Deklamation die Ordnungspartei von der
Tribüne der Nationalversammlung herab gegen die Minorität aufwenden
mochte, ihre Rede blieb einsilbig wie die des Christen, dessen Worte sein
sollen: Ja, ja, nein, nein! Einsilbig von der Tribüne herab wie in der
Presse. Fast wie ein Rätsel, dessen Lösung im voraus bekannt ist. Handelte
es <153> sich um Petitionsrecht oder um
Weinsteuer, um Preßfreiheit oder um Freihandel, um Klubs oder um
Munizipalverfassung, um Schutz der persönlichen Freiheit oder um Regelung
des Staatshaushaltes, das Losungswort kehrt immer wieder, das Thema bleibt
immer dasselbe, der Urteilsspruch ist immer fertig und lautet
unveränderlich: “Sozialismus!” Für sozialistisch wird selbst
der bürgerliche Liberalismus erklärt, für sozialistisch die bürgerliche
Aufklärung, für sozialistisch die bürgerliche Finanzreform. Es war
sozialistisch, eine Eisenbahn zu bauen, wo schon ein Kanal vorhanden war,
und es war sozialistisch, sich mit dem Stocke zu verteidigen, wenn man mit
dem Degen angegriffen wurde.
Es
war dies nicht bloße Redeform, Mode, Parteitaktik. Die Bourgeoisie hatte
die richtige Einsicht, daß alle Waffen, die sie gegen den Feudalismus
geschmiedet, ihre Spitzen gegen sie selbst kehrten, daß alle
Bildungsmittel, die sie erzeugt, gegen ihre eigne Zivilisation
rebellierten, daß alle Götter, die sie geschaffen, von ihr abgefallen
waren. Sie begriff, daß alle sogenannten bürgerlichen Freiheiten und
Fortschrittsorgane ihre Klassenherrschaft zugleich an der
gesellschaftlichen Grundlage und an der politischen Spitze angriffen und
bedrohten, also “sozialistisch” geworden waren. In dieser Drohung
und in diesem Angriffe fand sie mit Recht das Geheimnis des Sozialismus,
dessen Sinn und Tendenz sie richtiger beurteilt, als der sogenannte
Sozialismus sich selbst zu beurteilen weiß, der daher nicht begreifen
kann, wie die Bourgeoisie sich verstockt gegen ihn verschließt, mag er nun
sentimental über die Leiden der Menschheit winseln oder christlich das
Tausendjährige Reich und die allgemeine Bruderliebe verkünden oder
humanistisch von Geist, Bildung, Freiheit faseln oder doktrinär ein System
der Vermittlung und der Wohlfahrt aller Klassen aushecken. Was sie aber
nicht begriff, war die Konsequenz, daß ihr eignes parlamentarisches
Regime, daß ihre politische Herrschaft überhaupt nun auch als
sozialistisch dem allgemeinen Verdammungsurteil verfallen mußte.
Solange die Herrschaft der Bourgeoisklasse sich nicht vollständig
organisiert, nicht ihren r |